publiziert: 19.05.2011 16:22 Uhr
aktualisiert: 19.05.2011 16:24 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text SCHWEINFURT/GOCHSHEIM
Fünf-Tage-Streik: Rekord in Bayern

Rund 250 Edeka-Mitarbeiter diskutierten bei Streikfrühstück - Lautstarker Protestzug
  • Der Streik geht weiter: Edeka-Mitarbeiter demonstrierten in Schweinfurt, hier in der Keßlergasse.
    Foto: Hannes Helferich
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Mit einem mehrstündigen Streikfrühstück und einem lautstarken Protestzug durch die Schweinfurter Innenstadt am Mittwochmittag haben rund 250 Beschäftigte des Edeka-Auslieferungslagers Gochsheim ihren dritten Streiktag gefüllt. Auf den Plakaten standen Slogans wie „Wir lieben menschenwürdige Arbeitsplätze“ oder „Unsere Parole mehr Kohle“. Immer wieder skandierten die Demonstranten „Streiktag, Streiktag“. Viele Passanten in der Keßlergasse oder am Markt reagierten mit solidarischem Beifall. Der Zug endete vor dem Kupsch-Markt am Georg-Wichtermann-Platz, wo vor allem die seit Montag rund um die Uhr tätigen Streikposten viel Beifall erhielten.

Den laut ver.di-Streikleiter Peter König noch bis einschließlich Samstag dauernden Ausstand der insgesamt rund 480 Streikenden aus Gochsheim und noch einmal so vielen Beschäftigten der Lager Marktredwitz und in Thüringen nannte DGB-Regionsvorsitzender Frank Firsching „einen Rekord in Bayern“. Die Gochsheimer Edeka-Beschäftigten reagierten mit einem Trillerpfeifenkonzert und Jubel.

Solidaritätsgrüße gab es von den Betriebsratsgremien der Kaufland-Märkte Bad Kissingen und Schweinfurt sowie vom Bayernchef des DGB, Michael Jena. Persönlich gab der Betriebsratschef der nahen Galeria Kaufhof, Wolfgang Rattmann, eine Durchhalteparole aus. Der Schweinfurter ver.di-Gewerkschaftssekretär Sinan Öztürk schloss einen gemeinsamen Protest der Edeka-Leute mit den Zivilbeschäftigten der US-Army nicht aus. Sie gingen diese Woche für ihre Forderung von fünf Prozent mehr Lohn auf die Straße.

Der Streik stand im Mittelpunkt aller Gespräche vor dem Platz an der Kunsthalle. Immer wieder mischten sich Passanten unter die Streikenden, diskutierten, großteils zustimmend. Bernd Hümpfer aus Forst ist einer der 50 streikenden Lkw-Fahrer. Seit 1993 arbeitet der verheiratete, vierfache Vater für Edeka. Die Umsätze gingen seit Mitte 2010 steil nach oben, die Gewinne auch, aber in der Lohntüte der Beschäftigten sei davon wegen der Inflation nichts zu spüren, schimpfte er. Die Forderung von 120 Euro für alle nannte der 50-Jährige „maßvoll und für beide Seiten akzeptabel“. Sie durchzusetzen, dafür sei er im Ausstand.

Seit 22 Jahren ist Tanja Kordmann (Albertshofen) bei Edeka Gochsheim angestellt. Die verheiratete Mutter eines Kindes ist von der enormen Streikbereitschaft beeindruckt, aber „ohne Rückhalt schaffen wir es auch nicht“, sagte sie. Die Forderung auch für die Auszubildenden – sie sollen 40 Euro mehr im Monat erhalten – nennt die 40-Jährige „sehr in Ordnung“. Auch Betriebsratsvorsitzender Klaus Michl hieb in diese Kerbe. Er nannte die Azubis „unsere Zukunft“ und fordert eine unbefristete Übernahmezusicherung für alle.

Etliche Demonstranten, die ihren Namen dann doch „lieber nicht“ in der Zeitung lesen wollen, sprachen von enormem Arbeitsdruck und vergiftetem Klima. Wie sauer die Belegschaft sei, zeige sich daran, dass „sogar Leute streiken, denen ich das nie und nimmer zugetraut hätte“, sagte einer.

Der Betriebsrat der Handelsgesellschaft Nordbayern Gochsheim hat am Mittwoch vor dem Frühstück getagt und dabei eine einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht beschlossen. Begründung: die Geschäftsleitung habe Leiharbeitnehmer eingesetzt, dazu vorher aber den Betriebsrat nicht gehört. Michl informierte weiter, dass man auch die Berufsgenossenschaft in Kenntnis gesetzt habe, dass im Lager Leute ohne Staplerscheinprüfung und mangelhafter Sicherheitskleidung eingesetzt würden. Die Behörde habe am Nachmittag reagiert und „Leute rausgeschickt“, informierte ver.di.

Laut König droht „weiterer Ärger wegen Streikbruch“. Er informierte über ein Protestschreiben des Betriebsrats Rottendorf wegen der Versetzung Auszubildender nach Gochsheim. Auch hier laute die Begründung: Verstoß gegen die Mitbestimmung.

DGB-Regionschef Firsching appellierte an die Streikenden „durchzuhalten, damit ihr bekommt, was ihr verdient“. Er animierte dazu, bei der Geschäftsleitung „anzurufen und sie zu erinnern, dass sie nur ausführten, was Bundeskanzlerin Merkel und Ex-Wirtschaftsminister Brüderle im Januar gefordert haben: Höhere Löhne“. Firsching nannte die Lohnentwicklung seit 2001 mit einem Minus von 4,5 Prozent „einen Skandal“. Das was auch die Edeka-Beschäftigten erwirtschaftet hätten, „fließt nur in einen Richtung“. Die Forderung von 120 Euro für alle, die ein Mehr zwischen 3,8 und acht Prozent sei, sei daher „mehr als gerechtfertigt“.

Von unserem Redaktionsmitglied Hannes Helferich
    
    

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