publiziert: 06.02.2012 16:27 Uhr
aktualisiert: 07.02.2012 08:18 Uhr
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Und wer behandelt mich jetzt?

Landflucht bei Ärzten

Es war ein unauffälliger Zettel im Aushang vor dem Bundorfer Rathaus, der so manchen Bürger erst einmal verdutzte. Ab sofort gebe es eine Zweigpraxis für Allgemeinmedizin im Gemeindehaus, stand da. Zunächst einmal Mittwochvormittags. Absender: das Medizinische Versorgungszentrum für Neurochirurgie und Allgemeinmedizin in Schweinfurt. Würde da ein Arzt mit seinem Köfferchen kommen? Mit welchen Instrumenten sollte er behandeln? Und wie lange würde er bleiben?

Seit etwa drei Wochen hält die Allgemeinärztin Petra Glück aus Schweinfurt Sprechstunde in Bundorf. Bisher kennen noch wenige den neuen Service, sagt Bürgermeister Hubert Endres. Aber aus der wöchentlichen Visite soll bald mehr werden. Im etwa ein Kilometer entfernten Kimmelsbach ist ein medizinisches Versorgungszentrum mit Fachärzten und Hausarzt geplant. Bis dahin will man schon einmal mit Sprechzeiten in Bundorf einen guten Start schaffen. Glück bestätigt diese Informationen.

Für die Gemeinde ist die ambulante Praxis in Bundorf ein Glücksfall. Bisher galt die Kommune als eine der wenigen im Landkreis, die keinen Hausarzt hatten. Mit der Vorstufe des geplanten medizinischen Versorgungszentrums reagiert die Gemeinde auf das Problem, das den ganzen Landkreis betrifft: Landflucht bei den Ärzten. Vor allem der Hausärzte.

Der Versorgungsgrad von Hausärzten im Landkreis Haßberge liegt aktuell bei 96,7 Prozent (Stand 1. Juli 2011). Zum Vergleich: Am 1. Januar 2010 waren es noch 97,9 Prozent. Damals lag man zwar auch schon unter dem Soll von 100 Prozent, aber der Abwärtstrend ist da. Das erklärt Christian Pfeiffer, Regionaler Vorstandsbeauftragter für Unterfranken bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Derzeit gebe es im Landkreis 55,75 Ärzte – halbe und Viertelstellen inklusive.

Richtig prekär wird diese Zahl erst, wenn man sieht, wie viele Hausärzte im Landkreis 60 Jahre und älter sind. Knapp 33 Prozent waren das am 1. Januar 2010. Jeder dritte Hausarzt in den Haßbergen geht also in den nächsten Jahren in Rente. Viele von ihnen haben noch keinen Nachfolger.

Roland Leitgeb ist Hausarzt in Haßfurt. Mit seinen 55 Jahren dauert es zwar noch etwas bis zum Ruhestand, aber dennoch ist er bereits auf der Suche nach Ärztenachwuchs in der Praxis. Und das nicht erst seit gestern. Zwei Assistenzärztinnen hatte Leitgeb in den vergangenen Jahren. Aber beide sind wieder gegangen. Die eine in die Wirtschaft, die andere in ein Krankenhaus.

Warum keine in einer Hausarztpraxis auf dem Land bleiben wollte, bringt Leitgeb zum einen mit finanziellen Gründen, zum anderen mit Bürokratie in Verbindung. Schaue man das Stadt-Land-Gefälle an, so sei in der Stadt wesentlich mehr Geld zu verdienen, sagt Leitgeb. Während nur zwei Prozent der Patienten in seiner Haßfurter Praxis Privatpatienten sind, habe ein Hausarzt in großen Städten zwischen zehn und 20 Prozent dieser lukrativen Patienten. Das mache bei ähnlicher Kostenstruktur in der Praxis bis zu 30 Prozent mehr Honorar.

    
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Und die Bürokratie, die sei zwar ein allgemeines Problem, aber auch die schrecke junge Assistenzärzte ab. Bei jeder Krankheitsdiagnose, seufzt Leitgeb, verlangen die Krankenkassen einen exakten, vorformulierten Wortlaut. Da bleibe wenig Spielraum für individuelle Krankheitsbilder. Und sei eine Information nicht nach dem Schema F an die Krankenkassen weitergeleitet worden, bekomme man Ärger.

