publiziert: 08.03.2010 18:07 Uhr
aktualisiert: 11.03.2010 11:29 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text ARNSTEIN
So lebten die Juden auf dem Land

Die ehemalige Synagoge in Arnstein soll ein Dokumentationszentrum werden
  • Wertvolles Innenleben: Die Fresken, die in unserem Archivbild Arnsteins Bürgermeisterin Linda Plappert-Metz bestaunt, werden bei der Innenrenovierung der alten Synagoge überarbeitet und Teil des neuen jüdischen Dokumentationszentrums.
    Foto: Karlheinz Haase
  • Roland Metz, Altbürgermeister und Leiter des Förderkreises alte Synagoge Arnstein, sucht Partner für eine Bildungsstätte zum Landjudentum.
    Foto: Amkreutz-Götz
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In Arnstein startet in den nächsten Wochen die Sanierung der alten Synagoge. Der Förderkreis plant eine Nutzung, die über Arnstein hinaus wirken soll. Der Altlandkreis Karlstadt ist voller Zeugen jüdischen Lebens. In der Pogromnacht 10. November 1938 entweihte Synagogen stehen in Arnstein, Karlstadt, Thüngen, Laudenbach und Wiesenfeld. In Laudenbach wurden über 400 Jahre lang Juden beerdigt.

„Wir erstellen für die sanierte Synagoge ein Ausstellungs- und Präsentationskonzept zum Thema Landjudentum in Unterfranken“, berichtet Fördervereins-Vorsitzender Roland Metz. Der Arnsteiner Altbürgermeister, ein kompetenter Kenner der Heimatgeschichte, sucht für dieses Projekt Partner vor allem in den Gemeinden mit jüdischer Vergangenheit und will die Bürgermeister Paul Kruck (Karlstadt, Laudenbach, Wiesenfeld) und Klaus Enzmann (Thüngen) für das Arnsteiner Projekt interessieren.

Titel „Lern-Ort“

Metz nennt das Projekt „Lern-Ort alte Synagoge“. Schüler, Studenten und allgemeine Besuchergruppen erhalten unterrichtsmäßig aufgearbeitete Materialien. Mit modernen Medien sollen jüdisches Leben und noch vorhandene steinerne Zeugen vor allem jungen Menschen dargebracht werden. Nach einem Besuch des Lern-Ortes könnten Schüler und die Schulen das Thema vertiefen. „Auch wenn der wissenschaftliche Schwerpunkt auf den Darstellungen der Landjuden in Arnstein und der Umgebung liegt, spannen wir den geschichtlichen Bogen bis in die Gegenwart – zum heutigen Staat Israel“, sagt der Altbürgermeister.

Roland Metz hofft, dass die Gemeinden ihre Archive öffnen und der Arnsteiner Förderkreis, wenn schon keine Original-Dokumente, so doch Kopien mitnehmen kann. Die wichtigste Vorarbeit für eine umfassende Dokumentation jüdischer Spuren und Erfassung jüdischen Lebens in den vergangenen 700 Jahren leistet eine künftige Doktorandin der Universität Würzburg, die ihre Dissertation zum Thema Landjudentum fertig schreibt und der alten Synagoge zur Verfügung stellt.

Vernetzung der Gemeinden

Eine Vernetzung soll mit den umliegenden Gemeinden erfolgen, in denen Juden das gesellschaftliche, religiöse und wirtschaftliche Leben mitgeprägt haben – vor allem im Altlandkreis Karlstadt. Der Bezirk, so informiert Metz, plane eine eigene unterfränkische Zusammenstellung jüdischen Lebens – vom Untermain bis in die Haßberge.

Für ihn erschließt sich mit dem neuen Dokumentationszentrum in der Synagoge Arnstein aus dem Jahre 1819 nicht nur eine heimatgeschichtliche Dimension, sondern eine ganz praktische: die touristische Nutzung. Arbeitstitel: Judenweg – von Arnstein über Thüngen nach Karlstadt, Laudenbach und Wiesenfeld. Vielleicht lässt sich dieser Weg auf jüdischen Spuren später erweitern bis nach Urspringen und Heßdorf, bis Veitshöchheim und Rimpar.

Die beiden letzten Gemeinden außerhalb des Landkreises Main-Spessart sind Mitglieder im Verein LAG Leader-Region Wein, Wald und Wasser, – wie auch Arnstein, Thüngen und Karlstadt. Der Lenkungsausschuss hat das Konzept für den Lern-Ort alte Synagoge aufgenommen und wird die Umsetzung finanziell unterstützen. Mit etwa 60 000 Euro rechnet Roland Metz für den Aufbau der Dokumentation inklusive Vitrinen und Medien. Für die Mitfinanzierung hofft Metz auch auf Spenden von Banken und Unternehmen.

