publiziert: 13.07.2012 17:23 Uhr
aktualisiert: 15.07.2012 12:04 Uhr
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Lebenshilfe schließt in Karlstadt

Heilpädagogische Tagesstätte in Karlstadt muss schließen – Lebenshilfe: Jugendamt sieht keinen Bedarf
  • Foto: HPT
    Bittschrift: Diesen Brief für den Erhalt der HPT hat der Fünftklässer Luca Redelberger aus eigenem Antrieb geschrieben.
  • Foto: Karlheinz Haase
    Die Stühle werden hochgestellt: Im August schließt die Heilpädagogische Tagesstätte in Karlstadt, obwohl es nach Ansicht von Experten Kinder mit Förderbedarf gäbe. Die Erzieherin Martina Lannig wechselt dann den Beruf.
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Der achtjährige Mario (Name von der Redaktion erfunden) haut seine Mama. Auch in der Schule hat er schon einmal seine Lehrerin getreten. Früher wurden solche Kinder gezüchtigt. Das verschlimmerte die Situation eher noch. Heute packt man solche Fälle ganz anders an. „Wir merken meist vorher, wenn ein Kind aggressiv wird, und gehen mit ihm aus der Gruppe“, sagt Martina Lannig, Erzieherin der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) in Karlstadt.

Indem jemand mit dem Kind redet, kommt es meist zur Ruhe und kann erklären, warum die Wut in ihm hochgekommen war. Ziel der Betreuung in der HPT ist, dass Mario irgendwann vorher selbst merkt, dass er gleich zu „kochen“ beginnt, und sein Problem dann mit Worten klärt.

Die Tage der HPT sind jedoch gezählt. Wie in unserer gestrigen Ausgabe kurz berichtet, muss sie ab 5. August schließen, weil zu wenige Kinder kommen. Dabei ist der Vorsitzende der Lebenshilfe Main-Spessart, Ekkehard Auth, überzeugt, dass es im Raum Karlstadt und Umgebung großen Bedarf an heilpädagogischen Plätzen für sechs- bis zwölfjährige Kinder mit besonderen Erziehungsschwierigkeiten gibt.

Sozial-emotionale Probleme

Der eingangs geschilderte Fall ist nur ein Beispiel. „Das ist bei jedem Kind anders, man muss dann auch von Fall zu Fall entscheiden, was man tut“, sagt Lannig. Unter Pädagogen spricht man von Kindern, die Probleme im sozial-emotionalen Bereich haben, erklärt Schulleiter Burkard Betz vom Leo-Weismantel-Förderzentrum in Karlstadt. Diese Kinder haben so hohen Förderbedarf, dass sie auf intensive schulische und außerschulische Hilfen angewiesen sind, um auf Dauer eine gute Entwicklung machen zu können.

Oft sind sie zappelig, können sich überhaupt nicht konzentrieren und wollen nicht zur Schule gehen. Wenn sie nach außen aggressiv sind, können sie innerlich wiederum betroffen oder depressiv sein. Sie verlieren die Kontrolle über ihr Verhalten, ohne daran Schuld zu sein. Viele Erwachsene sind mit einer solchen Situation überfordert. Es kommt zu massiven Krisen in der Familie.

Auth bedauert, dass der Förderbedarf dieser betroffenen Kinder ungedeckt bleibt: „Es ist dem dafür zuständigen Jugendamt über Jahre nicht gelungen, die Einrichtung, die in Karlstadt neun Plätze vorgehalten hat, mit Kindern mit Förderbedarf in den Bereichen Erziehung und Verhalten dauerhaft zu belegen.“

Die vergangenen Jahre sei die HPT ständig unterbelegt gewesen. In diesem Schuljahr besuchen nur noch vier Kinder die Tagesstätte. Diese ständige Unterbelegung der Tagesstätte, die mit hoch qualifiziertem Personal ausgestattet war, hat zu Verlusten von mehr als 250 000 Euro seit Inbetriebnahme im Jahr 2003 geführt.

