publiziert: 20.05.2010 17:19 Uhr
aktualisiert: 20.05.2010 18:36 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text ALTENSTEIN
Doch nicht der älteste Mann der Welt

Joseph Brunner ergaunerte sich wohl nur geschickt ein Gnadengehalt – Der Kreisheimatpfleger relativiert
  • Repro: Günter Lipp
    Eintrag in die Sterbematrikel: Ungewöhnlich groß schrieb der Altensteiner Pfarrer Volkhardt 1827 das Alter in die Sterbematrikel, das (Johann Georg) Joseph Brunner erreicht hatte.
  • Foto: Lipp
    Wohnsitz in Altenstein: In dem Haus soll Brunner gelebt haben.
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Joseph Brunner aus Altenstein scheint nicht 120 Jahre alt geworden zu sein. Joseph Brunner ist vermutlich nicht der älteste Mann der Welt gewesen.

Zweieinhalb Jahre haben meine Frau und ich nun seinen Lebenslauf erforscht, sind wegen ihm tausende von Kilometern gefahren, sind stundenlang in Archiven gesessen, haben Briefe und Artikel geschrieben, Gespräche geführt, Vorträge gehalten, die Medien beschäftigt, Leute zum Staunen gebracht. Und jetzt muss ich sagen: War höchstwahrscheinlich alles nichts. Wie ist das möglich?

Ein Restschatten lag immer auf der Sache. Allerdings nur ein ganz schmaler. In Trappstadt war Joseph Brunner 1706 als Sohn des Balthasar Brunner und seiner Ehefrau Anna geboren. Seit Januar 2008 war uns von Michael Böckler bekannt, dass im gleichen Ort 1739 auch ein Johann Georg Joseph Brunner zur Welt gekommen war, dessen Eltern Johann Georg und Gertrud hießen. Darauf hatte mich 2008 auch Stefan Jamin aus Neustadt/Waldnaab deutlich hingewiesen.

Aber dieser zweite Brunner kam für uns von der Quellenlage her aus mehreren Gründen nicht in Frage. Denn die Berichte vom Anfang des 19. Jahrhunderts über das hohe Alter von Joseph Brunner waren eindeutig:

1. Im 3. Band der „Medicinisch-chirurgischen Zeitung“ von 1821 steht zu lesen: „Zu Altenstein lebt ein Mann, Nahmens Brunner, 115 Jahre alt. Er lebte Theils als ein armer Knecht, Theils als Taglöhner, höchst einfach, geht täglich mehrere Stunden umher und genießt einen Gnadengehalt des Königs und die Unterstützung der Umgegend“. Dieser Fachbeitrag wurde im folgenden Jahr sogar in Band 47 auf Seite 84 des „London medical and physical journal“ (Jan. – Juni 1822) in Übersetzung abgedruckt.

2. Die „Deutsche Nationalzeitung“ berichtete im Juni 1823, dass Joseph Brunner mit 117 Jahren zum bayerischen König Max nach Kloster Banz gewandert sei und von ihm als ältester Einwohner des Königreichs ein Gnadengehalt erhalten hatte.

3. Am 15. Februar 1824 erlebt Stadtschreiber Greb bei der Feier des kgl. Thronjubiläums in Ebern Joseph Brunner und seine Frau persönlich und berichtet, er sei jetzt 118 Jahre alt.

4. Pfarrer Volkhardt gibt das Alter des in Altenstein verstorbenen Joseph Brunners in der Sterbematrikel groß mit „120 Jahren, 11 Monaten und 24 Tagen“ an.

5. Der 1829 in Ilmenau gedruckte „Nekrolog der Deutschen“ Bd. 5, Teil 2 meldet im November 1827 den Tod Joseph Brunners und schreibt: „Vor wenigen Jahren ging er zu Fuß noch nach Hildburghausen und war in dem letzten Jahre auch noch in München.“

Das alles waren Angaben von Zeitgenossen, die Brunner teilweise persönlich gesehen hatten. So viele Belege ließen kaum noch einen Zweifel über die Wahrheit der Geschichte.

Kriminalfall

Wie sind wir überhaupt nun darauf gestoßen, dass die Sache höchstwahrscheinlich aber doch kein publikumswirksamer, werbewirksamer Altersweltrekord ist, sondern sich „nur“ als ein ungewöhnlicher Kriminalfall aus der Zeit vor 200 Jahren entpuppt?

Es begann mit der Suche nach seiner ersten Frau Anna Maria. Wir kannten von ihr keinen Familiennamen, keine Jahreszahl und wussten nicht, woher sie stammte. Es war uns aus dem genannten Artikel der „Deutschen Nationalzeitung“ von 1823 aber bekannt, dass Joseph Brunner einmal in Reckendorf gelebt hatte. Wir wussten ferner aus der dortigen „Gottes Haus Rechnung“, dass ein Joseph Brunner für sich und seine Ehefrau 1770/71 das „Dorffgeld“, das Einzugsgeld, von 3 Gulden an die Gemeinde Reckendorf bezahlt und später im Ort ein Haus und Äcker erworben hatte.

