aktualisiert: 22.04.2011 13:47 Uhr
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Paulas Auferstehung
Leidensgeschichte mit gutem Ende:
Die Kraft der guten Gedanken – Wie Paula Blümm und ihr Sohn Christian den Krebs besiegten
Zehn blaue Rosen hat Paula Blümm gepflanzt im letzten Herbst, auf dass sie im Paradiesgärtlein blühen mögen. Die vielleicht schwerste ihrer Chemotherapien stand bevor. Paula Blümm war krank, hoffnungslos krebskrank. Wer sollte wissen, ob sie ihre Rosen jemals würde sehen können? Paula Blümm wusste es.
Bald wird der Mai gekommen sein. Dann werden die blauen Rosen im Garten zu blühen beginnen. Paula Blümm wird sie sehen. Ihre braunen, sanften Augen werden leuchten. Denn Paula Blümm ist eine Frohnatur.
Dabei wollte der Krebs, der gnadenlose Krebs, ganze Arbeit leisten in ihrem Körper und im Körper ihres Sohnes Christian. Der Januar 2010 veränderte das Leben der Familie Blümm. Sohn Christian, der in Erlangen studierte, bemerkte einen Schmerz, wenn er zum Beispiel den Arm hob. Es dauerte nicht lange und ein 16,5 Zentimeter großer Tumor wurde entdeckt, der zwei Drittel seines rechten Lungenflügels abdrückte.
„Ich würde die Krankheit für dich übernehmen“, so oder so ähnlich hatte Paula Blümm ihrem Sohn damals gesagt. Sie nahm ihrem Sohn die Krankheit nicht ab. Aber eine ähnliche Krankheit breitete sich auch in ihrem Körper aus. Paula Blümm war körperlich fertig und am Ende. Wenige Wochen, nachdem bei ihrem Sohn der Krebs diagnostiziert wurde, kommt der Hausarzt auch bei Paula Blümm dem Grund ihrer Beschwerden auf die Spur. Eine chronische lymphatische Leukämie wird diagnostiziert. Im Lymphsystem haben sich Tumoren ausgebreitet. Der Blutkrebs der Art 17p deletion gilt als nicht therapierbar.
Das war die österliche Botschaft des Jahres 2010 für die Familie aus Mellrichstadt. An die verheerende Diagnose dachte Paula Blümm nicht. „Alle meine Gedanken galten Christian. Er musste gesund werden, mein Leben stand im Hintergrund“, erzählt die 57-Jährige. Sie konnte nicht fallen, sie wollte kein Jota zurückweichen vor der Krankheit, alles Denken und alle Kraft galten Christian. „Man darf kein Stück von seinem Niveau weichen, man darf dem Krebs keine Kraft schenken“, sagt Paula Blümm in den Räumen des Ofengeschäfts, das sie mit ihrem Mann betreibt.
Der Jogginganzug, den sie trägt, ist grün wie der Paradiesgarten ihres Anwesens, den sie so gerne wieder pflegen will. Aber noch soll sie mit Erde nicht in Berührung kommen, wegen der Keime. Über ihren kahlen Kopf hat sie eine braune Strickmütze gezogen, der Kühle wegen. „So sehe ich nun mal aus nach allem, was ich mitgemacht habe, aber die Haare kommen schon wieder“, sagt Paula Blümm. Und natürlich lächelt die Frau dabei auf eine so ansteckende Weise, dass man sich schämen möchte, weswegen ein Mensch manchmal verstimmt ist.
Von der Idee, dem Sohn die eigene Erkrankung zu verheimlichen, kam Paula Blümm schnell ab. Stattdessen kam alles ganz anders. Christian lud seine Mutter ein, ihre Chemotherapie in Erlangen zu machen, er fühle sich sehr gut aufgehoben bei den Ärzten und die Mutter könne während der Behandlungen beim Sohn und seiner Freundin Jenny leben. Tatsächlich waren Mutter und Sohn teilweise gleichzeitig in Behandlung. „Im Behandlungsraum haben wir uns die Plätze frei gehalten, so wie Urlauber sich den Strandkorb frei halten“, erzählt Paula Blümm. Warum soll es in einem Krebsklinikum nicht komische Situationen geben.
„Jenny stand meinem Sohn mit aller Liebe zur Seite und wuchs über ihre Kräfte hinaus“, sagt Paula Blümm rückblickend. Das größte Glück ging in Erfüllung: Sohn Christian wurde wieder gesund. Mittlerweile arbeitet der Sohn beim Luftfahrtunternehmen EADS als Doktorand. „Er hatte die Zusage für die Stelle am gleichen Tag bekommen, als sein Krebs diagnostiziert wurde. Und sie haben tatsächlich gewartet, bis er gesund war. Die Doktorandenstelle ist sein ganzes Glück“, freut sich die Mutter.
