publiziert: 01.11.2009 17:41 Uhr
aktualisiert: 01.11.2009 18:04 Uhr
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Eine völlig durchgeknallte Familie

Publikum feiert Lohrer Gaukler nach der Premiere von „37 Ansichtskarten“

Mit begeistertem Applaus feierten die Premierengäste am Freitagabend die Aufführung von „37 Ansichtskarten“, dem neuen Stück der Lohrer Gaukler. Zehn Jahre nach dem „Ungleiche(n) Paar“ hatte wieder Andreas Walther-Schroth die Regie geführt. Dessen besonderer Dank galt der Familie Mehling, die ihren Gewölbekeller nicht nur für die Aufführungen, sondern auch für die Proben zur Verfügung gestellt hatte.

Ihm habe die Arbeit mit den Gauklern viel Spaß gemacht, sagte Walther-Schroth. „Uns auch“, gab Georgia Viola-Richartz das Kompliment zurück. Die Besonderheit im 15. Jahr des Bestehens: Jede Rolle ist doppelt besetzt, so dass das Stück von zwei Gruppen abwechselnd gespielt werden kann – insgesamt 32 Mal.

    
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Georgia Viola-Richartz ist eine der beiden Evelyn Sutton. Die erwartet nach sechs Jahren – „acht Jahre“, korrigiert Tante Ester (Steffi Staub) – ihren Sohn Avery zurück. So lange war er in Europa unterwegs gewesen; von überall habe er ihr Ansichtskarten geschickt „Paris, Florenz ...“.

Sehr glaubhaft verkörpert Thomas Herrmann den Sohn aus gutem Hause, der angeblich nur wieder nach Hause gekommen sei, „weil das Geld ausgegangen ist“, aber eigentlich der Familie seine Verlobte Gilian (Anette Waigand) vorstellen will. „Die sind ein bisschen exzentrisch“, hatte er Gilian vorgewarnt. Dabei ist der ausgestopfte Elch im Schlafzimmer noch das Harmloseste: „Der glubscht mich so an mit seinen Augen, da kann ich gar nicht einschlafen“, beschwert sie sich. Der künftige Schwiegervater weiß Rat: „Die können Sie rausschrauben.“ Die Nachtruhe rettet das nicht. Denn der Alte hat auch seine Marotten. „Wir gehen jetzt einlochen“, lädt Stanford P. Sutton (Gerhard Kolbert) die junge Frau nach Mitternacht zum Golfen ein.

Ein Stück nach Gaukler-Art, wie es scheint. Es gibt gleich zu Beginn eine Menge zu lachen. Auch die obligatorische Leiche fehlt nicht: „Mutter, wir waren doch auf Deiner Beerdigung!“ „Ach ja, und wo war da ich?“. Mirta Dantlgraber spielt überzeugend die skurrile Nana, die Großmutter der Familie, die immerzu nach ihrem Franky sucht und für die junge Verlobte ihres Enkels nur unflätige Bemerkungen übrig hat.

Aber die Zuschauer spüren: Etwas ist beunruhigend. Die Stimmung scheint manchmal umzuschlagen, die Schauspieler vermitteln, dass hinter dem Stück mehr als Klamauk steckt. Während der zurückgekehrte Avery sich noch fragt, warum seine Familie nicht „normaler“ geworden ist im Laufe seiner Abwesenheit, packt seine Verlobte die Koffer.

Telefonsex mit Tante Ester

Dass Tante Ester per Telefon die Wünsche älterer Herren befriedigt und Gilian wegen ihrer Stimme zu ebensolchem Tun anwerben will, ist nur eine Sache, dass sie von der künftigen Schwiegermutter Evelyn dauernd mit Dienstmädchen Shakira verwechselt wird, die andere. „Alles was ich will, ist ein Typ mit viel Geld, einem großes Haus, einer Designerküche... und ohne verrückte Familie“, verabschiedet sie sich von ihrem Verlobten. „Du kamst nah dran.“

Das Publikum ahnt schon, was hinter der Geschichte steckt. Avery jedoch bedarf der Hilfe von Tante Ester und ein Gespräch mit dem Familienoberhaupt. „Wusstest Du, was Dich erwartet? Sterben ist wie Deine Reise nach Europa. Himmel? Hölle? Oder die Wiedergeburt als Elch?“. Der Sohn erkennt, dass sich seine Familie aus dem realen Leben verabschiedet hat, weil es zu sehr schmerzt. „Ich bin am weitesten weggerannt. Jetzt bin ich wieder da, aber die sind immer noch weg!“

Doch wenn das Theaterstück so enden würde, hätten es die Gaukler wohl nicht ausgesucht. Was es mit den 37 Ansichtskarten auf sich hat, ob es noch mehr Leichen gibt und welchen Einfluss Skippy, der Rottweiler, auf den Fortgang der Geschichte hat – diese Fragen müssen sich die Theaterbesucher selbst beantworten. Dazu besteht noch bei 30 Vorführungen die Gelegenheit.

Vorstellungen sind noch im November und von Januar bis März 2010 jeweils an den Wochenenden um 20 Uhr. Die Benefizveranstaltung für das Lohrer Jugendzentrum findet am Samstag, 27. März 2010, statt. Die Schauspieler der anderen Gruppe: Maik Neuer (Avery Sutton), Susanne Balzer-Endres (Evelyn Sutton), Silke Hartmann (Gilian Moore), Jörg Engelhardt (Stanford P. Sutton), Inge Schwab (Tante Ester), Ditte Remmel (Nana). Hinter den Kulissen wirken mit: Hanni Hermann (Kostüme), Sven Waigand und Maik Neuer (Bühnenbild), Hannah Endres und Uwe Trapp (Technik), Matthias Hartmann (Internet), Georgia Viola-Richartz (Flyer, Plakat) und Lohrer Selbsthilfe (Druck).

Von unserem Mitarbeiter Andreas Brauns
    
    

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