aktualisiert: 05.02.2012 18:02 Uhr
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MARKTHEIDENFELD
Als Hochwürden in den Landtag zog
Pfarrer Eugen Büttner wurde vor 100 Jahren gewählt – Unstimmigkeiten bei Nominierung
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Baumeister Josef Ludwig mit seiner Ehefrau Eva, geborene Ruppert.REPRO: MICHAEL DEUBERT -
Pfarrer Eugen Büttner (Ausschnitt aus einem Gruppenfoto aus dem Jahr 1926).REPRO: MICHAEL DEUBERT -
Aufnahme vom Wahltag: ein Bild vom 5. Februar 1912 mit der Aufschrift „Der ereignisvolle Tag 5. Febr 1912 Mitt. 12 – 1 Uhr“. Das Foto entstand vor dem damaligen Haupteingang zum Marktheidenfelder Rathaus (heute Altes Rathaus), das als Wahllokal diente. Rechts zu erkennen ist eine für heutige Verhältnisse bescheidene Wahlwerbung: „Wähler wählt Jakob Schulz, Eugen Büttner“. Nebenbei: Noch fehlt über dem Portal das von Eduard Eschenbacher aus Rotsandstein gearbeitete Marktheidenfelder Wappen. Das sollte erst in den 1920er Jahren eingesetzt werden.REPRO: M. DEUBERT
Am 5. Februar 1912, vor 100 Jahren also, wurde Eugen Büttner, katholischer Pfarrer von Marktheidenfeld, in den Bayerischen Landtag gewählt. Es waren die letzten Landtagswahlen vor dem Ersten Weltkrieg und die letzten Landtagswahlen im Königreich Bayern.
Büttner war Kandidat der konservativen, stark katholisch geprägten Zentrumspartei, die 87 der 163 Landtagsmandate errang. Auf die Liberalen entfielen 30 Sitze, ebenfalls 30 Sitze auf die Sozialdemokraten.
Bemerkenswert sind die Umstände der Nominierung Büttners als Kandidat der Zentrumspartei im Wahlkreis Marktheidenfeld-Miltenberg. Der Marktheidenfelder Baumeister Josef Ludwig, als Kandidat der Zentrumspartei 1907 in den Landtag gewählt, wäre gern ein zweites Mal angetreten. Die erneute Kandidatur wurde ihm indes verwehrt.
Der Marktheidenfelder Bote berichtete in seiner Ausgabe vom 9. Dezember 1911 über eine tags zuvor im Gasthaus „Zum Löwen“ abgehaltene Versammlung von rund 60 Vertrauensmännern der Ortsgruppen der Zentrumspartei im Bezirk Marktheidenfeld. „Zweck der Versammlung war, sich darüber schlüssig zu machen, wer als Vertreter des Wahlkreises Marktheidenfeld-Miltenberg in den Landtag gewählt werden solle“, ist zu lesen. „Von den anwesenden Herren wurde, wie wir hörten, mit über 50 Stimmen Hochwürdiger Herr Pfarrer Büttner als Landtagsabgeordneter in Vorschlag gebracht. Genannter soll erklärt haben, er könne sich damit nur einverstanden erklären, wenn der bisherige Landtagsabgeordnete Herr Josef Ludwig freiwillig auf eine Wiederwahl verzichte. Unter diesen Umständen soll es Herr Josef Ludwig vorgezogen haben, nicht mehr zu kandidieren.“
Bittere Vorwürfe zu hören
Als die Nominierung Büttners bekannt geworden sei, habe man selbst von überzeugten Anhängern der Zentrumspartei „bittere Vorwürfe gegen die örtlichen Parteileiter und deren Vertrauensmänner hören“ können. Andererseits sei man jedoch „ausgesöhnt“ gewesen, „dass die neuaufgestellte Kandidatur auf unseren Hochwürdigen Herrn Pfarrer Büttner gefallen ist“.
