publiziert: 26.05.2011 18:38 Uhr
aktualisiert: 26.05.2011 18:39 Uhr
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Abgehoben: Die Piloten der Ebene starten am Feldweg

Euerbach

Den Menschheitstraum vom Fliegen in seiner ursprünglichsten Form – ohne Motor – träumen Gleitschirmflieger seit zwei Jahren auch im Flachland des Landkreises Schweinfurt nicht nur. Per Seilwinde lassen sie sich von einem Fahrzeug über den Feldweg ziehen, bis der Auftrieb reicht. Abheben bei Euerbach. Drei Startstrecken im Kreis gibt es theoretisch, besonders beliebt sind derzeit zwei bei Euerbach. Und von diesen starteten die Flieger dank des trockenen, warmen Wetters der vergangenen Tage zu Rekordflüge.

bei den Gleitschirmfreunden Unterfranken. Die kleine Gruppe von Piloten, vor allem aus der Region Schweinfurt, hat 2009 von der Gemeinde Euerbach die Erlaubnis erhalten, von zwei Wirtschafts-, beziehungsweise Feldwegen aus zu starten. Damit sind für die Hobbyflieger Anfahrten in die Rhön oder gar in die Alpen hinfällig.

Anfängliche Bedenken von Landwirten oder Jägern, die startenden oder landenden Gleitschirme könnten ihnen im Wege sein, haben sich nicht bestätigt. „Es gibt keinerlei Probleme“, sagt Ralf Morgenroth, einer der Piloten. „Wenn mal ein Traktor auf dem Weg kommt, dann weichen wir aus.“ „Keine Reibungspunkte“ sieht der 49-jährige Grafenrheinfelder im dritten Euerbacher Flieger-Jahr. „Aber immer wieder mal neugierige Zuschauer.“ Vor allem am Waldrand bei Sömmersdorf, wo der 1,9 Kilometer lange Firstweg aus Euerbach endet, und ein Radweg vorbei führt, sind an schönen Wochenenden die Starts gut zu beobachten.

Zwar passt die gesamte Flugausrüstung in einen kompakten Rucksack, die Vorbereitung für einen Gleitschirmflug führen die Piloten und ihre Helfer dennoch mit viel Ruhe und Zeit akribisch genau aus. „Sicherheit geht vor“, unterstreicht Hobby-Flieger Matthias Wacker. „Vor jedem Abflug ist zudem erst ein Fünf-Punkte-Check zu absolvieren“, sagt der Dittelbrunner: Schirm ausbreiten, die Leinen sauber auslegen, das ganze Gurtzeug verschließen, die Rettung überprüfen, den Luftraum kontrollieren.

Ganz am Anfang steht für die Gleitschirmfreunde Unterfranken aber eine genaue Wetterkenntnis. „Das lernt man in der Ausbildung“, dem Luftfahrerschein, bestätigen die beiden Männer. Die Großwetterlage ist zu checken: Wie sieht die Thermik aus, der Aufwind aus der Sonnenerwärmung des Bodens und in Folge dessen der Luft? Wie ist der Übergang zu labiler Luft? Droht ein Gewitter?

„Zur Zeit haben die Böden keine Feuchtigkeit, die Sonne erwärmt die Luft besonders gut und die Nächte sind jetzt noch kühl,“ erklärt Ralf Morgenroth. Die hohe Temperaturdifferenz bedinge eine gute Thermik, weshalb in diesen Tagen etliche besonders lange, weite und exakte Flüge möglich seien.

Gelungen sind sie einigen, beispielsweise dem Osnabrücker Gastpiloten Thomas Strothmann, der in sechseinhalb Stunden ein gezieltes FAI-Dreieck beim Deutschen Streckenflugpokal zustande brachte und dafür 182 Wettbewerbspunkte gutgeschrieben bekam. Hinter FAI steht die Internationale Aeronautische Vereinigung oder französisch „Fédération Aéronautique Internationale“; ein FAI-Dreieck um drei Wendepunkte ist aufgrund der Windverhältnisse im Flachland die schwerste Disziplin beim Streckenfliegen.

Starter im Flachland brauchen die Hilfe von anderen Gleitschirmfliegern. Diese müssen sie per Seilwinde, die an einem Auto befestigt ist, in die Luft ziehen. „Wir können unser Seil 250 bis 300 Meter auf dem Weg auslegen“, erklärt Morgenroth. Am Ende des Seils wird der Gleitschirmpilot mit einer Auslöseklinke eingehängt.

Per Funkgerät mit Headset stehen Autolenker und Flieger in Verbindung. Das Fahrzeug fährt los, die Winde beginnt, Seil abzuspulen. Da die Schlepper das Seil von der gebremsten Trommel langsamer abrollen lassen als das Fahrzeug fährt, wirkt eine voreingestellte Zugkraft auf Pilot und Gleitschirm. Einige Schritte, dann beginnt der Gleitschirmpilot aufzusteigen und gewinnt an Höhe. Er klinkt das Seil aus und lehnt sich zurück. Während des Fluges sitzt er bequem in einem Sitzgurt. Gesteuert wird der Gleitschirm mit den Händen über zwei Steuerleinen und durch Gewichtsverlagerung.

„Wir können einen Start jederzeit abbrechen“, erklärt Matthias Wacker den Unterschied zum Flug in den Bergen, gerade im Hinblick auf den kürzlichen Unfall eines Gleitschirmfliegers kurz nach dem Start am Kreuzberg in der Rhön. Natürlich liege es auch am Piloten, wie draufgängerisch er ist oder, ob er lieber vorsichtig ist und landet. „So wie wir, wenn das Wetter danach ist“, sagt Wacker. Dann flüchten die Gleitschirmflieger der Ebene lieber.

Ihr Hobby können die sechs Stammflieger außer bei Euerbach noch auf einer Startstrecke bei Donnersdorf ausüben. Mit einer Südwestlage bei Schonungen liebäugeln die Piloten auch, „aber da stehen schon zwei Windräder“. Diese sind zwar weit genug weg, „aber wir müssen abwarten, was sich da weiter entwickelt“.

Derzeit gibt es bei den Gleitschirmfreunden Unterfranken zwei ambitionierte Piloten, die ihren Tandem–Schein absolvieren. Dann gäbe es auch die Möglichkeit, einmal mitzufliegen. „Als erstes muss der Bürgermeister fliegen“, sagt Matthias Wacker lachend; dankbar, dass die Gemeinde Euerbach ihnen ihr lautloses Hobby ermöglicht.

Von unserer Mitarbeiterin Silvia Eidel
    
    

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