aktualisiert: 01.12.2009 18:28 Uhr
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MARKTHEIDENFELD
FOS/BOS-Schüler treten in Streik
Protestaktion gegen Bildungssystem – Schulleitung hat wenig Verständnis
Sie begannen heimlich, still und leise – und wurden am Ende richtig laut: Zahlreiche Schüler der FOS/BOS Marktheidenfeld haben am Dienstag aus Protest gegen das Bildungssystem gestreikt und anschließend an einer Großdemonstration in Würzburg teilgenommen. Die Schulleitung hat für ihre Aktion wenig Verständnis und denkt nun über mögliche Konsequenzen für die jungen „Revoluzzer“ nach.
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Bevor sie die „Mauer“ zum Einsturz brachten, sprühten die Schüler eindeutige Parolen auf die Kartons.
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Damit sie bei einem späteren Studium nicht im Regen stehen, protestierten am Dienstag zwischen 150 und 200 Schüler der FOS/BOS Marktheidenfeld für ein gerechteres Bildungssystem.FOTOS (2) JOCHEN JÖRG
Karl Fuchs ist sichtlich verärgert, aber auch ein wenig ratlos. Der Leiter der FOS/BOS Marktheidenfeld sitzt am Besprechungstisch des Direktorats und muss erst einmal verarbeiten, was da eben an seiner Schule geschehen ist. „Nicht legal“ sei das gewesen und „außerhalb jeder Norm“, sagt er, während draußen im Pausenhof die Schüler die rot-weiß-gestreiften Absperrbänder entfernen, Kartons wegräumen und Transparente abhängen.
Die Aktion, die Fuchs das Frühstück kosten sollte, beginnt im Morgengrauen. Rund um das Schulgebäude in der Friedenstraße befestigen Schülerinnen und Schüler Plakate und selbst bemalte oder besprühte, weiße Bettlaken. Darauf geschrieben sind Statements, die die Gefühlslage der Studenten von morgen wiedergeben und die an Deutlichkeit kaum zu übertreffen sind: „Wer nicht zahlt, bleibt dumm!“, „Bildungslücken durch Leistungsdruck“ oder „Gegen Scheindemokratie an Schulen“. An einer Tür zum Pausenhof klebt ein Pappschild, auf dem zu lesen ist, was die Schüler ab 8 Uhr in die Tat umsetzen wollen: „Diese Schule wird bestreikt!“
Die Entscheidung, dem Unterricht an diesem Dienstag komplett fernzubleiben, sei am Montag der vergangenen Woche gefallen, erzählen zwei Schülerinnen der Klasse S12. Ursprünglich hatten die Schüler geplant, sich „nur“ an der Demonstration gegen Studiengebühren an der Neuen Universität am Sanderring in Würzburg und der anschließenden Kundgebung am Wittelsbacherplatz zu beteiligen (siehe Thema-Seite 8); doch dann reifte in ihnen der Entschluss, auch in Marktheidenfeld ein Zeichen zu setzen. Sie ließen Flyer drucken, auf denen sie ihre Pläne ankündigten und die sie in ihrer Schule und am Balthasar-Neumann-Gymnasium verteilten. Danach gab es kein Zurück mehr.
Weil sie wussten, dass die Schulleitung der FOS/BOS auf die Proteste wenig begeistert reagieren würde, formulierten die Schüler eine gemeinsame „Stellungnahme“, gerichtet an Schulleiter Fuchs und die Lehrerinnen und Lehrer – „in der Hoffnung auf Verständnis“, wie es darin heißt. In dem Schreiben stellen die Schüler klar, dass sich ihre Aktion „nicht gegen die FOS/BOS Marktheidenfeld, die dort angestellten Lehrer oder die Schulleitung“ richte. Vielmehr wollten sie mit ihrem Streik „das Bildungssystem als solches kritisieren“; denn es sei „in einem Zustand, der nicht hinnehmbar“ sei.
Je näher am Dienstag die „Stunde der Wahrheit“ rückt, umso mehr füllt sich der regennasse Pausenhof. Als Henrik Szanto und Theresa Ammersbach gegen 8.30 Uhr über Mikrofone die Gründe für den Streik erklären, hören ihnen zwischen 150 und 200 Schüler zu. Die beiden Zwölftklässler sagen, es sei an der Zeit, „die Mauern einzureißen, die den Weg zur Chancengleichheit für alle versperren“ – im Bildungssystem und symbolisch. Im Hof ist eine sechs „Etagen“ hohe Mauer aus Kartons aufgebaut, die die Schüler auf Szantos Kommando hin umrennen.
