aktualisiert: 06.02.2012 17:27 Uhr
Text
Text
TÜBINGEN
Schonungslos erzählt Inge Jens von ihrem entschwundenen Mann – Am 11. Februar wird sie 85 Jahre alt
Vorbild für Angehörige von Demenzkranken
„Frau Walter Jens“ – diesen ungeliebten Spitznamen wird Inge Jens wohl nie mehr los. Dabei hat sie sich immer so sehr dagegen gewehrt, nur als Frau an der Seite ihres berühmten, intellektuellen Ehemanns wahrgenommen zu werden. Verdient hat sie dieses Image ohnehin schon lange nicht mehr. Dass sie sich als Literaturwissenschaftlerin selbst einen Namen gemacht hat, ist das eine. Vor allem aber: Seit Walter (88) vor fast zehn Jahren an Demenz erkrankte, ist Inge Jens mit ihrer mutigen, offenen Art für viele Angehörige von Demenzpatienten zu einem Vorbild geworden. Am Samstag wird sie 85 Jahre alt.
Schonungslos erzählt Inge Jens in Interviews, Talkshows und in ihrer Autobiografie davon, wie ihr Mann langsam aber unaufhaltsam in geistige Umnachtung verfiel. Sie spart dabei nicht aus, dass der große Schriftsteller, Denker und Redner plötzlich Windeln tragen musste und Bücher verkehrt herum hielt. „Diese Krankheit zu tabuisieren, bringt uns noch mehr in die Ratlosigkeit, als wir es ohnehin schon sind“, sagt sie.
Trotzdem merkt man, wie weh ihr der geistige Abschied von ihrem Mann nach fast 60 Jahren Ehe getan hat. „Ich bin für ihn wie ein Möbelstück“, sagt sie selbst. „Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr.“
Inge und Walter Jens waren sich immer ein intellektueller Gegenpart. Schließlich arbeiteten sie im gleichen Metier, der Literaturwissenschaft. Sie haben sich inspiriert und irritiert, geliebt und manchmal regelrecht gehasst – gerade wenn sie wie so oft bei einem Projekt eng zusammenarbeiteten. Dass ihr Mann mit seiner lauteren, redegewandteren Art in der Öffentlichkeit so viel stärker wahrgenommen wurde, hat Inge Jens gelegentlich auch geärgert.
Genau wie ihr Mann stammt Inge Jens aus Hamburg, kennengelernt haben sie sich aber erst in Tübingen. Bekannt wurde sie vor allem mit ihrer 1995 abgeschlossenen Edition der Tagebücher Thomas Manns. Sie entdeckte und publizierte eine wahre Schatzkammer bis dahin unbekannter Dokumente, die die Tagebuch-Eintragungen Manns für den Leser nach Jahrzehnten oft erst wieder in den Zusammenhang rückten.
Ihr größter Erfolg wurde das gemeinsam mit ihrem Mann geschriebene Buch „Frau Thomas Mann“ über Katia Mann, die oft im Schatten ihres berühmten Ehemannes stand. Diese Parallele im Leben der beiden Frauen war so deutlich, dass Inge Jens den Spitznamen „Frau Walter Jens“ fortan nicht mehr loswurde.
Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung. 1984 beteiligten sie sich an Sitzblockaden vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen (Ostalbkreis), während des Golfkriegs 1990 versteckten sie zwei desertierte US-Soldaten in ihrem Tübinger Haus und kamen wegen Beihilfe zur Fahnenflucht vor Gericht.
Seit Inge Jens 2009 ihre Autobiografie „Unvollständige Erinnerungen“ veröffentlichte, ist sie oft auf Lesereise. Ihr nächstes Buch ist schon in Planung. Vielleicht werde sie sich mit Texten von Frauen in der Immigration beschäftigen - vielleicht aber auch mit etwas anderem. „Ich kann es mir heute erlauben, nur noch das zu machen, was mir Spaß macht. Die Themen, die mich umgetrieben haben, die habe ich längst gemacht.“
Diesen Artikel
Die neuesten Kommentare
Gelesen
Kommentiert
|
|
TÜBINGEN Die Zeit läuft für Palmer |
|
|
TAUBERBISCHOFSHEIM 16-Jähriger mit drei Promille |
|
|
SCHÄFTERSHEIM Radler gegen Traktorreifen |
|
|
STUTTGART Costa Rica zu Besuch im Ländle |
Aktuelle Leserkommentare
Leserbriefe
Zeichen setzen
engagierte Bürger Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr

Wetter