Wenige Tage später druckte der Marktheidenfelder Bote unter „Abgesägt“ einen Kommentar des Lohrer Anzeigers zur Nominierung Büttners ab: „Also erst ließ sich der Hochwürdige Herr Pfarrer vorschlagen und dann wurde dem bisherigen Abgeordneten nahegelegt, er solle sich drücken. Obwohl es an geistlichen Herren in der Zentrumsfraktion nicht mangelt und dieser Beruf dort vor allen anderen am zahlreichsten vertreten ist, musste ein Vertreter des numerisch viel schlechter vertretenen Gewerbestandes dem Hochwürdigen Herrn Pfarrer weichen. Es waren wahrscheinlich den geistlichen Wahlwachern zwei Gewerbetreibende, außer Ludwig noch der Gerbermeister Schulz von Kleinwallstadt, als Vertreter eines Wahlkreises zuwider, deshalb musste einer davon dem Schwarzrock weichen.“
Josef Ludwig verfasste einen Leserbrief, der damals „Eingesandt“ hieß. Darin nimmt er zur Nominierung von Pfarrer Büttner Stellung. Am 5. Dezember 1911 sei er, Ludwig, von einem Geistlichen ersucht worden, zugunsten von Pfarrer Büttner „von einer Kandidatur abzustehen“. Er habe dies allerdings abgelehnt. Später habe er sich freilich „durch das Auftreten verschiedener Herren zu der Äußerung hinreißen (lassen): Für einen solchen Wahlkreis danke ich.“
Ludwig beendet seine Zuschrift mit dem Satz: „Nachdem das Wahlresultat in die Öffentlichkeit gedrungen war, wurde ich von vielen Seiten aufgefordert, doch zu kandidieren, weshalb ich mich veranlasst sehe zu erklären, als Zentrumskandidat aufzutreten und jede Stimme dankbar und als Anerkennung anzunehmen.“
Mit Brief vom 20. Dezember 1911 wandte sich Ludwig zudem an das Bischöfliche Ordinariat in Würzburg und bat, die Pfarrer Büttner erteilte „Erlaubnis zur Übernahme einer Landtagskandidatur wieder zurückzuziehen“.
Im Interesse der Einigkeit
In einer von 81 Vertrauensmännern besuchten Versammlung teilte Pfarrer Büttner sodann mit, „im Interesse der Einigkeit auf seine Kandidatur zu verzichten“, wie die Lokalpresse schreibt. Die Vertrauensmänner hätten jedoch „zäh an der Kandidatur Büttners“ festgehalten. Bei der ausgiebigen Diskussion hätten sich die anwesenden Geistlichen nicht nur einer Empfehlung für Büttner, sondern auch der Abstimmung enthalten, „um jeden Schein zu vermeiden, als ob sie ein Interesse an dieser Kandidatur hätten“. Büttner wurde fast einstimmig als Kandidat bestätigt. Damit sei die „Kandidatenfrage für den zweimännigen Wahlkreis Klingenberg-Miltenberg-Marktheidenfeld für das Zentrum definitiv erledigt (gewesen) in der Aufstellung der beiden Herren Gerbermeister Schulz in Kleinwallstadt, Pfarrer Büttner in Marktheidenfeld“.
Der Marktheidenfelder Bäckermeister und Chronist Kaspar Greser notiert schließlich für den 5. Februar 1912: „Landtagswahl. Gesamtergebnis für unseren Wahlkreis: 6601 für Schulz, 5840 für Pfarrer Büttner. Unser Herr Pfarrer siegte trotz großer Anfeindung.“
Pfarrer gegen Baumeister
Eugen Büttner wurde am 18. Februar 1871 in Waldaschaff geboren. Vom 15. Januar 1909 bis zu seinem plötzlichen Tod am 20. März 1933 war er katholischer Pfarrer von Marktheidenfeld. Am 5. Februar 1912 wurde Büttner als Kandidat der Zentrumspartei in den Bayerischen Landtag gewählt.
Josef Ludwig wurde am 15. April 1849 in Marktheidenfeld geboren. Er war verheiratet mit Eva Ruppert, Tochter des Ökonomen und Vorstehers (Bürgermeisters) Joseph Ruppert. Bei seinem Vater Jakob lernte Josef Ludwig das Maurerhandwerk. Neben seinem Beruf als Baumeister übte Ludwig zahlreiche Ehrenämter aus. So verwaltete er die Kirchenstiftungen und die Kreuzbergstiftung, er war stellvertretender Kommandant der Feuerwehr, ab 1913 Beigeordneter (stellvertretender Bürgermeister), Obermeister der Gewerberinnung. Dem Bayerischen Landtag gehörte er von 1907 bis 1912 an. Josef Ludwig starb am 2. Oktober 1918.

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