publiziert: 28.10.2007 17:10 Uhr
aktualisiert: 16.12.2010 15:59 Uhr
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Frohlocken im Sündenpfuhl

Premiere-Volltreffer: Der „Gaukler“ Boulevardkomödie „Die Balkonszene“

Freitagabend, nahezu ausverkaufter Theaterkeller im Weinhaus Mehling. „Die Balkonszene“ der Lohrer Schauspielgruppe „Gaukler“ feiert Premiere. Vergessen ist die gehörig verpatzte Hauptprobe vom Vortag, vergessen der Angstschweiß, welchen die Generalprobe Regie-Debütantin Georgia Viola-Richartz auf die Stirn getrieben hatte. Der zweistündige Zweiakter „sitzt“ wie aus einem Guss.

  • "Hochwürden" Gerhard Kolbert (vorne) kehrt nach K.O.-Schlag ins Leben der Gaukler-Komödie "Die Balkonszene" zurück - sehr zum Entzücken seiner gewitzeten Mitstreiter (dahinter, von links) Susanne Balzer-Endres, Inge Schwab und Thomas Herrmann.
    FOTO Rita Gress
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In ihrem 13. Theaterjahr wagen die „Gaukler“ ein Experiment: Sie spielen zum ersten Mal unter eigener Leitung. „Gauklerin“ Georgia Viola-Richartz hält die Regiefäden in der Hand. Sie hält sie sicher. Die „Ihren“ danken es ihr mit einer Bravourleistung auf den Brettern, das Publikum mit Lachern und stürmischem Szenenapplaus.

Die Boulevard-Komödie „Balkonszene“ (von J. Chapman und A. Marriot) spielt in den 70er-Jahren, an keinem geringeren Ort als dem Buckingham Palace in London. Hier betreibt Constanze Beauchamp (Susanne Balzer-Endres) ein exklusives Büro für Heiratsvermittlung. Zumindest dann, wenn die königliche Standarte nicht gerade auf dem Dach flattert, sprich Her Majesty nicht ihre gute Stube hütet. In der Agentur gegen einsame Herzen geht es Schlag auf Schlag; ein Missverständnis jagt das nächste. Da wachsen selbst der resoluten Diana die Dinge über den Kopf.

Moment mal - Diana im Buckingham Palast? Perlenbeladen, in edler pinkfarbener Robe, wortgewaltig? Zur Klärung: Sie (Inge Schwab) ist Constanzes Sekretärin. Price lautet ihr Nachname. Zumindest so lange, bis Inspektor Hill (Maik Neuer) in einem mutmaßlichen Bordell-Sündenpfuhl gründlich recherchiert. Indes versucht das Wahnsinnstemperament Constanze händeringend, sich Junggesellen-Klient Jeremy (Thomas Herrmann) aus Hastings vom Hals zu halten.

37 ist der Jüngling, Hornbrille, verschroben. Er arbeite in Parks und öffentlichen Anlagen, frohlockt er. „Nicht konventionelles Verhaltensmuster, nicht vermittelbar; Gebühren nicht zurückzahlen“, rattert es aus dem Agentur-Computer. Das elektronisch gesteuerte Gerät hat die Rechnung ohne den liebestollen Hobbypoeten gemacht. Dieser ist bereit, für „meine Kleopatra, Julia, meine schöne Helena“, notfalls ein wenig Suizid von der Balkonbrüstung zu begehen.

Er spüre bereits ein neues Gedicht in sich empor drängen: „Kein Sturm kann unsere Liebe beugen, wir werden Schößling um Schößling zeugen.“ Wäre die Angebetete bloß nicht in die Signalfarbe der letzen Hoffnung gewandet. Lila Chiffon ziert ihren Körper. Ihr hilft keine noch so grandiose Abwehrstrategie, auch kein Pseudogatte in adelig braunem Tweed. Brülle seine Lordschaft (Jörg Engelhard) mit Hang zur Flasche noch so polternd: „Etwas laut, der kleine Barde, das Polo-Pony. Gebe man mir eine Axt!“ Seine Hoheit selbst, „das Monster“, steht alsbald wenig adlig da: in Unterhosen, Sockenhaltern und Damen-Negligé-Fummel. Was Lady Sybill, seine gestrenge Gemahlin (Ditte Remmel), nicht komisch findet. Sie geht hart mit ihm ins Gericht. O-Ton ihres Lords: „Wenn sie mit einem Gewehr auf ein Feld zeigt, schießen die Sprösslinge von alleine in die Höhe.“

Wäre da noch das adrette spanische Hausmädchen Anna-Maria (Silke Hartmann). Seit einer Stunde erst ist sie da und bereits „registriert“. Das Leben im „Etablissement“ setzt ihr zu; sie will nach Hause. Nicht so die Bigamisten-Witwe Mrs. Meadows (Mirta Dantlgraber). Ihren Gatten Kyrill hat ihr der Tod geraubt, dessen Nachfolger hat die Polizei verwahrt. Jetzt hält die Femme Fatale drauf: „Ich weiß, wie man Zwiebeln schält und Glocken zum Läuten bringt.“ Währenddessen wähnt sich Hochwürden Kanonikus Fitch (Gerhard Kolbert), der nicht ganz Vollkommene, welcher sich bei seinen Sünden aber auf die Werktage beschränkt, in eine Lasterhöhle getreten. Sein Ausruf „Das hier ist eine Offenbarung!“ dringt schaudernd gen Kellerdecke.

Bringen wir „Die Balkonszene“ auf den Punkt: Da agiert ein Ensemble, in dem jedem einzelnen Mitglied seine Rolle auf den Leib geschneidert scheint. Sie füllen ihren Part trefflich aus, sei es in Wort, Gestik oder Mimik. Auf den Brettern stehen: Hauptdarstellerin Susanne Balzer-Endres als Constanze Beauchamp, Thomas Herrmann als Jeremy. Inge Schwab gibt die Sekretärin Diana Price. Silke Hartmann schlüpft in wechselnder Besetzung mit Indra Remmel in die Rolle des spanischen Hausmädchens Anna-Maria. Doppelbesetzung auch bei „Pastor“ Kanonikus Fitch: Ihn spielen im Wechsel Gerhard Kolbert und Thomas Leiher. Jörg Engelhard verkörpert „Seine Lordschaft“ Goffrey, Ditte Remmel Lady Sybill, Maik Neuer den strengen Inspektor Hill und Mirta Dantlgraber die Bigamistenwitwe Mrs. Meadows. Regie: Georgia Viola-Richartz. Bühnenbild: Maik Neuer, Erhardt Schmidt, Mario Sanden. Als Herrin der „Goldenen Näh- sprich Kostümnadel“ bewies sich erneut Hanni Herrmann, Herr über Licht, Ton und Technik sind die Youngster Maximilian Endres und Simon Reuter.

 

Weitere Vorstellungen im Theaterkeller Mehling sind am 2., 9., 10., 16., 17., 23., 24. und 30. November, am 11., 12., 18., 19., 25. und 26. Januar sowie am 1. und 2. Februar (Benefizvorstellung) 2008. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei Mehling sowie an der Abendkasse.

Von unserer Mitarbeiterin Rita Gress
    
    

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