aktualisiert: 11.06.2010 11:49 Uhr
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MARKTHEIDENFELD
Chef Helmut Viering: Die Denk- und Energiezelle
Beim Chef im Büro: Helmut Viering arbeitet ganz ohne Computer und sein Büro ist sonst für Gäste tabu.
Dunkler Anzug, blütenweißes Hemd, dezent gestreifte Krawatte: Helmut Viering, der Chef der Udo Lermann GmbH & Co. KG, weiß sich zu kleiden. Formvollendet sind auch seine Umgangsformen. Der 69-Jährige, dem man sein Alter beileibe nicht ansieht, ist ein Chef von Format, einer, der den Damen die Tür aufhält und ihnen den Stuhl zurechtrückt. Ein Mann mit Prinzipien.
Und doch: Eines seiner Prinzipien warf er für die Main-Post Serie „Beim Chef im Büro“ tatsächlich über den Haufen. Eine echte Ausnahme, die er sonst nicht macht: Er öffnete sein Chefbüro und gestattete der Öffentlichkeit einen Blick in sein Refugium im ersten Stock des Lermann-Verwaltungsgebäudes. „Normalerweise dürfen hier wirklich nur meine Mitarbeiter und meine Familie rein“, sagt er, als er die Tür aufhält. Warum? „Das ist meine Denk- und Energiezelle“, macht er unumwunden klar. Seine Angestellten zählt Viering auch zur Familie. Für sie steht seine Tür immer offen.
Geschäftliche Besprechungen finden in Udo Lermanns ehemaligem Büro ein paar Türen weiter statt. Dort steht ein massiver, ovaler Eichentisch mit fünf Ledersesseln, in denen man zu versinken droht. Dorthin zieht sich Viering zurück, wenn er mit seinem Führungsstab zusammensitzt oder mit Geschäftspartnern verhandelt. Sein 22 Quadratmeter großes Eckbüro ist für ihn eine reine Arbeitszelle mit Blick auf den Parkplatz. „Ich schau oft raus und kann anhand der dort abgestellten Fahrzeuge den täglichen Umsatz schätzen“, verrät er lächelnd.
Sein Schreibtisch ist 15 Jahre alt und wurde von einem Schreiner aus Schollbrunn aus massiver, Spessarter Eiche gebaut. Die Einbauschränke stammen ursprünglich aus einer ehemaligen Raiffeisenbank in Elsenfeld, deren Gebäude die Lermann GmbH 1978 übernommen hatte. „Die passten genau in mein Büro und so habe ich sie kurzerhand einbauen lassen“, erzählt Viering. Ist das Sparsamkeit? Nein! Es ist ein Stück weit Tradition, die Viering mit seinem Mentor Udo Lermann verbindet. „Wir waren ein gutes Gespann“, erzählt er. „Ich der Himmelsstürmer und er derjenige mit dem erhobenen Zeigefinger. Ich hatte großen Respekt vor ihm.“ Gelernt habe er sehr viel von dem Geschäftsmann, der sich von einem Ein-Mann-Betrieb in nahezu beispielloser Weise zu einer festen Institution in Unterfranken emporgearbeitet hatte und dessen Unternehmen heute rund 370 Mitarbeiter hat. „Es ist alles nur so viel wert, wie ein anderer bereit ist, dafür zu zahlen, war sein Credo“, erzählt Viering, der am 1. Mai 30-jährige Betriebszugehörigkeit feierte.
Seinen Arbeitstag beginnt er heute immer noch um 6.30 Uhr und beendet ihn zwischen 19 und 20 Uhr. Nur am Samstag lässt er es langsamer angehen und hört „schon“ um 16 Uhr auf. So recht loslassen könne er die Firma Lermann aber noch nicht, verrät er, obwohl er sich schon seit längerem aus dem operativen Geschäft ausgeklinkt hat. Die Sorge um das Unternehmen kann er nicht einfach abstreifen. Außerdem empfinde er die Arbeit nicht als Last, sagt er.
Zeit ist ihm heute sehr wichtig, Zeit für Ruhe und Erholung. Deshalb nimmt er sich auch regelmäßig Auszeiten für sich und mit seiner Lebensgefährtin. Sie hat ihm auch den Stein mit der kleinen Figur und dem Zitat: „In der Ruhe liegt die Kraft“ geschenkt, der auf seinem Schreibtisch steht. „Ich bin oft ungeduldig und habe einen Hang zum Perfektionismus“, gibt Viering zu. „Diese Figur erinnert mich daran, Geduld mit mir und den anderen zu haben.“
Eine ebenso „beruhigende“ Wirkung haben die CDs der Maradixie Jazz Band und des Rotary-Orchesters Deutschland, in denen Viering Trompete und Geige spielt und die auf der Fensterbank stehen. „Wenn mir der Frust zu den Ohren rauszukommen scheint, lehne ich mich zurück, lasse den Blick darüber schweifen und sage mir, es kommen auch wieder bessere Tage“, erzählt er. Auch seine Enkelkinder Maleen und Raphael hat er immer im Blick. „Leider sehe ich die beiden nicht so oft, wie ich es gerne möchte.“
Flachbildschirm, Computer und Tastatur sucht man vergeblich auf Helmut Vierings Schreibtisch. Er könne zwar damit umgehen, erzählt er, aber er brauche das Gerät nicht in seinem Büro: „Wenn ich einen PC hier hätte, würde ich mich zu sehr damit beschäftigen.“ Lieber nutzt er sein Diktiergerät und seinen Block, auf dem er seine Gedanken notiert und Telefongespräche festhält. „Wenn ich wirklich mal an den PC muss: Vor meiner Bürotür steht einer, den kann ich sogar bedienen.“
Eine Besonderheit bewahrt sich der Lermann-Chef bis heute: Er schreibt mit grüner Tinte. „Alle Vorgänge, die hier rausgehen, zeichne ich in Grün ab“, erzählt er und verrät schmunzelnd, was die Mitarbeiter darüber sagen: „Wenn ich etwas abzeichnen oder unterschreiben soll heißt es in der Firma ,da musst Du dir beim Chef einen Grünen holen‘.“

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