aktualisiert: 16.03.2011 09:05 Uhr
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ARNSTEIN
Neue Lehrbrauerei: Eine Halbe Bier für 100 Euro
Feier zur Übergabe der neuen Lehrbrauerei an der Staatlichen Berufsschule in Karlstadt
100 bis 110 Euro kostet eine Halbe Bier, die an der Berufsschule in Karlstadt gebraut wurde. Das führte Markus Metzger den Gästen bei der Übergabe der neuen Lehrbrauerei spaßeshalber vor Augen. Der Brauerlehrer hatte den Stundenlohn des Braumeisters und der 15 Azubis, das Material und die Abschreibung innerhalb von 30 Jahren zusammengerechnet.
Da wussten die Gäste, welch wertvolles Getränk sie im Anschluss an die Reden verkosten durften. Denn angesichts der konsumierten 80 Liter wurde in einer Stunde für gut 8000 Euro Bier getrunken – theoretisch.
Brauer verstehen es, Spaß und Ernsthaftigkeit miteinander zu vereinbaren. Bei allen launigen Sprüchen ums Bier, die bei der Übergabefeier zu hören waren, ging es doch um einen ernsten Kern: eine optimale Ausbildung des Brauernachwuchse. Dass dies in letzter Zeit nur mit viel Improvisationsgeschick möglich war, führte Metzger den Zuhörern plastisch vor Augen – anhand eines Vergleichs der alten Lehrbrauerei mit einem Oldtimer-Auto.
So ein Oldtimer ist zwar liebevoll gepflegt, da blinkt und glänzt es, doch dient er eher dazu, die Automobil-Kultur früherer Zeiten zu zeigen. Denn wer würde Kfz-Azubis an einem Oldtimer moderne Kfz-Mechatronik und den Umgang mit Diagnosegeräten lernen lassen.
Auch in der bisherigen Lehrbrauerei blitzte und glänzte es, doch da die Einrichtung aus dem Jahr ???=??? stammte, entsprach sie längst nicht mehr der heutigen Technik der Brauereien. Die neue Brauerei erfüllt nun die Anforderungen des neuen Rahmenlehrplans von 2007, der den Unterricht in Handlungssituationen vorsieht. Während bisher die Prüfungen in den Brauereien Max Bender (Arnstein) und im Brauhaus Schweinfurt abgehalten wurden, werden diese künftig in der Lehrbrauerei selbst stattfinden.
Einblicke in den Brauprozess
Im Berufsschul-Sudhaus gibt es nun an den Maisch- und Kochgefäßen Sichtfenster, durch die sich der Brauablauf verfolgen lässt. So etwas können die Auszubildenden in hoch technisierten Brauereien sonst nicht mehr so hautnah erleben. In der neuen Lehrbrauerei funktioniert dennoch alles wie in einer Großbrauerei, nur meist in kleinerem Maßstab: Neu sind die Maischautomatik, der Innenkocher, die Flaschenwaschmaschine, die Abfüllanlage, die Etikettierung und Einpacker, die Keg-Reinigung und Keg-Abfüllung. Diese erlaubt dank gläserner Seitenwand, die Strömungen in dem Keg-Fass zu beobachten. Neu sind auch der Dampfkessel und die Kühlanlage.
Letztlich wurde auch die Kapazität von 25 auf rund 75 Liter pro Sud erhöht. Die Azubis lernen auch, die technischen Maschinen zu warten. Hier gebe es jetzt deutschlandweit die besten Voraussetzungen dafür. „Wir können jetzt endlich handlungsorientiert arbeiten“, freute sich Metzger, der die Neuausstattung federführend plante – zusammen mit seinen beiden Kollegen Robert Pawelczak und Boris Dürr.
Neues Internat in weiter Ferne
Leider hieß es kürzlich, dass die Kreisräte den Neubau des Brauerinternats in Karlstadt noch in weiter Ferne sehen, bedauerte Metzger. Bekanntlich sind die Brauerschüler in Arnstein untergebracht.
Aus Nordbayern bis zur Oberpfalz, aus Hessen, Thüringen und bis von Rheinland-Pfalz kommen die Schüler nach Karlstadt, beschrieb Regierungsschuldirektorin Maria Walter. In den drei Jahren ihrer Ausbildung haben sie 32 Blockwochen hier zu absolvieren.
460 000 Euro kostete den Landkreis die neue Lehrbrauerei – bei einem Zuschuss von 155 000 Euro. Mehr als eineinhalb Jahre dauerte die Umbauphase, blickte Schulleiter Bernd Büttner zurück. Gut 120 Brauerschüler werden in Karlstadt unterrichtet. Bevor hier 1965 die Brauerschule eingerichtet wurde, waren in verschiedenen anderen Berufsschulen drei Jahrgänge in einer Klasse zusammengefasst oder wurden zusammen mit anderen Nahrungsmittelberufen ausgebildet. In den 80er Jahren wurde in Karlstadt die Lehrbrauerei für damals rund eine Million Mark errichtet.
Glück mit den Lehrern
Landrat Thomas Schiebel freute sich nicht nur über die neue Anlage, sondern auch über das Glück, dass die Brauerschule schon immer gute Lehrer gehabt habe. Der wirtschaftlich starke Landkreis wolle auch gute Ausbildungsbedingungen bieten. Den Glückwünschen schlossen sich Wolfgang Büttner von der IHK Würzburg-Schweinfurt, René Grywnow von der Firma Grundfos, Manfred Unkel vom Deutschen Braumeister- und Malzmeisterbund sowie von der Mälzerei Weyermann in Bamberg, Hans Wächter von HW-Brauereiservice und Walter Heußlein an. Er ist Vizepräsident der Handwerkskammer für Unterfranken und Vorsitzender des Fördervereins der Berufsschule Karlstadt. Die musikalische Umrahmung übernahm – einmal anders – ein Brauerschüler mit der Drehorgel.
Sprüche ums Bierbrauen
Bei der Feier zur Übergabe der neuen Lehrbrauerei an der Berufsschule Main-Spessart griffen fast alle Redner auf Sprüche und Weisheiten zum Thema Bierbrauen zurück. Zu diesem Thema gibt es besonders viele Texte. Hier ein paar Beispiele:
• Wenn du einen Freund hast, dann gib ihm ein Bier aus, wenn du ihn aber liebst, dann lehre ihn brauen.
• Wo man baut, wird auch gebraut und wo man nicht mehr baut, wird bald auch nicht mehr gebraut!
• Wo man Bier braut, da lässt sich's gut leben.
• Auf der Erde bist du nur ein Gast, bedenke, dass du einst musst wandern, was du bis dahin nicht getrunken hast, das trinken dann die andern.
Übrigens übernahmen erst im 15. Jahrhundert mehr und mehr die Männer das Bierbrauen. Vorher war es Frauensache.
Vom Kaffeekränzchen verdrängt wurden die Bierkränzchen, die es in früherer Zeit gab.
Und da heutzutage der Trend zum Hobbybrauen zwar keine Konkurrenz zu den gewerblichen Brauereien darstellt, wohl aber ein Stück Braukultur ist, lernen die Brauerschüler in Karlstadt auch die Rückbesinnung auf einfachste Mittel – wie man mit normalem Küchenzubehör zu Hause auf dem Herd Bier brauen kann.
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