publiziert: 18.09.2013 17:48 Uhr
aktualisiert: 18.09.2013 17:51 Uhr
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„Hätten wir mehr Zeit, gäbe es weniger Schmerzen“

„Schmerz lass nach“: 4. Fachtagung für Altenpflege im Kreis-Seniorenheim Marktheidenfeld – Gemeinsame Veranstaltung von Regierung und Landkreis
  • Foto: A. Brachs
    Die bekannte TV-Ärztin Dr. Marianne Koch referierte am Mittwochnachmittag vor unterfränkischen Altenpflegern und am Abend in einer öffentlichen Veranstaltung in Marktheidenfeld über das Alter.
  • Foto: Andreas Brachs
    Alte Menschen brauchen Zuwendung: Das übten die Teilnehmer der 4. Fachtagung von Regierung für Unterfranken und Landkreis Main-Spessart am Mittwochmorgen im Kreis-Seniorenheim Marktheidenfeld mit einer freundlichen Begrüßung untereinander.
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60 bis 80 Prozent der Pflegeheimbewohner leiden unter chronischen Schmerzen, heißt es in Statistiken. Oft geraten nicht nur sie, sondern auch die Pflegekräfte damit im Alltag an die Grenze der Belastbarkeit. Die Folge: Die Betroffenen erhalten Medikamente bis hin zu Opiaten. Doch damit ist das Problem nur überdeckt, nicht gelöst.

Dieser schwierigen Thematik nahmen sich am Mittwoch die Regierung von Unterfranken und der Landkreis Main-Spessart an: Zum 4. Mal veranstalteten sie eine Fachtagung für Altenpflege im Kreis-Seniorenheim Marktheidenfeld. Und wieder war die kompetent besetzte Veranstaltung ausverkauft. Der Titel diesmal: „Schmerz lass nach! – Schmerzen erkennen und damit umgehen“.

„Hätten wir mehr Zeit, gäbe es weniger Schmerzen.“ Auf diese provokante Formel brachte es die Heimleiterin Ute Volkamer (vormals Guth). „Und damit bräuchten wir auch weniger Medikamente“, erklärte Dr. Jutta Albrecht, Chefärztin am Leopoldina Krankenhaus für spezielle Schmerztherapie in Schweinfurt. Albrecht berichtete aus ihrem Alltag in der Behandlung von chronisch kranken Schmerzpatienten. Viele litten nicht nur unter dem Schmerz, sondern auch unter den Reaktionen ihrer Umwelt darauf. Wenn für Schmerzen weder Ursachen noch Therapien gefunden werden, bekämen Patienten oft Unverständnis und Missachtung zu spüren. Schnell würden sie zu Simulanten abgestempelt nach dem Motto: „Das bildet der sich doch nur ein.“ In Verbindung mit den unaufhörlichen Schmerzen führe das bei Betroffenen zu Ärger, Angst, Depression und dem Rückzug aus der Gemeinschaft, weil man irgendwann die vermeintlich „guten Ratschläge“ satt habe.

Chronischer Schmerz, so verdeutlichte Albert, sei also nicht nur ein körperliches, sondern auch ein psychisches und ein soziales Problem. Im Umgang damit seien Verstand und Gefühl gefragt, eine ganzheitlichen Sicht auf den Patienten. Sie riet, in bestimmten Fällen die Hilfe spezialisierter Schmerztherapeuten in Anspruch zu nehmen.

Die bekannte TV-Ärztin Dr. Marianne Koch sagte in ihrem Vortrag, dass die Medizin den Schmerz wie ein Stiefkind behandele. „Entsprechend miserabel ist die Versorgung der Bevölkerung, zum Beispiel bei Kopf- oder Rückenschmerzen.“

Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland, so schätzt sie, leiden dauerhaft unter Schmerzen; rund 3000 pro Jahr begehen Suizid. Chronischer Schmerz nehme die Lebenslust und sei oft gekoppelt mit jahrelangen vergeblichen Wegen durch die Arztpraxen, erklärte die Ehrenpräsidentin der Deutschen Schmerzliga. Schmerzen seien nicht messbar und objektiv nicht nachzuvollziehen. Deshalb reagierten Angehörige und Ärzte auf solche Patienten oft mit Zweifeln und Ungeduld.

„Zuwendung, menschliche Wärme“, sagte Koch, „ist eines der stärksten Mittel gegen den Schmerz.“ Das helfe den Betroffenen, die sich verunsichert, voller Angst und aus der Leistungsgesellschaft ausgegrenzt fühlten. Ihr Fazit: „Eine Medizin ohne Menschlichkeit ist keine Medizin.“

Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer wies in seinem Grußwort darauf hin, dass vor allem demenzkranke Heimbewohner nicht in der Lage seien, Schmerz richtig wahrzunehmen, zu bewerten und entsprechend zu äußern. Damit befassten sich zwei weitere Fachvorträge des Tages. Es sei für die Pflegenden schwer, so Beinhofer, adäquat zu reagieren. Er freute sich deshalb über das Interesse der anwesenden Altenpfleger an neuen Wegen aus dem Dilemma „zum Wohle der Ihnen anvertrauten Menschen“.

Landrat Thomas Schiebel ergänzte, dass das Engagement der Pflegekräfte mehr Respekt und mehr finanzielle Anerkennung verdiene. Die Altenpfleger machten nicht nur einen Job, sondern seien als ganzer Mensch mit Gefühl und hohem Engagement bei der Arbeit. Er stellte – ebenso wie Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder in ihrem Grußwort – heraus, dass sich der Klinikstandort Marktheidenfeld immer mehr zum Zentrum für Altersmedizin entwickele. So seien neben dem Kreis-Seniorenheim und der geriatrischen Reha auch eine bislang einmalige Praxis für Alterszahnmedizin dort untergebracht. Der Landkreis verlegt überdies seine Berufsfachschule für Altenpflege an diesen Standort.

Andreas Brachs

    
    

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