aktualisiert: 22.11.2011 18:17 Uhr
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HASSFURT/BAMBERG
Frankens erste Rabbinerin
Am 23. November wird Antje Yael Deusel ordiniert – die Karrieren bedeutender Rabbiner begannen einst in Haßfurt
Am 23. November wird Antje Yael Deusel in Bamberg als Rabbinerin ordiniert. Die Fachärztin für Urologie am Klinikum Bamberg absolvierte ihr Rabbinatsstudium an dem seit 1999 bestehenden liberalen Abrahem-Geiger-Kolleg in Potsdam.
Zwar gab und gibt es schon einige andere Frauen, die es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zum geistlichen Oberhaupt jüdischer Gemeinden in Deutschland gebracht haben, doch sie mussten entweder im Ausland studieren oder stammen selbst nicht aus Deutschland. Deusel ist somit die erste nach 1945 geborene Jüdin, die an einem deutschen Rabbinerseminar ausgebildet wurde. Auf jeden Fall aber ist die gebürtige Nürnbergerin die erste fränkische Rabbinerin. Und: Sie erwarb ihre ersten Grundlagen zum Studium der jüdischen Theologie vor mehr als dreißig Jahren im Wahlfach Hebräisch am Regiomontanus-Gymnasium in Haßfurt. Bereits im 19. Jahrhundert war Haßfurt das Sprungbrett einiger Karrieren in dem damals noch allein Männern vorbehaltenen Rabbineramt.
Haßfurt besaß, allein aufgrund der bis weit ins 19. Jahrhundert hinein relativ geringen Zahl jüdischer Einwohner, niemals ein eigenes Rabbinat. Für die Juden der Stadt zuständig war der Distriktsrabbiner in Niederwerrn, ab 1864 in Schweinfurt. Das 1813 erlassene bayerische Judenedikt verlangte von den Bewerbern um eine offizielle Rabbinerstelle neben einer jüdisch-theologischen Ausbildung das Studium einer „weltlichen“ Disziplin an einer staatlichen Universität.
Um einen eigenen Rabbinatsdistrikt bilden zu können, waren mindestens fünfzig jüdische Familien notwendig. Gleichwohl dürften auch in der jüdischen Gemeinde von Haßfurt immer wieder rabbinisch ausgebildete Männer gelebt haben, die als sogenannte „Schiur-“ oder „Klausrabbiner“ andere jüdische Männer im Studium des religiösen Schrifttums anleiteten und auch auch Jugendlichen Religionsunterricht erteilten durften. Das hebräische Wort „Schiur“ bedeutet Unterrichtsstunde; unter einer „Klaus“ (jiddisch, abgeleitet vom deutschen Wort „Klause“) versteht man ein durch eine private Stiftung getragenes jüdisches Lehrhaus.
Eine derartige Stellung dürfte in Haßfurt der als „Ortsrabbiner“ bezeichnete Abraham Heßlein zwischen 1825 und 1840 innegehabt haben, ebenso in der ersten Hälfte der 1850er-Jahre der aus dem oberfränkischen Autenhausen stammende Israel Schüler. Der Sohn des Letztgenannten, Samuel Hayum Schüler, wurde 1844 in Autenhausen geboren. Zunächst in seinem Geburtsort als Lehrer tätig, bewarb er sich um die 1867 freigewordene Religionslehrer- und Vorsängerstelle in Haßfurt. 1869 heiratete er Marie Klein, Tochter des Oberrabbiners von Colmar im Elsaß. Nach seiner in der ersten Hälfte des Jahres 1871 erfolgten „Beförderung an eine Lehransta
lt in Hamburg“ bekleidete er ab 1881 mehrere Rabbinerstellen in der Heimat seiner Frau. Er starb 1915.