Auslaufmodell Hausarzt

Zumindest für seine eigene Praxis hat Leitgeb Hoffnung. Sein jüngster Sohn studiert im ersten Jahr Medizin. Falls der die Praxis übernimmt, ist sein Nachfolge-Problem gelöst. Allgemein gesehen sei die Hausarztpraxis auf dem Land aber ein Auslaufmodell. Zu wenig junge Ärzte wollen raus aus der Stadt.

Im Landkreis hat man sich schon Gedanken über den Abwärtstrend gemacht und erste Ideen verwirklicht. So ist das Haßfurter Ärztehaus entstanden, das Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach zusammenbringt. Zwei Gebäude sind schon mit Facharztpraxen und einem medizinischen Versorgungszentrum besetzt, dazu kommen noch eine Apotheke, ein Hörgeräte-Laden und andere Geschäfte.

Im dritten Gebäude soll es nun ab März ein Medizinisches Versorgungszentrum für Psychiatrie geben, erklärt Stephan Kolck, Vorstandsvorsitzender der Haßberg-Kliniken. Dort werden sich zwei Ärzte für Erwachsenenpsychiatrie und einer für Kinderpsychiatrie niederlassen. Das Ärztehaus, so Kolck, fördere die Ärztevernetzung untereinander und ermögliche den Patienten schnelle Wege.

Auch das Überdenken der Bereitschaftsdienste im Landkreis (wir berichteten) ist eine Folge der Landflucht von Ärzten. Bis jetzt gibt es im Landkreis Haßberge fünf Gebiete, in denen sich Ärzte gegenseitig im Bereitschaftsdienst ablösen: im Hofheimer, Haßfurter, Eberner, Knetzgauer und Eltmanner Raum. Das ist einem Papier der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns zu entnehmen. Je weniger Ärzte es aber in einem Gebiet gibt, desto häufiger muss der einzelne Arzt Bereitschaftsdienst leisten, erklärt Hausarzt Leitgeb. Daher auch der Gedanke einer zentralen Bereitschaftspraxis für den Landkreis.

Mit dem medizinischen Versorgungszentrum in Kimmelsbach wird ein weiterer Schritt der medizinischen Versorgung auf dem Land geschafft sein. In Bundorf freut man sich jedenfalls schon. „Für uns ist das ein Segen“, sagt Bürgermeister Endres. „Wie ein Sechser im Lotto.“

Ärzte auf dem Land – die wichtigsten Begriffe

Medizinisches Versorgungszentrum: Ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) ist laut Sozialgesetzbuch V (§95) eine Einrichtung, in der Ärzte verschiedener Fachrichtungen tätig sind. Ein reiner Zusammenschluss von Hausärzten ist kein MVZ, da sie in der gleichen medizinischen Fachrichtung arbeiten. Daher gibt es in einem MVZ, in dem ein Hausarzt arbeitet, zusätzlich mindestens eine weitere Fachrichtung.

Gemeinschaftspraxis: In einer Gemeinschaftspraxis nutzen Ärzte gleicher oder verschiedener Fachrichtungen gemeinsame Praxisräume und Hilfspersonal. Das ist dem Informationsdienst Medizinrecht zu entnehmen. Im Gegensatz zum MVZ sind die Ärzte nicht einzeln, sondern gemeinsam zugelassen. Praxisgemeinschaft: Wie bei der Gemeinschaftspraxis, so nutzen Ärzte gleicher oder verschiedener Fachrichtungen auch in der Praxisgemeinschaft die gleichen Räume, jedoch werden sie als eigenständige Praxen gerechnet. Das erklärt die Kassenärztliche Vereinigung Berlin. Für den Patienten besteht jedoch kein merkbarer Unterschied.

Ärztehaus: In einem Ärztehaus siedeln sich ähnlich wie in einem MVZ Ärzte verschiedener Fachrichtungen an. Im Gegensatz zum MVZ haben die Ärzte aber getrennte Praxen. Ein MVZ kann aber durchaus Teil eines Ärztehauses sein. Bereitschaftsdienst: Außerhalb der Sprechzeiten übernehmen Haus- und Fachärzte nach einem speziellen Dienstplan Bereitschaftsdienst. Wie die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns informiert, betrifft das folgende Zeiträume: Montag, Dienstag und Donnerstag von 18 bis 8 Uhr des Folgetags, Mittwoch von 13 Uhr bis Donnerstag, 8 Uhr, sowie Freitag von 18 Uhr bis Montag, 8 Uhr.

Hier erfahren Sie, welcher Arzt in Ihrer Nähe heute Bereitschaftsdienst hat: Tel. (0 18 05) 19 12 12

 
Von unserem Redaktionsmitglied Julia Knetzger
    
    

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