aktualisiert: 30.08.2012 12:03 Uhr
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HASSFURT/KLEINSTEINACH
Bewegende Reise in die Vergangenheit
Lea Goldschmidt besuchte zusammen mit ihrem Mann die Heimat ihrer jüdischen Vorfahren
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Spurensuche auf dem jüdischen Friedhof in Kleinsteinach. Dort ist unter anderem der Urgroßvater von Lea Goldschmidt begraben.Fotos: beate Dahinten -
Auftakt zur Zeitreise: Bürgermeister Rudi Eck (rechts) überreicht Lea und Eliezer Goldschmidt die Chronik der Stadt Haßfurt. Auch das Schicksal der jüdischen Bürger ist dort dokumentiert.
„Es tut mir nur leid, dass wir nicht schon früher gekommen sind“, sagt Lea Goldschmidt. Nun kann sie die Eindrücke ihrer Reise wenigstens an ihre Kinder weitergeben – einer Reise in die Vergangenheit.
Zusammen mit ihrem Mann, dessen Eltern ebenfalls aus Deutschland stammen, besucht die Jüdin nun die Heimat ihrer Vorfahren. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch erzählen beide von dem, was sie hergeführt hat. Lea Goldschmidts Mutter, Friedel Ascher, geborene Rosenthal, war Mitte der 1930er Jahre aus Furcht vor den Nazis von Haßfurt nach Palästina ausgewandert. „Vor Jahren hat meine Mutter nicht gewollt, dass wir herkommen. Sie konnte nicht über die Vergangenheit sprechen“, sagt die Tochter. Als sie älter geworden sei, habe sie es aber gewollt. Und nun, einige Monate nach ihrem Tod, haben Goldschmidts den Willen der Mutter erfüllt.
Cordula Kappner, die sich mit der Geschichte auch dieser jüdischen Familie befasst hat und Aschers gut kannte, begleitet das Ehepaar. Der erste Eindruck von Haßfurt hat die beiden positiv überrascht. „Wir erwarteten, eine alte Stadt zu sehen, aber wir sehen Entwicklung“, sagt Eliezer Goldschmidt beim Besuch im Rathaus. Schließlich kennen er und seine Frau die Stadt nur aus der Erinnerung der Mutter – genauso wie die Menschen, mit denen sie hier gelebt hatte, Verwandte, Nachbarn und Freunde. Einige davon begegnen ihnen in der Chronik, die Bürgermeister Rudi Eck als Geschenk überreicht. Sichtlich bewegt betrachtet Lea Goldschmidt die Fotos.
Bewegende Momente auch am ehemaligen Lonnerstädter-Haus in der Hauptstraße. Heßlein und Rosa Lonnerstädter waren die Großeltern mütterlicherseits von Friedel Ascher. Die Lonnerstädters, eine alteingesessene Familie in Haßfurt, hatten verwandtschaftliche Verbindungen zur Familie Lehmann, den Begründern jenes amerikanischen Bankhauses, das inzwischen durch seine Rolle in der Finanzkrise traurige Berühmtheit erlangt hat. Das Anwesen jedenfalls wurde inzwischen mehrfach umgebaut. Nur der Stufengiebel des Hauses erinnert noch an das frühere Aussehen. Heute befindet sich dort ein Café.
Der Hass der Nazis
Im Hof treffen die Besucher auf Marlies Kirchner, geborene Amberg. Ihre Eltern hatten das Haus 1935 gekauft, eine Schreinerei und später auch ein Möbelgeschäft dort betrieben. Die Familie Lonnerstädter blieb zunächst im Obergeschoss wohnen. Dadurch haben die Ambergs die Verfolgung jüdischer Bürger hautnah miterlebt, sogar selbst etwas von dem Hass zu spüren bekommen, den die Nationalsozialisten schürten. „Wir wurden als Judenfreunde beschimpft, weil Juden so lange hier gewohnt haben“, erinnert sich Marlies Kirchner.
Zudem verbindet sich ihre für sie „schrecklichste Kindheitserinnerung“ mit dem Nazi-Terror. Etwa drei Jahre alt war sie gewesen, als SA-Männer – wohl im Zusammenhang mit dem Pogrom 1938 – auf der Suche nach Jonas Lonnerstädter ins Haus kamen. „'Wo isser denn, wo isser denn?', haben sie gerufen.“ Die jüdischen Bewohner des Hauses mussten schließlich in die Brückenstraße umziehen, wie alle Haßfurter Juden. Die Großmutter von Friedel Ascher starb dort einige Jahre später, ihre Mutter und ihre drei Schwestern wurden deportiert.
Von der Brückenstraße führt Cordula Kappner die Gäste weiter über den Marktplatz durch die Altstadt. Vor allem Lea Goldschmidt ist angetan von den hübschen Häusern und dem ruhigen Treiben in den Straßen und Gassen. „Es ist hier so schön!“– eben ein angenehmer Kontrast zum Großstadtleben für das Ehepaar, das in einem Vorort von Tel Aviv zuhause ist.
Lea Goldschmidt erzählt von ihrer großen Familie mit sechs Kindern, 26 Enkeln und vier Urenkeln, von ihren drei jüngeren Geschwistern, von ihrer Mutter, die fast 97 Jahre alt wurde. Diese große Familie bedeutet Lea Goldschmidt viel. Es stimmt sie traurig, wenn sie an die Situation ihrer Eltern denkt, damals in der neuen Heimat. „Sie waren ganz alleine.“ Ihr Vater stammte aus Halberstadt. Den Erzählungen der Tochter zufolge hatten sich die Eltern noch in Deutschland verlobt, bevor sie 1936 nach Palästina kamen und dort heirateten.
Erinnerungen an die Kindheit
Wenn sie hört, wie um sie herum Deutsch gesprochen wird, weckt das bei Lea Goldschmidt Erinnerungen an ihre Eltern, an ihre Kindheit. Und natürlich weckt es Emotionen, als sie mit ihrem Mann die Gedenktafel im Eingangsbereich der ehemaligen Synagoge studiert. Doch auch zur gegenwärtigen Nutzung – in den freundlich gestalteten Räumen ist das Staatliche Schulamt untergebracht – gibt es eine Verbindung: Lea Goldschmidt war selbst Lehrerin und dann auch Schulleiterin. Genug Anknüpfungspunkte also für ein kurzes Fachgespräch mit Schulrat Norbert Zwicker.
Auf dem letzten Stück des Rundgangs kreuzen die Besucher den Weg zum Bahnhof, den die Haßfurter Juden bei ihrer Deportation hatten nehmen müssen.
Die Reise in die Vergangenheit führt das Ehepaar Goldschmidt schließlich auf den jüdischen Friedhof in Kleinsteinach. Am Grab von Heßlein Lonnerstädter, dem Urgroßvater seiner Frau, spricht Eliezer Goldschmidt ein Gebet. „Es tut mir nur leid, dass wir nicht schon früher gekommen sind“, sagt seine Frau. Es hätte ihre Eltern glücklich gemacht, dass sie die Gräber ihrer Familie besucht. Aber: Es sei wichtig, die Eltern zu respektieren, auch nach ihrem Tod. Darin möchte Lea Goldschmidt ihren eigenen Kindern ein Vorbild sein.
Auch deshalb war es für sie wichtig, diese Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.
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