aktualisiert: 16.03.2010 17:36 Uhr
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HOFHEIM
Eine Zeugin der Geschichte
Katharine Hagl vollendet ihr 100. Lebensjahr: Von der Kaiserzeit bis zur Demokratie
Es war ein für deutsche Motorsportfreunde denkwürdiger Tag: Der in der Auto-Schmiede Benz in Stuttgart gebaute Rennwagen „Benz 200“ durchbrach am 16. März 1910 als erstes Landfahrzeug überhaupt die Marke von 200 Stundenkilometern. Damit war der Bolide zu seiner Zeit schneller als jedes Flugzeug und die Eisenbahn. Just an diesem mäßig warmen Mittwoch erblickte in Nürnberg Katharine Hagl das Licht der Welt. Und am gestrigen Dienstag feierte sie im Caritas-Altenheim in Hofheim ihren 100. Geburtstag.
Drei verschiedene Staatsformen auf deutschem Boden, von der Monarchie über die Diktatur bis hin zur heutigen Demokratie hat die kleine, noch äußerst agile Frau in ihrem langen Leben mitgemacht. Es waren schwere Zeiten, als sie ein Kind war. Gerade die Bevölkerung in den Großstädten litt gegen Ende des Ersten Weltkriegs unter massiven Versorgungsengpässen. Die Eltern von Katharine Hagl entschieden deshalb, ihre Tochter aus der Großstadt Nürnberg aufs Land zu schicken, wo es den Leuten als landwirtschaftliche Selbstversorger noch einigermaßen gut ging. Das Mädchen Katharine kam nach Humprechtshausen, wo es bei Onkel und Tante, Richard und Anastasia Stephan, vorübergehend eine neue Heimat fand.
Die Abdankung von Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, gemeinhin bekannt als Kaiser Wilhelm II., erlebte die junge Katharine Hagl anno 1918 noch in den Haßbergen, ehe sie mit der Besserung der Versorgungslage wieder zu ihren Eltern nach Nürnberg zog.
Die Stadt blieb für die kommenden Jahrzehnte ihr Lebensmittelpunkt. Sie arbeitete als Büglerin in großen Hotels und heiratete den Nürnberger Alfons Hagl, der bereits 1986 starb. Das Ehepaar hatte eine Tochter, Maria Heusinger, die 1999 in Humprechtshausen gestorben ist. Bis ins 95. Lebensjahr lebte die verwitwete Jubilarin in Nürnberg in ihrem eigenen Haushalt, ehe die Enkel ihre Oma in den Haßgau ins Caritas-Altenheim holten, wo sich die 100-Jährige sehr wohl fühlt.
Dass sie auch im hohen Alter körperlich noch fit ist, liegt wohl auch daran, dass sie sich stets mit Sport fit gehalten hat. Ihre große Leidenschaft war der Ballett-Tanz. Für ihre Auftritte mit dem Ballett-Corps des Nürnberger Opernhauses musste sie damals ihre Kostüme noch selbst nähen, was ihr aber keine Probleme bereitete, da sie gerade im Nähen und bei Bastelarbeiten großes Geschick besaß.
Katharine Hagl feierte am 16. März 1935 in Nürnberg ihren 25. Geburtstag, als an jenem Tag Adolf Hitler die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht verkündete. Dass der kommende Diktator damit gegen den Vertrag von Versailles verstieß, störte Hitler herzlich wenig, denn der Weg in den Angriffskrieg, mit dem er Europa überzog, war schon vorgezeichnet – ein Krieg, unter dem auch Katharine Hagl zu leiden hatte.
Sie erinnert sich noch gut an ihren 35. Geburtstag: Der Kaffee-Tisch war hübsch gedeckt, der warme Gugelhupf stand zum Anschneiden bereit, als in Nürnberg die Sirenen einen bevorstehenden Luftangriff ankündigten. Katharine brachte sich und ihre Tochter im nächstgelegenen Luftschutzkeller in Sicherheit. Als man nach dem Angriff wieder ans Tageslicht krabbelte, gab es die Wohnung nicht mehr. Alles war zerstört. An diesem 35. Geburtstag von Katharine Hagl, jenem denkwürdigen 16. März 1945, ging auch Würzburg unter, aus dem viel gerühmten Florenz des Nordens wurde das Grab am Main.
Zum 100. Geburtstag waren als Vertreter der Stadt Hofheim Bürgermeister Wolfgang Borst, als Vertreter des Haßbergkreises der stellvertretende Landrat Siegfried Kerker, und als Gratulant der katholischen Pfarrei Diakon Winfried Neubert erschienen. Schriftliche Grüße kamen vom Bundespräsidenten und vom bayerischen Ministerpräsidenten. Vier Enkel und vier Urenkel stießen mit ihrer Oma auf weitere gesunde Jahre an.
Großes Aufheben wollte sie sowieso nicht machen wegen ihres Geburtstags. Irgendwie scheint sie sich nach all dem Trubel dann doch wieder auf ihre Ruhe in ihrem Einzelzimmer gefreut zu haben, um in den bunten Illustrierten die neuesten Geschichten aus den Häusern des europäischen Hochadels nachzulesen. Denn das interessiert sie nach wie vor brennend. Kein Wunder, wenn man aus der Kaiserzeit stammt.
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