aktualisiert: 24.09.2009 16:57 Uhr
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SCHWEINFURT
„Büstenhalter für Lenin gedreht“
In der Disharmonie: Peter Sodann liest, erzählt aus seinem Leben – und pflegt Karl Valentin'schen Humor
Zur Lesung aus seinem Buch „Keine halben Sachen“ nimmt der Regisseur, Schauspieler und Autor Peter Sodann vor 50 Besuchern in der Disharmonie Platz. Gelesen hat er nicht sehr viel, sondern Geschichten erzählt aus seinem Leben, genau genommen „aus meinen drei Leben“: das in der Nazizeit, in der DDR und nach der Vereinigung.
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Peter Sodann – eher ein Erzähler denn ein (Vor)Leser. In der Disharmonie erzählte der durch seine Rolle als Kommissar „Bruno Ehrlicher“ im ARD-„Tatort“ bundesweit bekannt gewordene Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller lustige und weniger lustige Begebenheiten in seinem bewegten Leben. Ein wenig las er dann doch noch aus seinem Buch „Keine halben Sachen“.FOTO Laszlo Ruppert
Als er vom Ullstein-Verlag erfährt, dass dieser für seine Memoiren Geld zahlen würde, „hab' ich denen gesagt ich schreibe drei Bände – über jedes Leben einen“, witzelt Sodann, und gibt schon zu verstehen, dass er, der Sozialist, materiellen Dingen wie Buchhonoraren nicht ganz abgeneigt ist. „Wenn ich jetzt das Buch vorlese, kooft's ja keiner mehr.“
Also erzählt er Anekdoten. Die etwa vom Empfang beim Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, als dessen Gattin ihn zu ihrem Tisch bitten ließ und der zweite geladene Ossi – ein Oberförster aus der Stadt mit drei O, „Korlmorxschtodt“ – fragte: „Konn'sch da ooch mitkommn?“ Das war ihm etwas peinlich, „aber so sind se, die Sachsen“.
Oder sein Auftritt beim Polittalk der Sabine Christiansen. Auf ihre Frage, wie ihm die Sendung gefällt, „hab' ich gesagt, gut, aber eines verstehe ich nicht: Am Anfang hat die Sendung ein Thema und am Schluss weiß man nicht mehr, über was geredet wurde“. Das sei sie recht sauer gewesen, die Christiansen.
Sodann rezitiert ein paar eigene Gedichte, sehr nachdenkliche, die er als Student verfasst hat, auch Passagen von Erich Kästner und Heinrich Heine, die er sehr verehrt. Er erzählt von seiner Verhaftung 1961 wegen Kritik an der Kulturpolitik der DDR: Wie ihm der Stasi-Oberleutnant Hofmann, jeden Tag verhört, kunstvoll jede Äußerung im Mund herumgedreht und sie in Richtung konterrevolutionärer Umtriebe / staatsfeindliche Hetze zu biegen versucht hat.
Wie der Sozialistische Deutsche Studentenbund Marburg einen langen, umständlichen Brief an den Kreml-Chef Chruschtschow verfasst habe mit der Bitte, er möge doch auf Ulbricht einwirken, damit er aus der Haft entlassen wird. „Das war sicher gut gemeint, aber von einer gewissen Naivität getragen.“
Peter Sodann ist kein Freund chronologischen Erzählens. Er springt gern zeitlich und gedanklich, wie es ihm gefällt. Da erfährt das Publikum, wie er als junger Kerl nach dem Krieg seinen verstorbenen, eingeäscherten Onkel im Rucksack auf dem Fahrrad zur Beisetzung ins Dorf gebracht hat. Wei er als junger Kerl in die hübsche Jura-Studentin Gertraude Bitterlich verknallt war und sie ihn „unversehens in die Liebe einführte“. Dass er seinen Tatort-Kommissar-Vornamen Bruno (Ehrlicher) zu Ehren seines Lehrers Bruno Henske gewählt hat. Dann gibt er zum Besten, wie er in seiner Ausbildungszeit zum Schlosser ins Berichtsheft schrieb „Büstenhalter für Lenin gedreht“ – den Halter für eine Lenin-Büste halt. „Das war in der Sache richtig, stieß aber auf unterschiedliche Resonanz.“ Oder als in der Wendezeit das „Neue Forum gegründet“ wurde und er mitmachen sollte. „Ich geh' nicht zu euch, ihr seid mir zu blöde“, habe er ihnen gesagt. „Es stimmt, die sind heute alle in der CDU.“
Der ostdeutsche Querkopf gibt sich so kritisch-brummig, wie ihn Millionen als Tatort-Kommissar Ehrlicher aus dem Fernsehen kennen: Mit trocken-humorigem Charme genauso wie ernsthaft und fordernd, wenn um Menschlichkeit und Gerechtigkeit geht. Ihm schwebt das Bild des „betenden Kommunisten“ vor – in der DDR ein Gegensatz, wie er krasser kaum sein könnte.
Der pure Kapitalismus ist ihm aber das gleiche Gräuel wie der verblichene Staats- und Stasi-Sozialismus. Das hat er bei den Mai-Reden, die nach der Wende ab 1992 am „Neuen Theater“ in Halle reanimierte, auf die Formel und ein Transparent gebracht: „Zuerst haben wir den Sozialismus ruiniert, jetzt ist der Kapitalismus dran.“ Sodann pflegt Karl Valentin'schen Humor, den zu bewundern er am Ende gesteht. Aus seinem Buch hat er tatsächlich fast nichts gelesen. Wer wissen will, was drin steht, wird es sich kaufen müssen.
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wolfgangziller (28 Kommentare) am 25.09.2009 19:05
Sodann ist ehrlicher und konsequenter als Merkel...Merkel leistete keinen Widerstand, passte sich an in der DDR (war Funktionärin der FDJ), wohl um vorwärts zu kommen. Peter Sodann übte Kritik am System und saß für seine Überzeugung sogar im Gefängnis. Er blieb bzw. wurde trotzdem oder gerade deshalb ein LINKER ! |
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