Diese Information verdankten wir der Historikerin Heidi Waschka. Im Januar 2010 haben wir endlich in der Taufmatrikel der Filialkirche Reckendorf einen weiteren Hinweis auf die Familie gefunden: Für Joseph Brunner und seine Ehefrau Anna Maria sind dort zwei Kinder eingetragen: 1774 ein Gottlieb und 1779 eine Catharina. Und bei einem dieser Einträge fand sich glücklicherweise neben dem Namen der Mutter die wichtige Angabe, dass sie aus Dermbach stammte. Dermbach liegt in der thüringischen Rhön.

Nachdem Joseph Brunner diese Anna Maria nicht in Trappstadt und auch nicht in Reckendorf geheiratet hatte, recherchierte ich wegen der Hochzeit von Joseph Brunner und seiner Anna Maria: Eine Hochzeit gab es, doch die Eltern hießen mit Vornamen nicht Balthasar und Anna, sondern Georg Joseph und Gertrud und passten zu Johann Georg Joseph Brunner, der in Trappstadt erst 1739 geboren war. Der hat also dann 1763 in Dermbach geheiratet, ist 1770/71 nach Reckendorf gezogen und muss sich zwischen 1786 und 1789 endgültig in Altenstein niedergelassen haben.

Mit Johann Georg Joseph Brunner aber, der als 120-Jähriger gefeierter Einwohner Altensteins war, stimmen plötzlich auch die biologischen Daten. Der hat mit 24 Jahren in Dermbach die Anna Maria Flügel geheiratet, mit 55 die Anna Eva Keller und mit 64 die Ursula Ritzer. Sein erstes Kind zeugte er jetzt mit 24, sein letztes mit 65. Und er starb mit damals zwar beachtlichen, aber doch erreichbaren 88 Jahren. Vielleicht sah er so alt aus, dass er auch als rüstiger 120-Jähriger durchgehen konnte. Es ist im Übrigen auch heute noch beachtlich, mit 84 Jahren in sechs Stunden von Altenstein nach Banz zu wandern.

Warum das Ganze?

Wie und warum hat sich Johann Georg Joseph Brunner zu Joseph Brunner gemacht? Ich kann da nur vermuten, habe aber zwei mögliche Erklärungen.

Ausgangspunkt ist, was die Deutsche Nationalzeitung berichtet: „Nach seinem im Jahre 1820 zu Trappstadt ausgestellten Taufschein ist er am 26. Nov. 1706 daselbst geboren.“ Damals könnte zum ersten folgendes passiert zu sein: Johann Georg Joseph Brunner in Altenstein brauchte 1820 aus irgendeinem Grund seinen Taufschein. Entweder hat er den Pfarrer von Trappstadt deswegen anschreiben lassen, oder er ist selbst von Altenstein aus hingewandert. Und dort in Trappstadt muss sich Pfarrer Sebastian Schmitt, der ja von den Familienverhältnissen der Brunner keine Ahnung mehr hatte, getäuscht haben.

Er muss Johann Georg Joseph Brunner (*1739) irrtümlich einen Taufschein für Joseph Brunner (*1706) ausgestellt haben. Brunner hat den vermutlich dann in Altenstein hergezeigt und plötzlich hatte er schwarz auf weiß ein unglaubliches Alter. Das sprach sich rasch herum. Von da an lief er als medizinisches Wunder und hat das als einfacher Mann wahrscheinlich auch genossen. Wenn es so war, war er „nur“ ein Dummkopf oder ein Schwindler. 

    
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Aber es könnte auch anders gewesen sein: Der in Altenstein lebende, 1739 geborene Johann Georg Joseph Brunner ist ein Schlawiner. Er weiß, dass in Trappstadt schon 1706 ein Joseph Brunner zur Welt kam, nimmt dessen Identität an und schwindelt den Altensteinern vor, dass er schon über 100 Jahre alt sei. Als man daran zweifelt, geht er nach Trappstadt und lässt sich vom leichtgläubigen, unaufmerksamen Pfarrer einen Taufschein auf 1706 ausstellen. Mit dem bekommt er darauf hin als ältester Bayer das königliche Gnadengehalt, von dem 1821 die Zeitung schreibt und bedankt sich 1823 in Banz beim König persönlich. Wenn es so war, dann war er ein bewusster Betrüger.

Aber wenn es der Johann Georg Joseph von 1739 war, was ist dann aus dem Joseph Brunner von 1706 geworden? Der wäre dann aus der Geschichte völlig verschwunden. Wir kennen dann weder seine Aufenthaltsorte noch sein Todesdatum. Es hat ihn gegeben, aber er wurde nicht das, was wir zweieinhalb Jahre lang dachten: ein biologisches Wunder.

Tut mir leid: Es hat den Anschein der Weltrekord für Altenstein, für die Haßberge und Franken ist auf einen historischen Betrugsfall geschrumpft. Allerdings auf einen immer noch recht ungewöhnlichen. Und einen, der immer noch nicht voll aufgeklärt ist.

 
Von Kreisheimatpfleger GÜNTER LIPP
    
    

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