publiziert: 08.09.2010 17:23 Uhr
aktualisiert: 09.09.2010 13:05 Uhr
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Türkenserie: Großer Respekt vor den Älteren

TÜRKEN IN KARLSTADT (51): Vom Grüßen und dem Umgang miteinander
  • Respekt bezeugen: Yusuf Aydolu zeigt, wie ein Jüngerer einer älteren türkischen Person die Ehre erweist: Erst kommt ein Handkuss, der auch mit dem Kinn angedeutet werden kann, dann wird die Hand an die eigene Stirn geführt.
    FOTOS KARLHEINZ HAASE
  • Respekt bezeugen: Yusuf Aydolu zeigt, wie ein Jüngerer einer älteren türkischen Person die Ehre erweist: Erst kommt ein Handkuss, der auch mit dem Kinn angedeutet werden kann, dann wird die Hand an die eigene Stirn geführt.
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Ist es eigentlich passend, wenn ein fremder Mann einer Muslima die Hand gibt? Viele Deutsche wissen es nicht. Trotz des täglichen Nebeneinanders in Karlstadt herrscht selbst bei einfachsten Verhaltensregeln Unkenntnis.

Konservative Muslimas werden die Hand nicht annehmen. In Karlstadt dürfte das etwa ein knappes Drittel sein. Für die übrigen zwei Drittel stelle es dagegen kein Problem dar, sagen Türken über ihre Landsleute. In der Türkei selbst dürfte der Anteil der liberalen Frauen höher liegen – wobei dies von der jeweiligen Gegend abhängt.

Ebenso ist es regional unterschiedlich, ob der Mann zuerst begrüßt wird oder die Frau. Auf dem Land hat eher der Mann Vorrang, in Großstädten dagegen geben die Höflichkeitsregeln der Frau den Vorrang.

Was fühlt ein Muslim, wenn er mit der süddeutschen Grußformel „Grüß Gott“ gegrüßt wird? Es sei völlig akzeptabel, jemanden in Gottes Namen zu grüßen, sagen Türken. Der gebräuchliche Gruß unter gläubigen Muslimen lautet „Selamün aleyküm“ oder kürzer: „Selam aleyküm“. Das ist Arabisch und bedeutet „Grüß dich“. Ähnlich wie „Grüß Gott“ zu „Grüezi“ werden kann, so gibt es die Kurzformel „Selam“. Sie ist sogar am gebräuchlichsten. Wenn der Gegrüßte ganz korrekt antworten will, so sagt er: „Aleyküm selam“.

Der offizielle weltliche Gruß allerdings ist „Merhaba“. Das entspricht dem deutschen „Guten Tag“. Wer etwa Türkisch lernt, wird im Lehrbuch „Merhaba“ finden. Unter Jugendlichen gebräuchlich sind inzwischen alle internationalen Grußformeln wie „Hi“ oder „Hallo“.

Gebräuchlich ist es, sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen: „Nas?ls?n?“ heißt „Wie geht es dir?“, „nas?ls?n?z?“ ist die Höflichkeitsform „Wie geht es Ihnen?“. Der Befragte antwortet „Iyiyim“ (sprich ijim) – mir geht es gut.

Zum Abschied dann reicht die Palette von „Ciao“ über „Tschüs“ bis zu „Arrivederci“. Offiziell lautet die Abschiedsformel indes „Hoºça kal“, wörtlich „Bleibe wohlauf“. Geantwortet wird darauf mit „Güle güle“. Wörtlich heißt es „Lachend”. Übersetzen könnte man es mit „Alles Gute“ oder „Mach's gut” oder einfach mit „Du auch”. Der religiös geprägte Abschiedsgruß ist „Allah'a ismarladik“, was so viel heißt wie „Ich vertraue dich Gott an“. Alternativ dazu kann er auch lauten „Eyvallah“. Das wird vor allem zwischen gut miteinander bekannten Männern verwendet und heißt frei übersetzt „Servus“.

Im Verwandten- oder Freundeskreis sind je nach Gegend zwei bis drei Küsschen auf die Wange üblich. Je nach Religiosität werden die Küsschen auch zwischen Männern und Frauen gepflegt. Religiös Gesinnte unterteilen in „mahram“ (erlaubt) und „namahram“ (nicht erlaubt). „Mahram“ ist für eine Frau zum Beispiel der Bruder oder Onkel, „namahram“ beginnt beim Cousin, denn den könnte sie ja heiraten.

Stark verankert ist in der türkischen Tradition der Respekt gegenüber Älteren. Kleine Kinder oder junge Leute küssen die Hand von älteren Personen und legen sie anschließend kurz an die Stirn. Heute kommt oft die abgewandelte Form mit angedeutetem Kuss vor, indem die Hand kurz ans Kinn geführt wird.

Jüngere achten darauf, dass sie sich nicht auf den Stuhl oder die Couch lümmeln, wenn Ältere dabeisitzen oder hereinkommen. Betritt ein Älterer den Raum, kann es sogar sein, dass der Jüngere aufsteht. Auch raucht der Sohn nicht in Gegenwart des Vaters und selbst der jüngere Bruder nicht in Gegenwart des älteren. Der Respekt gegenüber Älteren kommt auch bei der Anrede zum Ausdruck. So wird schon beim älteren Bruder ein „Abi“ an den Namen angehängt, so beispielsweise „Achmed Abi“. Die ältere Schwester erhält den Zusatz „Abla“, also beispielsweise „Ayshe Abla“. Ältere Frauen bekommen den Zusatz „Teyze“, was Schwägerin bedeutet.

Vor dem Essen wünscht man nicht einen guten Appetit, sondern „Bismillah“ (im Namen Gottes), danach heißt es „Elhamdulillah“. Wer gekocht hat, wünscht den anderen nach dem Essen „afiyet olsun“ (Wohl bekomm's). Die mitgegessen haben, sagen „ellerine saglik“ (Gesundheit auf deine Hände).

Wenn jemand neu in eine Gegend zieht, dann wird er üblicherweise von den Nachbarn willkommen geheißen. Man bringt ihm durchaus kleine Geschenke mit. Das ist just das Gegenteil der Gepflogenheiten der Deutschen, wo eher der Neuling reihum geht und sich bei seinen Nachbarn vorstellt. So mag mancher Türke auf die Begrüßung in seinem neuen Umfeld gewartet haben, ebenso mancher Deutsche darauf, dass sich der Türke vorstellt . . .

ONLINE-TIPP

Die bisherigen Serienteile gibt es im Internet unter www.mainpost.de/lokales/mainspessart

Von unserem Redaktionsmitglied Karlheinz Haase
    
    

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