publiziert: 09.02.2011 14:10 Uhr
aktualisiert: 09.02.2011 14:24 Uhr
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Geld soll gerecht sein

Der Grabfelder

Warum der Ipthäuser Künstler Peter Picciani für eine Regionalwährung kämpft

  • War schon mal da: Regionalgeld gab es in gewissem Sinne schon einmal in Königshofen. In den Jahren 1918 bis1921 galt das sogenannte Notgeld in Königshofen als offizielles Zahlungsmittel.
    Foto: Hanns Friedrich
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Um die Welt zu verändern, und sei es nur die Welt vor der eigenen Haustür, bedarf es grundlegender Einsichten. Eine solche hatte irgendwann der Ipthäuser Künstler Peter Picciani. „Ich hatte mein ganzes Leben gearbeitet und nie Geld. Andere arbeiten nie und sie sind reich“. Mit dieser Erkenntnis zog Picciani in den Kampf für eine Geld-Revolution von Grabfelder Boden aus.

Ganz fein ziehen sich Schmunzel-Falten über das Gesicht von Peter Picciani, als er die Initialzündung für seine Auseinandersetzung mit dem Thema Geld erwähnt. Aber sie weichen schnell einer entschlossenen Miene. Denn beim Thema Geld hört auch bei Picciani der Spaß schnell auf.

„Ich habe mich auch als Künstler gefragt, warum Geldsysteme immer wieder in die Krise geraten. Ich habe mich gefragt: Warum funktioniert das System nicht?“, erklärt der Wahl-Ipthäuser, der 1993 aus Ostdeutschland ins Grabfeld kam und zu DDR-Zeiten als Dissident das SED-System hinterfragte.

„Künstler erforschen ihr Thema bis ins Detail, also vertiefte ich mich in die Literatur über Geldsysteme“, erzählt Picciani. Die Lehre, die er aus seinen Studien zog: Es ist das System der Zinsen, dass die Währungssysteme immer wieder zum Zusammenbruch bringt. „Auch das jetzige System wird wieder crashen, wenn auch nicht so radikal wie in den Dreißigerjahren“, glaubt der Holzbildhauer, der auch als Bühnenbildner für das Maßbacher Theater arbeitet. „Alle Rettungsversuche des Staates sind nur eine Konkursverschiebung“, so Piccianis eher düstere Schau der Zukunft.

Von Ipthausen freilich lässt sich das globale Währungssystem nur schwer revolutionieren. Aber man kann das tun, was in Deutschland schon rund 50 Regionen in Angriff genommen haben: mit einem Regionalgeld auf begrenztem Raum einen neuen Weg gehen.

Worum geht es bei der Regionalwährung? Grabfelder Bürger bezahlen mit dem so genannten „Grabfelder“ in Geschäften, die sich an dem Projekt beteiligen. Das Geld und damit die Wertschöpfungskette bleibt in der Region und fließt nicht nach Außerhalb. Einfach ausgedrückt: Das Geld bleibt beim kleinen Bäcker oder Metzger um die Ecke und wandert nicht in die Kassen von Supermarktketten, die irgendwo in Deutschland ihren Sitz haben. „Mit einer Regionalwährung können wir fünf bis zehn Prozent, maximal 30 Prozent des Wirtschaftsverkehrs abdecken“, sagt Picciani.

„Es geht darum, unsere geschwächte Region wieder auf die Beine zu stellen“, sagt der Streiter für eine nachhaltige Währung im Grabfeld. Tatsächlich können andere Regionen wie der Chiemgau in dieser Hinsicht Erfolge verzeichnen. Dort können viele teilnehmende Betriebe auf einen Umsatzzuwachs von 20 Prozent verweisen. Die Regionalwährung bringt Menschen dazu, öfter regionale Betriebe anzusteuern statt der Filiale eines Discounters oder einer internationalen Ladenkette.

Spielgeld ist also der „Chiemgauer“ keinesfalls. Stattdessen haben die Verantwortlichen das System schon so professionalisiert, dass man mit der Regionalwährung auch elektronische Transaktionen tätigen kann. Sogar Mikrokredite können aufgenommen werden.

Bis auch der Grabfelder einmal auf diesem Niveau ist, wird der Weg noch weit sein. Aber Peter Picciani hat schon so viel Leidenschaft in das Projekt gesteckt, dass dieser Weg durchaus gangbar erscheint. „Ich habe so viel Wissen über Geldsysteme und Regionalwährungen. Damit muss ich etwas anfangen“, erklärt der Ipthäuser seinen Einsatz für das Projekt. Immerhin hat er ein Jahr an seinem Vortrag über Geld gearbeitet, der die Grabfelder-Idee ins Rollen brachte. Heute hat der Verein „Grabfelder – Verein zur Förderung der regionalen Wirtschaft“, rund 30 Mitglieder. Und gewichtige Unterstützer.

