aktualisiert: 31.08.2010 14:50 Uhr
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KARLSTADT
Die „Hirschenklause“ wurde zur Heimat
TÜRKEN IN KARLSTADT (47): Das öffentliche Vereinslokal des Arbeitervereins ist geschichtsträchtig
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Mit Öl und Tempera: Diese Bilder hat Erol ªimºek, der Vorsitzende des Türkischen Arbeitervereins und Wirt der „Hirschenklause“, selbst gemalt. Sie zieren die Wände des Lokals.Foto: KARLHEINZ HAASE -
Treffpunkt „Hirschenklause“: Beliebt ist das Spiel Okey, das ähnlich funktioniert wie Rommé, für das aber dominoartige Steine verwendet werden. Im Lokal mischen sich rustikale Elemente einer deutschen Bierkneipe der 70er Jahre und Wandschmuck mit Bezug zur Türkei.Foto: K. HAASE
Vereine gelten als etwas typisch Deutsches. Doch die nach Karlstadt gekommenen Türken haben dieses Feld nicht den Einheimischen alleine überlassen. 1978 gründeten sie den Türkischen Arbeiterverein e.V. mit dem Vereinslokal „Hirschenklause“ in der Oberen Viehmarktstraße.
Der Name „Hirschenklause“ geht zurück auf das „Gasthaus zum Hirschen“ in der Hauptstraße, das eines der ältesten Gasthäuser Karlstadts war, erklärt Eigentümer Franz Stockleb. Es schloss in den 50er Jahren. Nebenan war dort auch seit Urzeiten eine Bäckerei. Zuletzt befand sich hier das Café Walter mit Bäckerei.
Die „Hirschenklause“ allerdings ist um die Ecke in der Gasse. Dort sei bis 1976 ein Mehllager der Bäckerei gewesen, sagt Stockleb. Dann eröffnete eine Wirtin aus Lohr für zwei Jahre eine Bierkneipe. Sie erhielt ihren Namen in Anlehnung an das vormalige „Gasthaus zum Hirschen“ in der Hauptstraße.
Deutsch-türkische Mischung
Draußen an der Wand der „Hirschenklause“ findet sich die Jahreszahl 1596 in Buntsandstein gemeißelt. Die Bögen im Innern deuten darauf hin, dass hier einst ein Pferdestall gewesen sein könnte. Das Inventar ist noch das von 1976: die Tische, Stühle, Lampen, Trennwändchen und die auf rustikal getrimmten Balken. Hinzugekommen sind der Fernseher, drei Spielautomaten, ein Internet-Platz – und Bilder an der Wand.
Vier davon hat der jetzige Vereinsvorsitzende und Wirt Erol Simsek (46, sprich: Schimschek) in Tempera und Öl selbst gemalt: Heulende Wölfe, Sonnenuntergang überm Sonnenblumenfeld, Seerosen – das sind Motive, wie er sie liebt. Ein Bild eines anderen Malers, dessen Namen keiner recht entziffern kann, zeigt das Karlstadter Rathaus. Eine in die Jahre gekommene Seite der Bild-Zeitung von der Fußball-WM 2002 hängt gleich neben der Theke. Das Boulevardblatt wollte damals die Freundschaft zwischen Deutschen und Türken betonen.
Weiterer Wandschmuck sind ein Weinwappen aus Buntsandstein und eine Pinnwand, auf der Fotos von Karlstadter Türken prangen, als diese noch jünger waren. Unter anderem finden sich hier Bilder einer türkischen Karlstadter Fußballmannschaft von 1980 und von der Demonstration gegen die NPD auf dem Karlstadter Marktplatz. Über der Pinnwand Atatürk mit Zylinder, aufgenommen am 20. Oktober 1920, drei Tage vor der türkischen Republikgründung. Außerdem gibt es einen Wandteppich, der die Blaue Moschee in Istanbul zeigt.
Das Lokal war von Anfang für die Öffentlichkeit zugänglich. In der Praxis wurde es zum gut besuchten Freizeittreff türkischer Männer. Hier gibt es Bier und auch härtere Sachen wie Whisky und Asbach. Eine Bücherei wurde eingerichtet mit Sachbüchern zu den Themen Geschichte, Geografie und Medizin sowie Romanen. Inzwischen sind die Bücher der Fluktuation zum Opfer gefallen.
In den ersten Jahren war die „Hirschenklause“ gut besucht. Der Treff diente auch der praktischen Lebenshilfe. Hier unterstützte man sich, wenn einer etwas bei einer Behörde zu erledigen hatte. Es gab Versammlungen zu bestimmten Themen. Beispielsweise erzählte die Polizei einmal etwas über Drogen, weiß Simsek.
Die Zahl der Besucher hat im Laufe der Jahre nachgelassen. Einen starken Rückgang gab es, als die Moscheen gegründet wurden. Sie wurden zu neuen Treffpunkten. Auch gehen die jetzigen Jugendlichen anderen Interessen nach und treffen sich lieber in einem Wasserpfeifenlokal. Zu dem Verein gehören noch etwa 25 Mitglieder. Ein Beitrag wird nicht erhoben.
Beliebt sind aber nach wie vor drei typische Spiele: • Tavla, das traditionelle türkische Backgammon; • Okey, das nach ähnlichen Regeln wie Rommé gespielt wird, jedoch mit einer Art Dominosteinen; • das Kartenspiel „51“.
Erol Simsek heute Vorsitzender
Zu den Initiatoren des Vereins gehörten Erol Simseks Vater Esker und der Onkel Hussein Simsek. Letzterer war übrigens einer der ersten Übersetzer im Eisenwerk.
Die Vorsitzenden waren auch jeweils die Wirte der „Hirschenklause“, wie auch jetzt Erol Simsek, der eigentlich Maler und Verputzer bei der Firma Köhler in Karlburg gelernt hat. Acht Jahre arbeitete er als Lackierer bei Rexroth, anschließend bei der Schlosserei Münch in Karlstadt, ehe er ein Jahr lang einen Dönerladen an der Ecke Neue Bahnhofstraße/Langgasse hatte.
Seite 2005 führt Simsek den Arbeiterverein und dessen Vereinslokal, seit zwei Monaten zusätzlich mit Turgay Dalga die Wasserpfeife im ehemaligen Café Walter. Das Malen ist sein Hobby. Von den etwa 15 Bildern, die inzwischen unter seiner Hand entstanden sind, hat er die meisten verschenkt.
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