aktualisiert: 28.08.2011 15:24 Uhr
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GERSFELD
Von der Rhön guckt sich die Welt was ab
Festakt zum 20-jährigen Bestehen des Unesco-Biosphärenreservats Rhön in der Gersfelder Stadthalle
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Ideenschmied: Michael Diestel regt mit der von ihm geleiteten Agrokraft Projekte an.G. FischerFoto: -
Im Diskussionsprozess: Gegen das klare Nein von Frauke Druckrey (links) zur Jagd in Kernzonen des Biosphärenreservats sprechen sich Landrat Thomas Habermann und Biosphärenreservats-Geschäftsstellenleiter Michael Geier (von rechts) aus und argumentieren dabei mit Empfehlungen des Nationalkomitees, dem Druckrey angehört.Foto: G. Fischer
Die Anfänge waren sehr zäh. Dieter Popp erlebte sie. „Ich wollte den Aufschwung strukturieren, aber ich musste den Aufruhr beschwichtigen“, erzählt der Forstingenieur, der in den Neunzigerjahren mit dem Aufbau der hessischen Biosphärenreservats-Verwaltung betraut war.
Die Angst ging um vor der „Käseglocke“, die keine wirtschaftliche Entwicklung in den Gebieten der Rhön mehr möglich machte, die Angst vor dem Sozialzoo und der „grünen Kralle“, die alles Land einverleibt und der Landwirtschaft entreißt.
Das Vorläufer-Projekt zur Rhönschaf-Renaissance war auch eine Pleite, erinnerte Popp. 600 Gastronomen waren eingeladen, 50 waren zu einem Infoabend gekommen, aber nur zwei wollten Rhönschaf-Rezepte auf ihre Speisekarte setzen.
Das war vor 20 Jahren der zähe Beginn des Biosphärenreservats-Gedankens. Und heute? Die Referenten die zum Festakt anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Biosphärenreservats in der Gersfelder Stadthalle geladen waren, überschlugen sich fast mit Ideen zur zukünftigen Gestaltung. 300 Vertreter aus der hessischen, bayerischen und thüringischen Rhön füllten den Saal und wurden von Fuldas Landrat Bernd Woide begrüßt. Auf den Gedanken, die Rhön könnte einmal kein Biosphärenreservat gewesen sein, wollte man in der Gersfelder Stadthalle am Freitag gar nicht erst kommen.
„Die Rhön hat einen internationalen Ruf als Modellregion“Margit Trittin Bürgermeisterin Gersfeld
„Das Biosphärenreservat hat bei den Menschen das Bewusstsein geschaffen, dass regionale Akteure ihre Zukunft gestalten“, hatte Gersfelds Bürgermeisterin und Hausherrin Margit Trittin die Gäste begrüßt und Gersfeld als verdienten Austragungsort für den Festakt hervorgehoben. Von Ministerialdirigent Wolfgang Lazik, Amtschef im Münchner Umweltministerium, kam der Hinweis, dass Gersfeld bis 1866 bayerisch war, Regierungspräsident Paul Beinhofer habe ihm diese Info gesteckt. Umweltminister Markus Söder wird von dieser Episode nur lesen können, während seine Amtskollegen Lucia Puttrich aus Hessen und Jürgen Reinholz aus Erfurt Ohrenzeugen dieser Nettigkeit wurden.
„Die Rhön ist einzigartig, na klar“, schwärmte die hessische Umweltministerin von den Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre. Dass die Arbeit in einem Biosphärenreservat das Bohren dicker Bretter bedeute, sei unzweifelhaft. „Es müssen ökonomische, ökologische und soziale Interessen ausgeglichen werden“, so Puttrich. „Aber auch was die Kernzonen-Ausweisung betrifft, habe ich keinen Grund zu zweifeln, dass es gelingt“, so die Ministerin, die von ihrem Thüringer Amtskollegen Jürgen Reinholz Unterstützung bekam, der vom Glücksfall des Mauerfalls sprach.
Ministerialdirigent Wolfgang Lazik sah die Zukunft des Reservats optimistisch. „Das Kernzonendefizit werden wir abarbeiten, auch wenn es eine Herkulesaufgabe ist“, machte Lazik klar. Auch arbeite man daran, Biosphärenreservats- und Naturparkflächen deckungsgleich zu bringen.
