aktualisiert: 08.04.2011 17:06 Uhr
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SCHWEINFURT
„Ich bin ein Schweinfurter“
Gesprächsrunde der SPD zum deutsch-türkischen Anwerbeabkommen
(ac) „Wir fremdeln immer noch, auch nach 50 Jahren“, sagte die Schweinfurter SPD-Vorsitzende Kathi Petersen. Dabei seien Menschen, die vor Jahrzehnten als türkische Gastarbeiter kamen, längst zu Schweinfurtern geworden. „Zum Arbeiten gekommen – fürs Leben geblieben“, war der Titel einer Gesprächsrunde, zu der die SPD am Donnerstagabend ins Naturfreundehaus geladen hatte. Dort berichteten türkischstämmige Menschen in Anekdoten und Berichten von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland und wie Schweinfurt zu ihrer Heimat wurde.
Vor 50 Jahren unterzeichneten Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Dabei wurde festgelegt, dass türkische Arbeitskräfte befristet in der Bundesrepublik arbeiten dürfen. „Es hat davor schon eine Reihe solcher Abkommen gegeben“, erklärte SPD-Stadtrat Theo Hergenröther, der früher bei der Agentur für Arbeit tätig war. Zuerst mit Italien, dann mit Spanien und Portugal, Griechenland und schließlich 1961 mit der Türkei. In Deutschland habe man zu Zeiten des Wirtschaftswunders unglaublich viele Arbeitskräfte gebraucht. Eingesetzt worden seien die Gastarbeiter zunächst in der Textilindustrie, später in den Kohlebergwerken und schließlich in der Großindustrie, so Hergenröther.
Hasan Öztürk kam als einer der ersten Gastarbeiter Anfang der 1970er Jahre nach Schweinfurt. In Ostanatolien geboren, bewarb er sich nach dem Abitur an einem technischen Gymnasium als Arbeiter zum Einsatz im Ausland. Die Firma Glöckle habe Interesse gezeigt, sagt er, doch bevor er in Deutschland arbeiten durfte, habe er in der Türkei eine mündliche, eine praktische und eine Gesundheitsprüfung ablegen müssen.
Mehrere Tage sei er mit dem Zug unterwegs gewesen, bis er schließlich in Schweinfurt ankam, erinnert er sich. „Angeblich war ich damals der 51. Türke in der Stadt“, sagt Öztürk. Seine erste Aufgabe dort: Mitarbeit am Bau des AOK-Gebäudes am Hauptbahnhof. Zunächst lebte er mit mehreren anderen Gastarbeitern in einer Unterkunft in Oberndorf. Ein Jahr später kam seine Frau nach Schweinfurt, noch ein Jahr später wechselte er in die Großindustrie zu Fichtel & Sachs.
Öztürk engagierte sich früh in seiner neuen Heimat. Er trat in die Gewerkschaft ein, wurde Mitglied in der SPD (heute ist er bei der Partei Die Linke) und gründete mit anderen den deutsch-türkischen Arbeitnehmerverein (heute Ditip). „Unser Ziel war, unsere Kultur zu zeigen und Deutsche kennenzulernen“, sagt er. 1993 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Über die Zusammenarbeit von deutschen und türkischen Arbeitnehmern berichtete Claus Seitz, Betriebsrat bei ZF Sachs. Er erzählte unter anderem von ersten provisorischen Betstuben in der Produktion während des Fastenmonats Ramadan. Sprachkenntnisse seien in der Produktion sekundär gewesen, deshalb habe anfangs auch niemand Interesse daran gehabt, dass die Gastarbeiter deutsch lernten. Heute sei dies anders. Insgesamt, so Seitz' Fazit, sei die Integration der Arbeitskräfte, die aus anderen Ländern nach Schweinfurt kamen, gelungen.
Bildung macht unabhängig
Bildung sei das Wichtigste, betonte Zehra Akçay. Die Rechtsanwältin gehört zur so genannten zweiten Generation und kam schon als Kind aus Mittelanatolien nach Deutschland. Sie habe gewusst, dass sie Bildung brauche, sie wollte unabhängig sein. Ebenfalls zur zweiten Generation gehört Ayfer Fuchs. Sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter seien als Gastarbeiter aus der Türkei nach Schweinfurt gekommen. „Sie haben sich hier kennengelernt“, sagt Fuchs. Ihr Mutter habe als Krankenschwester gearbeitet, allein dadurch habe sie deutsch sprechen müssen. In den 1980er Jahren beschloss die Familie, ein Haus in Schweinfurt zu kaufen. „Das war die Entscheidung: Wir bleiben hier“, sagt Fuchs. Sie selbst ist mit einem Deutschen verheiratet.
„Deutschland ist unsere Heimat geworden“, sagt Hasan Öztürk. In die Türkei würden sie jetzt gar nicht mehr richtig passen. Er habe mitgebaut an Deutschland, habe hier Steuern gezahlt und mehr als sein halbes Leben hier verbracht, sagt er: „Ich bin ein Schweinfurter.“
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