„Landrat Thomas Habermann ist von der Regionalwährung angetan, auch Wirtschaftsförderer Jörg Geier war bei der Eröffnungsveranstalter dabei“, berichtet Picciani. Von ihm sei auch der Rat gekommen, die Regionalwährung erst einmal im Grabfeld zu starten, obwohl eine landkreisweite Verfügbarkeit eine Option ist. „Aber in Bad Neustadt, Mellrichstadt, Bischofsheim und Fladungen Überzeugungsarbeit zu leisten, ist ein gewaltiger Aufwand“, sieht auch Picciani ein.

In diesem Sinn hat eine Regionalwährung auch einen Bildungsauftrag. „Der Grabfelder zwingt uns, uns mit dem Thema Geldkreisläufe auseinanderzusetzen“, sagt Picciani, der auch schon vom Bad Königshöfer Gymnasium eine Einladung als Referent bekommen hat. Schließlich ist es auch das Ziel einer Regionalwährung, Abwanderung zu verhindern, wenn die Region stark bleibt. Und schließlich ist da noch soziale Anspruch der Regionalwährung. Denn eventuelle Gewinne sollen sozialen Projekten oder Vereinen zugute kommen.

Für Peter Picciani und seine Mitstreiter im Verein steht ein arbeitsreiches Jahr 2011 bevor. Bis zum November sollen die Vorarbeiten inklusive eines Gestaltungs-Wettbewerbs für die Grabfelder-Scheine soweit gediehen sein, dass im November die Bundesdruckerei oder ein anderer Anbieter mit dem Druck der Geldscheine beauftragt werden kann. Im Februar 2012 sollen die ersten Geldgeschäfte getätigt werden können.

Peter Picciani ist jedenfalls bereit, im Grabfeld für seine besondere Währungsreform weiter zu kämpfen: „Ich will die Energie nutzen, die ich in dieses Projekt schon gesteckt habe“.

Der Grabfelder

Zeitplan und Konzept Der „Grabfelder“, die neue Regional-Währung, wird kommen. Im Februar 2012 sollen die ersten Scheine ausgeteilt werden. Für einen sinnvollen Start müssen zuvor 20 Geschäfte und 200 Kunden gefunden werden, die sich an dem System sozusagen als Pioniere beteiligen. Dies erklärte Peter Picciani bei der Vorstellung des Regionalgeld-Konzepts zu Wochenbeginn in Bad Königshofen.

In der Bundesrepublik gibt es derzeit etwa 50 Regionalgeld-Initiativen, davon haben bereits 25 Geld im Umlauf. Bekannt ist unter anderem der „Chiemgauer“ oder die „Havelblüte“ in Potsdam. Das System des „Grabfelders“ orientiert sich an der „Buchone“, der neuen Regionalwährung für die Region Fulda, die noch in diesem Jahr emittiert werden soll und an der sich sogar die Dachmarke Rhön und Bionade interessiert zeigen.

Für Regionalwährungen gibt es verschiedene Modelle, der Verein „Der Grabfelder“ entschied sich für das Fuldaer Vorbild. Demnach wird der Grabfelder eurogedeckt sein und jeweils für ein Jahr gelten. Für 100 Euro bekommt man zum Jahresanfang 106 Grabfelder, also einen Bonus von sechs Prozent. Am Jahresende fällt eine Umlaufgebühr von fünf Prozent an. Wer keine Grabfelder zum Jahreswechsel mehr verwenden will, zahlt zehn Prozent Rückgabegebühr. Wer alte gegen neue eintauscht, fünf Prozent. Dieses System soll für eine Dynamik des Geldflusses sorgen, so Picciani. Erwirtschaftet das Regionalgeld, für dessen Druck und Verwaltung auch Kosten entstehen, zum Jahresende einen Überschuss, so kommt dieser sozialen Projekten und Vereinen zugute, und zwar vorrangig teilnehmenden Vereinen und Organisationen.

Für den Frühsommer plant der Verein eine Großveranstaltung im Kursaal, um Bürgern und Gewerbetreibende für eine Teilnahme zu begeistern. Derzeit wird an einem neuen Flyer gearbeitet, der die Grundlagen der Regionalwährung vorstellt.

Zur Werbung für den Grabfelder gehört auch die Prägung einer Münze, die aber kein Zahlungsmittel sein wird. Die Grabfelder-Scheine selbst sollen durch Grafikdesign-Studenten der FH Würzburg/Schweinfurt beziehungsweise aus Coburg gestaltet werden, dazu soll ein Wettbewerb laufen.

 

 

Infos zu Regionalwährungen im Internet:

www.der-grabfelder.de

www.regiogeld.de

www.chiemgauer.info (fg)

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Fischer
    
    

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