publiziert: 24.05.2011 17:22 Uhr
aktualisiert: 24.05.2011 17:25 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text DITTELBRUNN
„Nach dem Kindergarten hört der Ernst des Lebens auf“

Provokant: Kinderpsychologe Professor Gunther Moll beim Kindergarten-Grundschul-Tag des Lehrerinnen- und Lehrerverbands

(ue) Die Schirmherren, Familienministerin Christine Haderthauer, und Kultusminister Ludwig Spaenle grüßten von der Großleinwand: Ansonsten waren die Pädagogen auf dem „Kindergarten-Grundschul-Tag“ in der Volksschule am Sonnenteller unter sich. Mit Ausnahme des Miltenberger MdL Berthold Rüth und der zweiten Bürgermeisterin Dittelbrunns, Annemarie Lutz. Gastgeber war der BLLV-Kreisverband, mit seinem Vorsitzenden Walter Schäffer an der Spitze.

Die Bildungs-Politik kam auf dem Bezirks-Treffen des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) nicht allzu gut weg: „Die Kinder haben nicht die Zuwendung und Förderung, die sie bräuchten“, monierte Gerhard Bleß als Bezirksvorsitzender. Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule sei eine „sensible Schnittstelle“. Es gebe zu wenig Personal, zu wenig Koordination zwischen Schulen und Kigas, kaum Zeit für die Kooperationsbeauftragten: „Wir brauchen eine Solidargemeinschaft gegen die Politik.“

Gefordert wurde unter Applaus, beide Bereiche unter dem Dach eines Ministeriums zusammenzufassen. In Bayern gebe es 25 Kinder pro Betreuer, weit mehr als im Bundesschnitt ; optimal wären zehn oder weniger. Bleß forderte eine Hinwendung weg vom „ständisch orientierten Erziehungswesen“ des 19. und den starren Lehr-Methoden des 20. Jahrhunderts, hin zu individuellem Lernen jenseits von „45 Minuten-Häppchen“ und starren Korsetts.

Birgit Pensel, Kooperationsbeauftragte im Schulamtsbereich Stadt und Land Schweinfurt, beklagte, dass ihr das Sozialministerium bei der Zusammenarbeit mit den Kitas einen Strich durch die Rechnung gemacht habe: „Wir wollten auch in die Kindergärten gehen.“ Jetzt gebe es nur noch einen Befragungsbogen beim Schulübertritt. Gabi Brand, Vertreterin der Fachgruppe Kita im BLLV-Bezirk, monierte die verfahrene Personalpolitik: Derzeit fehlten dringend Erzieherinnen, nach einigen Monaten müssten diese aber aufgrund sinkender Kinderzahlen und Buchungszeiten wieder ausgestellt werden – „dann stehen wir da“.

Den Höhepunkt vor den Workshops bot Professor Gunther Moll, Kinderpsychiater an der Universität Erlangen: Den Pädagogen, darunter vielen Kindergärtnerinnen, bescheinigte der renommierte Gehirnforscher, zu einer „Hochrisikogruppe für psychologische Störungen“ zu gehören. Provokant zweifelte Moll den biologischen Sinn von Pädagogik und Förderung an: „Ein Kind wächst auch so auf.“ Mit sechs Jahren, bei der Einschulung, fange der Ernst des Lebens nicht an, da sei er schon vorbei, mit 14 Jahren ein Kind körperlich erwachsen, eine Ganztagesschule eigentlich Unfug.

Die frühen Lebensjahre seien entscheidend für die Prägung: „Ein Kind zwischen eins und drei braucht nur liebe Menschen um sich herum und eine anregende Umgebung.“ Erfahrungen der Vorgängergenerationen würden genetisch weitergegeben, danach strukturiere sich das Gehirn nach einem Belohnungssystem selbst, entsprechend der Wahrnehmung der Umwelt. Hauptsache keine Langeweile: „Fürs Gehirn ist's besser, man spielt was“.

Entscheidend seien auch die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft, eine gesunde Ernährung und die Abwesenheit von Dauerstress, der Nervenzellen zerstöre. Die Schule könne kulturelle Werte vermitteln, alles andere, das soziale Miteinander werde einem Heranwachsenden vom Leben gelehrt, vor allem in Vereinen. Nur Politik und Wirtschaft verlangten starre Erziehungsmodelle, die etwa die Berufstätigkeit beider Elternteile ermöglichen sollen. Am Ende habe man den Menschen, der auch klaglos ins Altenheim gehe, so der Erlanger: „Kinder brauchen Liebe, Vorbild, Respekt – und Action.“ Seine Gleichung: „Glückliche Gehirne = glückliche Kinder.“ Die anwesenden Lehrer hörten Molls Botschaft wohl, nicht wenige sehen sich allerdings bereits mit den realen Auswirkungen von Entwicklungsstörungen und Leistungsdruck konfrontiert.

    
    

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