aktualisiert: 02.01.2012 10:03 Uhr
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SCHWEINFURT
Das Wort ist das Ziel
Serie Integration: Die Schweinfurter Volkshochschule bietet im Auftrag des Bundesamts für Migration Integrationskurse für Zuwanderer an, in denen es um die deutsche Sprache, aber auch um Deutschland und die Deutschen geht.
Der junge Mann aus dem Irak wirft schnell ein paar Zeichen aufs Papier: kleine Striche, Kringel, Häkchen. Es sind die arabischen Zeichen, die etwa unseren Buchstaben A, B, C und D entsprechen. Ähnlichkeiten: keine. Der junge Mann sitzt mit einem knappen Dutzend Mitschüler in einem Alphabetisierungskurs der Volkshochschule – Männer und Frauen aus Thailand, Vietnam, dem Kosovo, Afghanistan oder eben dem Irak. Sie sind mit einer völlig anderen Sprache aufgewachsen, einer völlig anderen Art zu schreiben, oder sie haben es nie richtig gelernt. Manche haben gesundheitliche Probleme, die ihr Augenlicht beeinträchtigen. „Die ersten drei Monate arbeiten wir nur daran, die Buchstaben zu lernen“, sagt Istvan Jozsa, der den Kurs leitet. Manchmal besteht die erste Unterrichtseinheit darin zu lernen, wie man den Stift richtig hält. Dieser Kurs hat die ersten Hürden bereits genommen. Die Schüler sitzen gerade über der Abschlussübung zu Unterrichtsmodul 9: mehrsilbige Wörter.
Ein Jahr dauert ein Alphabetisierungskurs, 25 Unterrichtsstunden a 45 Minuten pro Woche. Alphabetisierungskurse sind sozusagen die Grundstufe der Integrationskurse, die die vhs im Auftrag des Bundesamts für Migration anbietet. Seit 1. Januar 2005 sind staatliche Integrationsangebote für Zuwanderer gesetzlich geregelt, und deren Kern bilden die Integrationskurse (siehe Artikel unten). In Schweinfurt ist die vhs alleiniger Anbieter.
Es ist genau festgelegt, wer Anrecht auf einen Integrationskurs hat und wer sogar dazu verpflichtet werden kann. Grob vereinfacht gilt: Wer sich als Zuwanderer mit einem gültigen Aufenthaltstitel hier aufhält, der ist – gegen eine Selbstbeteiligung von einem Euro pro Stunde (Befreiungen sind möglich) – zugelassen. Das können anerkannte Asylbewerber oder – im Rahmen einer Härtefallregelung – langjährig Geduldete sein, in den meisten Fällen aber sind es Menschen, die im Zuge des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen sind.
Ziel des Integrationskurses ist das Sprachniveau B1 – womit nach einem EU-weit einheitlichen System der „Gemeinsamen Referenzniveaus“ gemeint ist, dass die Absolventen „auf der unteren Stufe des Bereichs ,Selbstständige Sprachverwendung' sprachliche Probleme des Alltags flexibel bewältigen können, indem sie zum Beispiel ein Gespräch aufrechterhalten und in alltäglichen Situationen ausdrücken können, was sie sagen möchten. Ihr Wortschatz reicht aus, um sich, wenn auch manchmal zögernd und mit Hilfe von Umschreibungen, über Themen wie Familie, Hobbys und Interessen, Arbeit, Reisen und aktuelle Ereignisse unterhalten zu können“, wie es auf der Homepage des Bundesamts für Migration heißt. Bundesweit schafft etwa die Hälfte der Schüler im abschließenden „Deutsch-Test für Zuwanderer“ das Niveau B1, in Schweinfurt sind es sogar ein paar mehr. B1 ist Voraussetzung etwa für eine Einbürgerung, für Berufe im medizinischen Bereich etwa muss schon B2 nachgewiesen werden. Grundsätzlich bekommt in Deutschland nur eine Aufenthaltserlaubnis, wer A1 vorweisen kann, wer sich also „auf ganz einfache Weise über konkrete Bedürfnisse verständigen kann“.
