publiziert: 29.06.2012 17:41 Uhr
aktualisiert: 01.07.2012 12:06 Uhr
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EM-Finale: Hofheim kollektiv frustriert

Reife Leistung: Trotz des Aus gegen die Italiener feierten die Hofheimer am Freitag eine italienische Nacht
  • Hofheim Italienische Nacht_EM Halbfinale
    Münzel
    Hofheim gab alles am Abend des EM-Halbfinales - trotz Niederlage feierten die Bewohner eine italienische nacht. Respekt!
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Eigentlich war klar, dass das nichts werden konnte, mit dem deutschen Sieg im Halbfinale. Nicht weil wir noch nie in einem wichtigen Turnier gegen Italien gewonnen haben, sondern schlicht und einfach deshalb, weil ich an jenem schicksalsschweren Donnerstag meinen Fanschal zu Hause vergessen hatte. Ja, ich fühle mich aufgrund dieses Versäumnisses mitschuldig an der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft. Und dabei hätte alles so schön werden können.

Gut gelaunt treffe ich kurz vor acht Uhr mit meiner Freundin Sara am Hofheimer Marktplatz ein. Es ist schwül, doch nicht nur wir scheinen optimistisch zu sein, dass das Wetter hält und Deutschland ins Finale einzieht. Innerhalb kürzester Zeit sind die Biertischgarnituren mit Menschen belegt. Es riecht nach Bratwürsten und Steaks und über allem liegt ein Hauch Schwarz-Rot-Gold. Die Farben der deutschen Fahne finden sich auf Ohringen, in Oberteilen, Hüten, Röcken und natürlich den Trikots wieder. Die sanfte Brise verfängt sich aber auch in einigen italienischen Fahnen, die an den Marktständen hängen, und für grün-weiß-rote Farbtupfer sorgen. Hofheim feierte am gestrigen Freitag italienische Nacht – zynischer könnte die Abendgestaltung nach diesem verlorenen Halbfinale nicht aussehen.

Auch wenn man den sympathischen Italienern, die noch bis Samstag in Hofheim gastieren, den Sieg durchaus gönnen mag, war das, was die Zuschauer während des neunzigminütigen Spiels zu sehen bekamen eine Zumutung. Oder wie es eine geschätzte Kollegin von mir formulieren würde: Augen-Tinnitus („Ich sehe nur Pfeifen“). Die deutsche Elf spielte lust- und leidenschaftslos.

Dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine war, zeigte das unmutige Murren, das durch die Menge ging, wenn wieder ein deutscher Angriffsversuch ins Leere lief. Einzig die Tatsache, dass der nackte Oberkörper von Torschütze und Fußball-Rowdy Mario Balotelli wirklich schön anzuschauen war, machte die erste Halbzeit einigermaßen erträglich.

Fast symbolisch wehte der Wind kurz vor der Pause die auf der Bühne abgelegte Deutschlandfahne auf das Pflaster und die immer dunkler werdenden Wolken kündigten Regen an. Viele der Anwesenden, mich inklusive, wirken schon nach den ersten 45 Minuten reichlich verzagt. Trotzdem versuche ich, für gute Stimmung zu sorgen. „Im Finale '54 waren wir zur Halbzeit auch 2:0 hinten gelegen und sind dann mit 3:2 Toren Weltmeister geworden“, versuche ich den jungen Mann neben mir zu trösten. Der zieht nur fragend eine Augenbraue hoch und erteilt meiner Freude über mein fußballerisches Wissen einen herben Dämpfer. „Das hast du nur auswendig gelernt, um die Männer zu beeindrucken“, unterstellt er mir und ich drehe mich empört weg. Meine Ausführungen darüber, dass Max Morlock derjenige war, der damals den Anschlusstreffer erzielt hat, und dass ohne die Glubberer nichts geht, bekommt nur noch meine Freundin Sara zu hören. Nachdem sie mich mit einem „Du bist ja süß“ bedenkt, beschließe ich, die Fachsimpelei für den Rest des Abends lieber zu unterlassen.

Der einsetzende Regen hat inzwischen die meisten Fußballbegeisterten vom Marktplatz vertrieben. Von denen, die geblieben sind, haben sich rund 20 mit ihren Bierbänken auf die überdachte Bühne geflüchtet, um dort den Rest des Spieles zu verfolgen. Eine Handvoll Fans hat sich unter einem der Sonnenschirme auf dem Platz zusammengerottet und die Jugend lässt sich vom Regen nichts anhaben, sondern hüpft noch immer auf den Tischen und singt „Auf geht's, Deutschland schießt ein Tor“. Doch der Fußballgott erhört sie nicht. Die Minuten rasen dahin. Immer wieder arbeiten Jogis Jungs Chancen heraus, doch es scheitert an der Verwertung und ich habe nicht das Gefühl, dass irgendjemand noch an einen Sieg glaubt. Als Mesut Özil in der 90. Minute einen Foulelfmeter verwandelt und dadurch den Anschlusstreffer erzielt, keimt noch einmal so etwas wie Hoffnung auf, die schnell der Wut über den überstürzten Spielabpfiff weicht.

Nur mein Sitznachbar, der sieht das gelassen: „Weißt du“, sagt er zu mir, „das ist nur Fußball. Wenn du deine Arbeit verlieren oder dein Haus abbrennen würde, das wäre schlimm.“

    
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Deutschland-Italien
Hofheim
28.06.2012
    

Von unserem Redaktionsmitglied Carolin Münzel
    
    

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