Spezielle Förderklasse

Damit die betroffenen Kinder nicht auf der Strecke bleiben, arbeitet der Schulleiter des Leo-Weismantel-Förderzentrums Burkard Betz an einem Konzept für eine Stütz- und Förderklasse, die ab dem Schuljahr 2013/14 den Betrieb aufnehmen könnte. Vorbild ist eine solche Klasse, die es bereits im Landkreis Miltenberg gibt. Auch Schulamtsleiter Ludger Maag unterstützt diesen Plan.

Maximal neun Kinder aus dem ganzen Landkreis könnten in einer Klasse, die mit viel Personal ausgestattet ist, zusammengefasst werden. Ein Förderschullehrer, ein Volksschullehrer, eine Heilpädagogische Fachkraft wären ständig da, ergänzt durch Logopäden und Ergotherapeuten. Von 8 bis 17 Uhr sollen die Kinder betreut werden.

Betz und Maag sind optimistisch, da die Regierung von Unterfranken die Förderung für wichtig erachtet. Auch Landrat Thomas Schiebel stehe der Idee offen gegenüber. Nötig wäre eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Jugendamt und dem Leo-Weismantel-Förderzentrum, dem auch der Kreis-Jugendhilfeausschuss zustimmen müsste. Ideal freilich wäre eine Weiterführung der HPT gewesen, so Betz und Maag. „Wir sehen in den Schulen Kinder, die in erheblichen Problemlagen leben.“

Kündigungen

Wie geht es in Karlstadt weiter? Da auch die vier Beschäftigten der Tagesstätte in Karlstadt die Unterbelegung schon länger mit Sorge betrachteten, haben die Gruppenleiterin und die Psychologin im Winter und Frühjahr gekündigt. Die Erzieherin wird nach der Schließung eine Ausbildung zur Krankenschwester beginnen. Die Heilpädagogin wird anderweitig in Lohr zum Einsatz kommen, sagt Christine Siegmund, die Bereichsleiterin Tagesstätten.

Die Lebenshilfe hatte das Gebäude der ehemaligen Gesundheitsamts gekauft. Dort werden nun einige Räum leerstehen. Nicht betroffen ist die dort ebenfalls untergebrachte Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) für entwicklungs- und sprachverzögerte Kinder im Vorschulalter von drei bis sechs Jahren. Es gibt hier zwei Gruppen mit 24 Kindern aus dem Großraum Karlstadt – also mit Kindern von Arnstein bis Wiesenfeld und von Zellingen bis Eußenheim. In der SVE sind zwei Heilpädagogen, zwei Erzieherinnen und zwei Kinderpflegerinnen tätig sowie Ergotherapeuten und Logopäden, die teilweise auch aus niedergelassenen Praxen kommen.

Von unserem Redaktionsmitglied Karlheinz Haase
    
    

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Die neuesten Kommentare

steuerzahler (4 Kommentare) am 14.07.2012 14:28

Jugendamt?

Ich habe mit dem Jugendamt MSP meine eigenen Erfahrungen gemacht, kann Ihnen aber versichern, daß meine Kindern jetzt von vielen fremden Personen "betreut" werden müssen. Während ich weiterhin in meinem eigenen Haus auf dem Dorf wohne, müssen meine Kinder jetzt im sozialen Brennpunkt Würzburgs aufwachsen. Das Budget MSP´s wurde dadurch aber auch nicht belastet. Das LG Bamberg (!) hat sich auf ein fragwürdiges Gutachten einer Person verlassen und dadurch ein Urteil zum Wohle der Finanzen MSP´s (nicht meiner Kinder) "erlassen".
(0)
Mehr (430 Kommentare) am 13.07.2012 20:25

Jugendamt!?

Warum "schaffte" es das Jugendamt nicht, die freien neun Plätze immer zu belegen, wenn doch offensichtlich einige Kinder Bedarf haben?:-( traurig traurig traurig
(0)
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