Dass das Thema Kernzonen derart diskutiert werde, verwunderte ein wenig Frauke Druckrey vom Nationalkomitee „Mensch und Biosphäre“ der Unesco. Das Komitee achtet darauf, dass die internationalen Unesco-Beschlüsse national umgesetzt werden. „An den drei Prozent Mindestfläche ist nicht zu rütteln“, so Druckrey. Das sei die internationale Vorgabe für Biosphärenreservate. Man brauche auch deshalb unbewirtschaftete Zonen, um eine Vergleichsgröße mit den bewirtschaften zu haben.
Schützenhilfe bekam sie von Professor Ernst Jedicke. Der Bund will in seinen Forsten rund fünf Prozent der Flächen unberührt lassen. Die Kernzonen seien eben nur ein Thema, das große Projekt des Biosphärenreservats sei nach wie vor das nachhaltige Miteinander von Mensch und Natur im Sinne einer regional orientierten wirtschaftlichen Nutzung des Naturraumes.
Damit die unternehmerischen Menschen im Biosphärenreservat bessere Fördermöglichkeiten haben, schlug Jedicke auch die Schaffung eines Regionalförderzentrums vor. Die drei Bundesländer Hessen, Thüringen und Bayern könnten sich mit jeweils 500 000 Euro beteiligen und so auch mutigen und innovativen Projekten Risikokapital zur Verfügung stellen beziehungsweise Fördertöpfe auftun.
„Die Kernzonenerweiterung ist eine Herkulesaufgabe bis spätestens 2012“Wolfgang Lazik Amtschef bayr. Umweltministerium
Ein neues Rahmenkonzept nach 17 Jahren ist auf jeden Fall geboten“, so Jedicke, der seit Jahren verschiedene Landwirtschaftsprojekte im Biosphärenreservat wissenschaftlich betreut.
Das neue Rahmenkonzept für das Biosphärenreservat, das derzeit ausgearbeitet wird, war einer der Themenschwerpunkte in Gersfeld. Schließlich sind neue Herausforderungen für die Arbeit in der Rhön zu bewältigen. Der demografische Wandel, die Umweltbildung und der Einsatz regenerativer Energien wurden als Schwerpunkte der zukünftigen Arbeit ausgemacht. Wobei zum Beispiel beim Thema Windkraft offenbar noch Abstimmungsbedarf ist. Denn während Thüringens Umweltminister Reinholz persönlich nichts von Windkraftanlagen im Biosphärenreservat hält, will Lazik Standorte in Landschaftsschutzgebieten nicht definitiv ausschließen.
Der hessische Ministerialrat Peter Stühlinger forderte indes „einen länderübergreifenden Konsens, wie die Nutzung regenerativer Energien im Reservat“ aussehen soll. Wie viel Fantasie man bei diesem Thema entwickeln kann, zeigte Michael Diestel, Geschäftsführer des Bauernverbandes Rhön-Grabfeld und sozusagen Chefdenker bei der Agrokraft-Genossenschaftsidee.
Er stellte nicht nur bestehende Projekte lokaler Energiegenossenschaften vor, sondern gab auch einen Vorgeschmack auf neueste Projekte wie ein Biohonig-Projekt und eine Regionalentwicklungs-Genossenschaft, die Risikokapital zur Verfügung stellt und damit Jedickes Idee im kleineren Maßstab in die Tat umsetzt. Wenn 2012 das Internationale Jahr der Genossenschaften ausgerufen wird, darf man von der Agrokraft also einiges erwarten. Selbst einen Hopfenanbau, wie ihn der Oberelsbacher Pax-Bräu-Chef Andreas Seufert ins spiel brachte, hält Diestel für einen Versuch wert.
Dass nicht alles eitel Sonnenschein im Biosphärenreservat ist, machte Dieter Popp in seinem Referat klar. „Touristisch ist die Rhön nicht in der Pole Position“, bedauerte der Berater. die Region müsse endlich zur Zusammenarbeit finden, auch Regionen wie der Harz oder die Eifel hätten Kirchturmdenken überwunden und hätten zum Destinationsmarketing gefunden.
Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann bestätigte den Nachholbedarf. „Wir müssen mehr Vertrauen zueinander finden“, forderte Habermann in der Diskussion, die vom geplanten Ausbau der B 87 zwischen Meiningen und Fulda beherrscht wurde.
Auch das Potenzial der Dachmarke Rhön mit ihren regionalen Dienstleistungen und Produkten sei noch lange nicht erschöpft. Genug zu tun also in den nächsten 20 Jahren Biosphärenreservat Rhön.
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