Solidarität mit Studenten
In einem Unterstand direkt neben der Stelle, an der gerade die Mauer fiel, tragen sich Schüler in Listen ein. Damit wollen sie ihre Solidarität mit den streikenden Studenten bekunden und deren Forderungen nach einer Abschaffung der Studiengebühren und nach mehr Mitbestimmung in der Hochschulpolitik Nachdruck verleihen. Sie wollten „nicht wegschauen, sondern handeln“, sagen gleich mehrere, nachdem sie unterschrieben haben.
Ein Gefühl der Stärke
Viele von ihnen machen sich im Anschluss auf den Weg zum Busbahnhof am Adenauerplatz; dort fährt um 9.30 Uhr der Bus nach Würzburg, wo sie weiterdemonstrieren wollen. Angst vor möglichen Konsequenzen haben sie keine. Zwar kursierten an der FOS/BOS Gerüchte, dass die „Schwänzer“ nicht zum Abitur zugelassen würden oder es Verweise für alle gebe; aber gerade weil die Schüler so geballt aufbegehren, fühlen sie sich stark.
Was den Streikenden blüht, wenn sie am Mittwoch wieder in den Schulalltag zurückkehren, ist noch unklar. Von Kollektivstrafen hält Schulleiter Karl Fuchs jedenfalls nicht viel. Natürlich wären Verweise eine „mögliche Reaktion“, sagt er; es sei jedoch die Frage, „ob die Schule gut daran tut, zwei Drittel mit Verweisen zu belegen“. Über die Folgen der Aktion vom Dienstag werde die Schulleitung nachdenken und dabei auch das Kollegium einbeziehen. Mit Sicherheit werde in den Klassen „über einzelne Punkte gesprochen, denn wir können die Sache nicht übergehen und so tun, als wäre gar nichts gewesen“, erklärt Fuchs.
Das Argument der Schüler, sie hätten beim Streik von ihrem „Grundrecht, politisch aktiv zu werden“, Gebrauch gemacht, weist Fuchs entschieden zurück. In der Schule herrsche Anwesenheitspflicht; ein Streikrecht gebe es nicht.
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unbekannt (10 Kommentare) am 02.12.2009 10:35
Mündige BürgerDer Staat will mündige Bürger, die Wirtschaft will mündige Bürger - aber nur solange wie sie ruhig sind. Schüler sind auch Bürger dieses Landes. Und werden Sie aktiv, kommt der Staat und will sie durch Konsequenzen ruhig stellen anstatt sich mit Ihren Anliegen zu beschäftigen. Armes, krankes Deutschland. Wenn die Alten sich nicht für Ihre Kinder einsetzen dann müssen es die Kinder eben selber tun. Bin stolz auf Euch, macht weiter. |
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vgemhelmstadt (2 Kommentare) am 02.12.2009 07:25
KLASSESolche Aktionen sind leider viel zu selten! Die Schulleitung, allen voran Herr Fuchs, und die Lehrerschaft täte gut daran, ihren Schülerinnen und Schülern ein großes Lob für ihr Engagement auszusprechen! Schließlich geht es um die Zukunft aller. Und selbstverständlich haben auch Schülerschaften das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch über eine "Anwesenheitspflicht" hinaus. Duckmäusertum haben wir in unserer Geschichte schon mehr als genug erlebt.Ein Ehemaliger der FOS |
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vgemhelmstadt (2 Kommentare) am 02.12.2009 07:24
KLASSESolche Aktionen sind leider viel zu selten! Die Schulleitung, allen voran Herr Fuchs, und die Lehrerschaft täte gut daran, ihren Schülerinnen und Schülern ein großes Lob für ihr Engagement auszusprechen! Schließlich geht es um die Zukunft aller. Und selbstverständlich haben auch Schülerschaften das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch über eine "Anwesenheitspflicht" hinaus. Duckmäusertum haben wir in unserer Geschichte schon mehr als genug erlebt. |
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