Für Paula Blümm war der Leidensweg noch lange nicht zu Ende. Als der Krebs zu wüten begann, hatte sie fast jede Nacht fürchterliche Bauchschmerzen. „Was wir denken, ziehen wir an. Also wollte ich nicht an ihn denken. Aber es war fast unmöglich. Ich blieb stur. Meinen Körper konnte er zerstören, aber nicht meinen Kopf, mein Denken“, erzählt Paula Blümm. Und sie erzählt, dass sie in diesen Tagen besonders intensiv betete. Nicht für sich oder gar gegen den Krebs, sondern für andere Menschen, für ihre Familie, für Angehörige. Nach einigen Tagen waren die Schmerzen weg.
40 Chemotherapien hat Paula Blümm seit März 2010 über sich ergehen lassen. Die Wende kam, als der Arzt nach einem möglichen Knochenmarkspender fragte. Also kamen die fünf Geschwister von Paula Blümm, die bunt über Deutschland verteilt leben, eines Tages in Mellrichstadt zusammen, um sich beim Hausarzt untersuchen zu lassen. „Wir haben die ganze Praxis in Beschlag genommen“, schmunzelt Paula Blümm. Schwester Doris, die in Main-Spessart lebt, hatte ideale Werte. „Das ist wie ein Sechser im Lotto, andere würden von einem Wunder sprechen. „Doris“ wird auf der Holz-Gartenschlange stehen, die bald in Paula Blümms Paradiesgärtlein enthüllt werden soll. Da wird wohl mächtig gelacht werden.
Am 18. März 2011 fand in Erlangen die Stammzellen-Transplantation statt. Einen Monat musste Paula Blümm in einer speziellen keimfreien Box leben. Für so eine Operation wird das Immunsystem des Körpers praktisch zerstört, damit es nicht gegen die neuen Stammzellen ankämpft.
Aus ihrer Box bloggte Paula Blümm. Sie schrieb also tägliche Berichte auf eine besondere Internetseite, die ihrer Familie und Angehörigen zugänglich war. Auf die Idee brachte sie ihr Sohn Florian, ein Informatiker. Schwester Doris witzelte vom „Boxenluder“, also zeichnete die Kranke mit diesem Namen aus der Formel-1-Welt.
Tag für Tag staunten die Ärzte in Erlangen über die unverändert positive Einstellung von Paula Blümm, vielleicht beeinflusste dies die rasche Heilung. An jedem Tag schickte sie eine Botschaft der Freude aus ihrem sechs Quadratmeter großen Zimmer. „100 Schritte bin ich täglich gegangen, vier in der Diagonalen, ein Schritt um und wieder zurück“.
Zu Beginn ihres Blogs schreibt die 57-Jährige: „Derzeit gehe ich einen solchen unfreiwilligen Weg. Ich konnte nicht einmal darüber weinen, weil meine Erfahrung sagt, dass alles wieder gut wird. Man darf nur nie, nie sich in negative Gefühle und Gedanken verstricken, auch nicht ganz kurz. Die Kraft, wieder aufzuholen, haben wir nicht.“
Das ist die Botschaft von Paula Blümm. Die Hoffnung nicht aufgeben und dem Schlechten keinen Platz in den Gedanken geben. Nach allem, was die Werte sagen, hatte sie Erfolg damit. Am 7. April wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen.
„Ich spüre, wie sehr ich getragen bin. Von Gott, aber auch von den vielen Menschen, die mir beistanden, die mir eine Karte schrieben, auch wenn sie gar nicht viel mit mir zu tun hatten. Und das macht mich unheimlich glücklich“, sagt die Frau. Sie weiß aber auch, das nicht jedem dieses Glück beschieden ist.
„Es geht nicht darum zu sagen: Schaut her, wie toll ich bin. Es geht nur darum, richtig zu denken. Und es geht darum zu vermitteln, dass wir alle ausnahmslos beschützt werden, auch wenn es eher nicht danach aussieht. Und genau deshalb hat dieses Osterfest eine ganz besondere Bedeutung, denn ich habe eine ganz persönliche Auferstehung erlebt“, sagt Paula Blümm.
In Paula Blümms Garten aber warten die zehn blauen Rosen, endlich in voller Pracht zu erblühen.
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