publiziert: 17.08.2012 14:41 Uhr
aktualisiert: 19.08.2012 12:04 Uhr
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Vom Leben, Leiden und Sterben der Emilie Goldstein

Vor 70 Jahren wurde eine aus Königshofen stammende Jüdin von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert
  • Fotos: Albert, Fotochronik Stadt Bad Königshofen
    110 Jahre her: Um 1900 entstand dieses Foto, auf dem das Haus von Isak Goldstein zu sehen ist. Es stand am Marktplatz und hatte die Hausnummer 185 (heute Hausnummer 14).
  • Blick aus der Tür: Um 1910 entstand dieses Foto, das vermutlich Isak und Emilie Goldstein zeigt.
Bild von
2 Bilder

Es war eine Fahrt, die ihr den Tod bringen sollte: Auf den Tag genau vor 70 Jahren, am 18. August 1942, wurde Emilie Goldstein von Frankfurt nach Theresienstadtstadt deportiert, wo sie fünf Monate später starb.

Der lokale Bezug: Emilie Goldstein und ihre Familie lebte lange in Königshofen. Emilie erblickte am 13. August 1866 als Tochter des Kaufmanns Gottlieb Jakob Einstädter und seiner Frau Karolina, eine geborene Gutmann, in Königshofen das Licht der Welt. Die Familie wohnte im Haus mit der Nummer 185 (heute Hausnummer 14) auf der Südseite des Marktplatzes und betrieb einen Gemischtwarenladen.

Gottlieb Jakob war ein führendes Mitglied der israelischen Kultusgemeinde. Im Jahr 1877 war er als Vorstand tätig. In diesem Amt legte er unter anderem die Sitzplätze der Gemeindemitglieder im Betsaal fest, der sich damals, vor dem Bau der neuen Synagoge, in der Rathausstraße befand. Ebenso war er beteiligt an der Festlegung der Steuersätze, die die einzelnen Familienoberhäupter bezahlen mussten, um die Aufgaben der Gemeinde zu finanzieren.

Gottlieb Jakob selbst zahlte über Jahre erhebliche Steuerbeträge an die Gemeinde. Seine Tochter Emilie heiratete am 21. Mai 1890 Isak Goldstein, der am 2. Mai 1861 in Traustadt in Unterfranken geboren war. Dort kam am 28. November 1894 ihr Sohn Simon zur Welt. Danach beschloss die junge Familie, von Traustadt nach Königshofen zu ziehen. Hier konnte Gottlieb Jakob seinen Schwiegersohn einarbeiten mit der Aussicht, ihm später das Geschäft zu übergeben. Die Grabfeldmetropole bot in der Kaiserzeit geschäftstüchtigen Unternehmern hervorragende Chancen, die besonders jüdische Kaufleute erkannten.

Am 30. November 1899 wurde sein zweiter Sohn in Königshofen geboren. Er erhielt den Namen Heinrich. Die Kultusgemeinde hatte inzwischen so viele neue Gläubige, dass man über den Bau eines eigenen Gotteshauses nachdachte, weil es im Betsaal sehr eng geworden war. Im Protokoll der Sitzung am 30. Dezember 1900 notierte Kultusvorstand Meier Malzer:„Weiter wurde allgemein die Notwendigkeit anerkannt, zum Neubau einer Synagoge zu schreiten. Als Bauausschuss wurden neben dem Vorstand gewählt: Herr Max Samuel, Herr Max Kohn, Herr David Friedmann.“

Emilies Mutter Karolina starb am 27. Januar 1906, Gottlieb am 22. Oktober 1907. Beide sind in Kleinbardorf auf dem Judenhügel vorn in der ersten und zweiten Reihe begraben. Im Ersten Weltkrieg stand Simon Goldstein auf der Liste der Kriegsteilnehmer aus der Kultusgemeinde. Isak Goldstein starb während des Krieges am 31. März 1917. Er war erst 55 Jahre alt. Sein Grab liegt in Kleinbardorf nahe bei der Taharahalle in der Reihe 3, Nr. 08. Auf dem Grabstein steht: „Hier ruht unser lieber unvergesslicher Vater Herr Isak Goldstein.“

Seine Witwe führte mit dem Sohn Simon das Geschäft weiter, ohne den Firmennamen zu ändern. Das Jahr 1923 brachte dann eine familiäre Veränderung: Simon Goldstein verlobte sich mit Camilla Löb aus Frankfurt. Emilie blieb noch bis etwa 1926 Eigentümerin des Hauses Nr. 185, überschrieb es dann aber auf ihren in Fürth wohnhaften Sohn Simon, der es 1933 verkaufte.

Emilie lebte 1930 im jüdischen Altersheim in der Dürerstraße 20 in Würzburg, danach in Frankfurt. Die Zeit des Nationalsozialismus brachte ihr zunehmende Restriktionen. Am 17. Mai 1939 wohnte sie in Frankfurt in der Hölderlinstraße 2p bei einer Familie Meyer, zuletzt im jüdischen Altersheim in der Wöhlerstraße 6, vermutlich einem Judenhaus, in dem viele Einwohner zusammengepfercht wurden. Aber auch diese letzten Refugien waren den nationalsozialistischen Machthabern noch ein Dorn im Auge. Sie nötigten Emilie Goldstein zum Abschluss eines „Heimeinkaufvertrags“ über 9300 Reichsmark. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren. Von den ersten Deportationen im Frühjahr 1942 blieb Emilie noch verschont.

Am 13. Juli 1942 wurde ihr jüngerer Sohn Heinrich von Berlin aus ins Vernichtungslager Sobibor geschafft, wo er ums Leben kam. Als einzigem aus der Familie gelang es Simon Goldstein, in die USA zu entkommen.

Emilie wurde am 18. August 1942, fünf Tage nach ihrem 76. Geburtstag, mit vielen anderen Insassen Frankfurter Altersheime mit der Bahn nach Theresienstadt transportiert. In diesem Altersghetto wurden die Juden zwar nicht systematisch vernichtet, lebten aber in so schrecklichen Umständen, dass die meisten innerhalb weniger Wochen oder Monate durch Hunger, Seuchen und extreme Kälte umkamen.

Emilie Goldstein starb nur fünf Monate nach ihrer Ankunft am 22. Januar 1943. Ihr Tod wurde penibel registriert und in einer Urkunde bestätigt, die von drei Ärzten unterschrieben wurde. Als Todesursache wurde Paralysis cordis – Herzschlag – genannt.

Rainer Seelmann ist Oberstudienrat am Gymnasium Bad Königshofen und beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Geschichte der Juden in Königshofen, indem er zusammen mit seinen Schülern versucht, jüdische Biografien zu rekonstruieren.

Von Rainer Seelmann
    
    

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