Es ist der Fall einer Schülerin überliefert, die den Durchmarsch vom Alphabetisierungskurs bis B1 geschafft hat. Das ist aber die Ausnahme, sagt Elke Moulin, bei der vhs zuständig für den Programmbereich Sprachen und Integration. Sie teilt die zehn Dozenten ein, die alle über die Qualifikation „Deutsch als Fremdsprache“ verfügen und vom Bundesamt zugelassen sind. „Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was die Dozenten hier leisten“, sagt Norbert Metz, Regionalkoordinator Integration des Bundesamts, „und reich wird man mit dem Job nicht.“
Der Unterricht beginnt oft mit ganz elementaren Lernzielen: „Erstmal geht es darum, dass die Schüler pünktlich erscheinen“, sagt Dozent Murat Seyhan. Seyhan stammt aus der Türkei, mit türkischen Schülern spricht er trotzdem nie in seiner Muttersprache – Unterrichtssprache ist grundsätzlich Deutsch, das fördert einerseits den Spracherwerb und verhindert andererseits, dass sich andere Kursteilnehmer zurückgesetzt fühlen.
Die heterogene Zusammensetzung der Kurse, in denen Angehörige verschiedenster Kulturkreise sitzen, sieht Norbert Metz durchaus als Vorteil: „Da entstehen weitreichende persönliche Beziehungen über die Grenze von Religionen und Nationalitäten hinaus.“ In Würzburg, erzählt Metz, saßen einmal ein Palästinenser und ein Israeli nebeneinander. Am Ende des Kurses seien sie bereit gewesen, zumindest diesem einen Vertreter der Gegenseite auf freundschaftlicher Basis zu begegnen.
Ansonsten berichten die Dozenten von durchwegs höflichen und dankbaren Kursteilnehmern. Viele kommen aus Ländern, in denen Schulbildung als hohes Gut gilt, und bringen den Lehrern großen Respekt entgegen. „Ein Schüler würde nie hinter meinem Rücken den Raum verlassen“, sagt Istvan Jozsa. Ist die Angst, etwas Falsches zu sagen und dafür ausgelacht zu werden, erstmal überwunden, entstehen über die Wochen und Monate, die die Gruppen fast täglich beisammen sind, enge Beziehungen. Die Dozenten sind oft nicht nur Lehrer, sondern auch Lebensberater. „In diesem Beruf habe ich so viel positives Feedback wie in keinem anderen“, sagt etwa Constanze von der Bussche. Neben dem reinen Sprachunterricht geht es immer auch um Deutschland und die Deutschen. Dass man hierzulande zum Beispiel am Sonntag keine Wäsche aufhängt, will man nicht schiefe Blicke ernten.
Besonders schwer tun sich die Zuwanderer, die schon lange hier leben, aber nie richtig Deutsch gelernt haben. Der Sprachpädagoge spricht dann von „fossiliertem Sprachgebrauch“. „Es ist ungeheuer schwer, Fehler die sich festgesetzt haben, wieder wegzukriegen“, sagt Elke Moulin.
Vor allem an muslimische Frauen richten sich die niederschwelligen Frauenkurse der vhs. Diese Gruppe ist besonders schwer zu erreichen, sagt Moulin. Deshalb bietet sie ab 16. Januar einen reinen Frauenintegrationskurs an. Sie stattet derzeit den Moscheevereinen rundum Besuche ab, um für das Projekt zu werben. „Aber als klar wurde, dass das viermal die Woche Unterricht bedeutet, wurde gleich Zurückhaltung signalisiert.“ Viele dieser Frauen stammten aus konservativen Gegenden, in denen der Spracherwerb nicht im Vordergrund stehe, sagt auch Norbert Metz. Elke Moulin argumentiert dann, die Frauen bräuchten dann niemand mehr, der etwa beim Arzt für sie dolmetscht, und sie könnten auch einmal einen Elternabend in der Schule ihrer Kinder besuchen. Moulin hofft auf 15 bis 16 Teilnehmerinnen. „Natürlich hätte ich sie lieber in einem der allgemeinen Kurse, aber es ist schon ein großer Erfolg, wenn wir sie hier ins Unterrichtsgebäude kriegen.“
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