Einer der Vorgänger Samuel Hayum Schülers in Haßfurt, der 1835 geborene Salomon Salman Bamberger, war Sohn des Würzburger Distriktsrabbiners Seligmann Bär Bamberger (1807-1878). Der damalige „Rabbinats-Candidat“ erhielt am 4. Dezember 1860 vom Haßfurter Magistrat die Erlaubnis zur „Errichtung einer Privat-Unterrichts-Anstalt für jüdische Zöglinge“. Zwei Jahre später teilte er mit, dass sich drei seiner sieben Schüler als Religionslehrer ausbilden lassen wollten. Bamberger bewirkt bei der Regierung in Würzburg die Genehmigung, „denselben den gesetzlich vorgeschriebenen Religions-Unterricht ertheilen“ zu dürfen. Auch könnte er die Zahl seiner Schüler noch vergrößern, „wenn durch Gründung eines eigenen Haushalts mehr passende Gelegenheit zu deren Aufnahme in geeignete Localitäten geboten wäre“. Daher habe er sich entschlossen, seine „Ansässigmachung in hiesiger Stadt zu begründen und [s]ich mit der ledigen Lea Adler, Tochter des Hrn. Districts-Rabbiner Abraham Adler zu Aschaffenburg zu verehelichen“. Beides bewilligte ihm die Stadt Haßfurt am 5. Januar 1863. Bamberger scheint Haßfurt dennoch bald wieder verlassen zu haben, denn schon für 1864 wird er als Klausrabbiner im badischen Sulzburg erwähnt. Von 1872 an amtierte er als Gemeinderabbiner von Endingen und Lengnau im Kanton Aargau. Lea Bamberger starb dort 1875, kurz nach der Entbindung ihres achten Kindes. 1880 ging Bamberger ins Elsaß – bis er „mitten im Kugelregen“ evakuiert wurde und nach Würzburg zurückkehrte, wo er im März 1918 starb. Im Todesjahr Bambergers kam in Haßfurt Hermann Naftali Neuburger (1918-2005) zur Welt, der Deutschland 1938 verlassen musste. Seine zuvor in Polen aufgenommene Rabbinerausbildung setzte er in Baltimore/Maryland fort, wo er schließlich langjähriger Leiter einer orthodoxen Jeschiwa (Talmudhochschule), war. Ebenfalls in den Vereinigten Staaten wirkte d
er wohl bedeutendste Rabbiner, der in Haßfurt den Grundstein zu seiner späteren Karriere legte: Kaufmann Kohler.
Der 1843 als Spross einer alten Rabbinerfamilie in Fürth geborene Kohler wurde als Zehnjähriger zur Ausbildung bei Israel Schüler nach Haßfurt geschickt; 1856 ging er mit seinem Lehrer nach Höchberg bei Würzburg. Weitere Stationen seiner noch traditionell religiösen Studien waren Mainz, Altona und Frankfurt am Main, wo er Schüler von Samson Raphael Hirsch (1808-1888), dem Begründer der „Modernen Orthodoxie“, war.
Während des anschließenden Studiums der Orientalistik und vergleichenden Religionswi
ssenschaft begann sich Kohler von der orthodoxen Auslegung des Judentums zu entfernen. Seine Erlangener Dissertation „Der Segen Jakobs“ (1867) folgt den Grundsätzen der damals auch in der christlichen Theologie aufkommenden Bibelkritik: Die Bücher der Heiligen Schrift werden nicht mehr als von Gott selbst verfasste, wörtlich zu verstehende Wahrheit gesehen, sondern als historisch gewachsene Texte „göttlich inspirierter“ Menschen, die durchaus auch innere Widersprüche aufweisen können.
Die seit Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende jüdische Reformbewegung, an deren Spitze Rabbiner wie Abraham Geiger (1810-1874) oder der in Burgpreppach geborene Leopold Stein (1810-1882) standen, sollte in den Jahren bis zur Vernichtung des jüdischen Lebens durch die Nationalsozialisten zur stärksten Richtung des Judentums in Deutschland werden.
1869 wanderte Kohler in die USA aus, wo er Rabbinerstellen in Detroit, Chicago und New York innehatte. Er wurde einer der führenden Vertreter des liberalen Judentums in Nordamerika, ab 1903 als Präsident des „Hebrew Union College“ in Cincinnati, des bis heute bestehenden und dem Reformgedanken verpflichteten ältesten Rabbinerseminars der USA. Nachdem er 1921 in den Ruhestand getreten war, starb er 1926 in New York.
Mit Kaufmann Kohler schließt sich der Kreis: Das von ihm mitbegründete amerikanische Reformjudentum ermöglicht seit den Siebzigern die Ausbildung und Ordination von Frauen zu Rabbinern; die jüdischen Reformgemeinden in Israel und anderen Ländern – mittlerweile auch in Deutschland – folgten diesem Beispiel, so dass nun im „Jüdischen Museum Franken“ in Fürth in der Bildergalerie fränkischer Rabbiner Köhlers Porträt neben dem Antje Yael Deusels hängen wird.
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