publiziert: 13.02.2011 17:50 Uhr
aktualisiert: 13.02.2011 17:52 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text SCHWEINFURT
Auf den Spuren der Toten

Broschüre über den jüdischen Teil im Hauptfriedhof Schweinfurt
  • Steinerne Zeugen: 198 Erwachsenengräber zählt der jüdische Teil im Hauptfriedhof.
    Foto: Waltraud Fuchs-Mauder
  • Die Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1991 aufgestellt.
    Foto: Laszlo Ruppert
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Mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schweinfurt beschäftigt sich die heute in der Rhön lebende Schweinfurterin Elisabeth Böhrer seit vielen Jahren. Ein Aspekt ihrer Arbeit ist der jüdische Friedhof im Hauptfriedhof. Nach fünfjährigen Recherchen – gemeinsam mit Klaus Kurre (Mainberg) – haben beide nun eine Broschüre über diese „Abteilung 10“ herausgebracht. In dem „Sonderheft der Mainleite“ des Historischen Vereins sind sämtliche 306 hier begrabenen Juden aufgelistet.

Einen jüdischen Friedhof hat es in Schweinfurt nachweisbar im 15. Jahrhundert im Bereich der heutigen Straße „Am Jägersbrunnen“ gegeben. Auch auswärtige Juden wurden dort beigesetzt. Die im 19. Jahrhundert wieder in der Stadt lebenden Juden – 1864 war die Gründung der Kultusgemeinde – begruben ihre Verstorbenen zunächst in Euerbach, Schwanfeld, Gerolzhofen im Landkreis Schweinfurt und vereinzelt in Kleinsteinach (Landkreis Haßberge), bis im Jahr 1874 der jüdische Friedhof in Schweinfurt angelegt wurde.

Die 30-seitige Broschüre, deren Texte in Deutsch und Englisch verfasst sind, beinhaltet zwei Listen mit den 306 ermittelten Namen von Bella Adler über Clara Mohrenwitz bis Isak Zeilberger. Zunächst in alphabetischer Reihenfolge mit – so weit bekannt – Geburtsname, Geburtstag, Sterbetag, Beerdigungstag und der Grabstelle im jüdischen Teil des Schweinfurter Friedhofs. Eine zweite Liste ist in der Rangfolge der Grabstellen sortiert. Zur besseren Orientierung (Böhrer: „Um die Suche nach Vorfahren zu erleichtern“) ist ein Plan abgedruckt. So ist etwa das Grab des ersten Rabbiners Maier Lebrecht (Maier ist der Vorname), der am 18. Mai 1890 im Alter von 81 Jahren starb, leicht zu finden: 10.5.1. heißt: Abteilung 10, Reihe 5, erstes Grab.

Nach den Recherchen von Böhrer/Kurre gibt es im jüdischen Friedhof 198 Erwachsenengräber. Auffallend sind die vielen großen Grabsteine von Familiengräbern. Im Norden grenzen Kindergräber und drei Soldatengräber aus dem Ersten Weltkrieg an.

Die Abteilung 10 ging erst 1908 in den Besitz der jüdischen Gemeinde über. „Den vereinten Mühen des Rabbinats und der Vorstandschaft“ sei der Erwerb „nach langen, auf fast zwölf Jahre sich erstreckenden Versuchen endlich gelungen“, heißt es in einem am 31. Juli 1908 in einem Artikel im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt“. Dieser relativ späte Erwerb sei wahrscheinlich auch der Grund, dass keine separaten Beerdigungsbücher geführt wurden. Die Daten und Fakten haben die Autoren im „allgemeinen Register“ entdeckt, in das die Beerdigungen von der Friedhofsverwaltung eingetragen wurden.

Gleichwohl sei wegen vieler „Unstimmigkeiten“ und „Zweifelsfällen“ eine intensive Nachrecherche nötig gewesen, berichtet Böhrer. Fündig wurden Böhrer/Kurre meist aber im Stadtarchiv und im Standesamt.

Im Anhang des Heftchens, das über den Historischen Verein erhältlich ist (fünf Euro), wird kurz über die ehemalige Leichenhalle der Israelitischen Kultusgemeinde berichtet. Sie wurde 1900 eingeweiht. Hier steht heute der AWO-Kindergarten. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Halle wurde 1959 abgerissen.

Böhrer/Kurre ermittelten, dass der Bereich nördlich der Leichenhalle bereits ab Jahreswechsel 1941/1942 als Bestattungsort für Zwangsarbeiter genutzt und ab August 1943 nach dem ersten Bombenangriff auch Ehrenfriedhof war. Zum Kriegsende wurden auch Soldaten hier beerdigt. Ebenso hat Böhrer recherchiert, dass die im März 1945 von Polizisten hinterrücks erschossene junge polnische Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk hier begraben wurde. An sie erinnert ein Gedenkstein in der Gustav-Adolf-Straße.

Das Gräberfeld wurde 1947 aufgelöst. Die Überreste der Toten wurden entweder in die entsprechenden Familiengräber oder in eine der drei Kriegsgräberabteilungen des Hauptfriedhofs umgebettet. In Einzelfällen auch in das Heimatland des Verstorbenen überführt. Anlässlich der 1200-Jahrfeier der Stadt im Jahr 1991 lud der damalige Oberbürgermeister Kurt Petzold alle noch lebenden jüdischen Bürger Schweinfurts ein. Ein Programmpunkt war dabei der Besuch der Abteilung 10. Damals auch wurde eine Gedenktafel für die Opfer der Naziherrschaft aufgestellt.

Elisabeth Böhrer bietet Friedhofsführungen an (friedhof@hv-sw.de). Weitere Informationen zum Thema unter schweinfurt.mainpost.de

Von unserem Redaktionsmitglied Hannes Helferich
    
    

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