aktualisiert: 06.02.2012 17:38 Uhr
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BAD NEUSTADT
Was ist schon normal – die Vielfalt zählt
Forderung des zweiten Bad Neustädter Sozialforums: Behinderte integrieren statt sie auszugrenzen
Zum zweiten Mal lud der BRK Kreisverband zum Neustädter Sozialforum ein. Mit dieser Veranstaltung hatten das Rote Kreuz, die Lebenshilfe und das Dominikus-Ringeisen-Werk eine Plattform geschaffen, auf der sich Menschen in der Region über soziale Themen informieren können und miteinander ins Gespräch kommen.
Landrat Thomas Habermann, die Leiterin der BRK-Sozialarbeit, Petra Weber, und BRK-Kreisgeschäftsführer Hubert Kießner begrüßten zur Infoveranstaltung im Bildhäuser Hof. Sie sehen es als Aufgabe des Gemeinwesens, die Behindertenrechtskonvention umzusetzen. In diesem Vertrag werden die Menschenrechte für behinderte Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Es geht um die Inklusion, die neue Leitidee für ein gutes Leben behinderter Menschen mit dem Ziel der Nicht-Ausgrenzung. Die Betreuung behinderter Menschen in gesellschaftlichen „Sonderstrukturen“ wie Sonderkindergärten und Sonderschulen etc. soll ergänzt werden durch die Begegnung mit nicht behinderten Menschen. Behinderte sollen sich in der Gesellschaft wieder heimisch und willkommen fühlen können.
Bei der Inklusion geht es um Wege, wie Ausgrenzung von vorneherein vermieden werden kann. Dessen haben sich Sabine Stührmann und Alois Genßler als Behindertenbeauftragte angenommen. Sie sind Ansprechpartner für alle Rat suchenden Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Bei Beschwerden Betroffener sind sie vermittelnd tätig und arbeiten eng mit den Ämtern der Landkreisverwaltung sowie den Vereinen, Verbänden und anderen Institutionen des Landkreises zusammen.
Da es sich bei den Belangen von Behinderung betroffener Menschen oftmals um sehr persönliche Anliegen handelt, ist Vertraulichkeit oberstes Gebot. Des Weiteren nehmen sie an Veranstaltungen mit Behinderten teil, organisieren Arbeitstreffen, nehmen Stellung zu größeren Baumaßnahmen, besuchen Regionaltagungen, machen Hausbesuche bei behinderten Menschen und arbeiten mit dem Pflegestützpunkt zusammen.
Ludwig Mächtlinger von der Lebenshilfe Schweinfurt beschrieb den jahrelangen Prozess von der Exklusion, also der Ausgrenzung, bis zur Inklusion. Inklusion, so erklärte er, beschreibt dabei die Gleichwertigkeit eines Individuums, ohne dass Normalität vorausgesetzt wird. Normal ist vielmehr die Vielfalt, das Vorhandensein von Unterschieden. Die einzelne Person ist nicht mehr gezwungen, nicht erreichbare Normen zu erfüllen, vielmehr ist es die Gesellschaft, die Strukturen schafft, in denen sich Personen mit Besonderheiten einbringen und auf die ihnen eigene Art wertvolle Leistungen erbringen können, so Mächtlinger. „Ein Beispiel für Barrierefreiheit ist, jedes Gebäude rollstuhlgerecht zu gestalten. Aber auch Barrieren im übertragenen Sinn könnten abgebaut werden, beispielsweise indem ein sehbehinderter Mensch als Telefonist arbeitet und in seiner Freizeit im örtlichen Kirchenchor mitsingt, so der Sozialpädagoge. Er fordert ein Umdenken des Staates, der Wirtschaft/Gewerkschaften, der Kirchen, der Wohlfahrtsverbände und -träger, kurz der ganzen Gesellschaft beim Umgang mit behinderten Menschen am Arbeitsplatz, in der Freizeit und im sozialen Netzwerk.
Doris Kaufmann stellte ihre Arbeit beim Dominikus-Ringeisen-Werk sowie ihr Sozialprojekt „Zeit statt Geld“ vor. Als Ehrenamtliche schafft sie Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderungen. „Es ist normal, anders zu sein. Jede Behinderung weißt andere Facetten auf und man muss anders damit umgehen“, so die Sozialpädagogin.
Wie die Inklusion bereits betrieben wird, zeigte sie anhand einiger Fotos. Neue gemeindenahe Wohnungen und Sozialräume wurden in Münnerstadt und Bad Kissingen geschaffen und einige Bewohner aus Maria Bildhausen knüpften bereits Kontakte nach „außen“. Unter anderem nahm eine Gruppe junger geistig Behinderter am Stadtlauf in Bad Neustadt teil, ein weiterer Kreis bei der WM 2010 am Public-Viewing im Biergarten Münnerstadt oder bei Schafkopfturnieren. Dennoch weist Doris Kaufmann darauf hin, dass die sozialen Einrichtungen nach wie vor wichtig für viele Behinderte sind. Jeder Behinderte solle trotz seiner Einschränkung aber entscheiden können, wie viel Hilfe er annehmen möchte und braucht.
Wie soziale Inklusion aussehen kann, zeigte die eindrucksvolle Dokumentation von Florian von Westerholt in dem Film„Uwe geht zu Fuß – ein Film über Randgruppen und einen, der sie verbindet“. Der Film zeigt, was verloren geht, in einer Zeit, in der Menschen mit Behinderungen längst in spezialisierte Einrichtungen ausgegliedert werden.
Schließlich berichtete eine Betroffene über das Zusammenleben mit ihrer behinderten Tochter. Sie gewährte Einblicke in ihr Alltagsleben, schilderte Situationen, die betroffen machten oder die Verzweiflung auslösten. Leider lief bei ihr nicht alles so reibungslos wie im Film ab. Das Thema muss raus aus den Fachkreisen, hin zur Wirklichkeit, war man sich einig.
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