Die wichtigste Vorarbeit mit der Gebäudesanierung leistet die Stadt Arnstein für 80- bis 100 000 Euro als Eigentümerin der alten Synagoge, unterstützt von 60 Prozent aus der Städtebauförderung sowie aus dem Entschädigungsfonds und der Landesstiftung. Nachdem das Gebäude – es war als Wohnung und Werkstatt genutzt – 2008 ausgeräumt worden war, stagnierte die Sanierung, weil sich die Statiker nicht einig waren, ob die bereits 1860 eingebauten Zuganker für die Statik notwendig sind oder nicht. Die Landesgewerbeanstalt entschied auf neue Zuganker. Nach den Ausschreibungen Ende 2009 soll die Außen- und Innenrenovierung nun beginnen, erklärt Vereinsvorsitzender Roland Metz.

Bau eventuell heuer noch fertig

Bis Ende 2010, spätestens Anfang 2011 soll die Sanierung beendet sein, meint Metz. Daran schließt sich zügig der Aufbau des Dokumentationszentrums.

Beim Innenausbau des zehnmal zehn Meter großen Raumes soll der Jugendstilcharakter erhalten bleiben. Vor allem die Fresken, die den Fries des Gebäudes zieren, sollen freigelegt und als historisch wertvoll neu gefasst werden. Sie werden Teil der Dokumentation. Die alte Synagoge bleibt auch Konzert-, Ausstellungs- und Veranstaltungsraum mit multifunktionalem Charakter.

LAG und Leader plus

Für kommunale oder private Projekte, die der Allgemeinheit dienen, gibt es verschiedene Fördertöpfe. Einer ist das EU-Programm Leader. In Würzburg und Main-Spessart gründete sich ein landkreisübergreifender Verein, die Lokale Aktionsgruppe (LAG) Leader-Region Wein, Wald und Wasser mit den beiden Landkreisen als Mitglied sowie Gemeinden rund um Würzburg sowie im östlichen Main-Spessart mit Karlstadt, Arnstein, Himmelstadt, Thüngen, Eußenheim, Zellingen und Retzstadt. Dieser Verein erarbeitete ein regionales Entwicklungskonzept, mit dem es sich um EU-Fördermittel aus dem Programm „Leader in ELER“ bewarb. Das Entwicklungskonzept wurde für die Förderperiode 2007 bis 2013 anerkannt.

Der Leader-Fördertopf unterstützt Projekte, die keine anderen Finanzhilfen erhalten. Der sogenannte Lenkungsausschuss verfügt in der laufenden Periode bis 2015 über 1,3 Millionen Euro EU-Fördermittel und, je nach Haushaltsbeschluss, zusätzlich Landesmittel, mit denen er private oder gemeindliche Projekte unterstützt.

Bevor Projekte im Lenkungsausschuss zur Genehmigung landen, müssen die Antragsteller eine umfangreiche Vorarbeit leisten, die die Projektierung, die Nutzung, die Hauptfinanzierung und den Unterhaltsträger, vor allem auch die Nachhaltigkeit, beinhaltet. Nach dieser meist langwierigen und aufwendigen Vorleistung bringt der Projektträger seine Idee in einer Arbeitsgruppe ein und sucht dort Partner.

Ist das Projekt „rund“ und findet Unterstützung, legt der Projektträger sein Ziel dem Lenkungsausschuss vor, der es annimmt, die Zuschusshöhe festlegt oder es ablehnt. In diesem vom Verein gewählten Ausschuss sitzen elf Vertreter der Arbeitskreise, Verbände, Gemeinden sowie der beiden Landkreise. „Wer sich besonders engagiert, erhält schneller Förderung“, erklärt Valentine Lehrmann, die für den Landkreis Main-Spessart im Lenkungsausschuss mitwirkt.

Ein abgeschlossenes Leader-plus-Förderprojekt ist beispielsweise die Gestaltung der Mainlände in Himmelstadt mit Pavillon, Philatelistenpfad und Weinrebenweg. Bayernweit soll bis 2014 die Region um die Haupt-Jakobswege vernetzt werden. Dazu gehören laut Lehrmann die Standardisierung des Pilgerwegs durch einheitliche Ausschilderung und Hinweise auf Sehenswürdigkeiten am Wegesrand sowie die Einrichtung von Herbergen und Gaststätten in Zusammenwirken mit der Bevölkerung, was eine Förderung des ländlichen Raums bedeutet.

Informationen im Internet unter www.weinwaldwasser.de

Von unserem Redaktionsmitglied Martina Amkreutz-Götz
    
    

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