aktualisiert: 24.04.2008 17:27 Uhr
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NIEDERWERRN
Auch schwere Brocken sind zu heben
Pilotprojekt: Jugendsozialarbeit an der Trimberg-Hauptschule in Niederwerrn
Bei den Privatsendern ist es längst ein eigenes Fernseh-Format: Terror-Teenager außer Rand und Band, die von einer ganzen Pädagogen-Schar a la „Super-Nanny“ und Co zur Räson gebracht werden. Manchmal mehr, meistens weniger. Mit alltäglicher, sprich realer Jugendsozialarbeit an Hauptschulen befasste sich der Bezirksjugendring auf einer Fachtagung in der Hugo-von-Trimberg-Schule – jenseits aller Klischees und Schreckensbilder.
Mit von der Partie: Evi Rottacher vom Landesjugendring, Geschäftsführer Karl-Heinz Staab, die frisch gewählten Bezirks-Sprecher Lutz Dieter, Lambert Zumbrägel, Michael Langenhorst und Günther Schäfer.
Die Niederwerrner Grund- und Haupt-Schule, mit rund 600 Schülern die größte im Landkreis, beschreitet derzeit mit einem Modellprojekt eigene Wege: Diplom-Sozialpädagoge Andreas Kaiser, zugleich Gemeindejugendpfleger, kümmert sich dort seit einem Jahr um die „schweren Brocken“. Sieben Härtefälle, die man sonst hätte abschreiben müssen, seien seitdem integriert worden, so die Verantwortlichen.
Als eine von 227 Hauptschulstandorten in Bayern bietet Niederwerrn Einzelfallhilfe, vor allem bei sozial Benachteiligten an: „Oft eine Feuerwehr-Aufgabe“, wie es die für die bayerische Jugendsozialarbeit zuständige Projektleiterin, Evi Rottacher, ausdrückt. 40 Prozent der Kosten deckt der Staat, weitere 40 Prozent die Kommunen, 20 Prozent der Träger.
Andreas Kaisers Arbeitsalltag beginnt früh um acht Uhr, meist mit „Kleinigkeiten“, die Grundschüler an ihn herantragen. Auch wenn der Pädagoge für die Hauptschule zuständig ist: Es lohne sich bereits früh herauszufinden, wer oder was dann möglicherweise ab der fünften Klasse auf ihn zukommt, sagt er. Nächstes Problem sind die Krankmeldungen: „Ich kenne meine Kandidaten“. Das heißt für Kaiser oft: Haus- und Elternbesuche und nachprüfen, ob gewisse Dauerfälle auch wirklich zu Hause sind. Der Gemeindejugendpfleger hat ein eigenes Büro gleich neben dem Lehrerzimmer: „Die Schüler wissen immer, wo ich bin.“
„Definitiv ein Gewinn“
Aber auch die Lehrer: Es sei ein echter Fortschritt, dass Störer, die man früher vor die Tür oder zum Rektor schicken musste, nun von einer eigenen Anlaufstelle „aufgefangen“ werden, lobt Steffen Michel. Der junge Lehrer der achten Klasse und Schulbandleiter schätzt an dem Sozialarbeiter, dass er die Barriere zwischen Schülern und Lehrern überbrückt und auch nachmittags vor Ort ist: „Definitiv ein Gewinn.“
Außenseiter, Gruppenbildung, Mobbing, Probleme von Schülern mit einzelnen Lehrern – das Kollegium ist froh, neben der normalen Unterrichts-Arbeit nicht auch noch den tiefer liegenden Nöten der Schüler nachspüren zu müssen. Es geht um die klassische Persönlichkeitsentwicklung, die Vermittlung sozialer Kompetenz. Die wird in der bayerischen Verfassung zwar mit „Herzensbildung“ recht blumig beschrieben, stößt im schulischen Alltag aber schnell an Grenzen.
„Die Hauptschüler tragen viele Probleme familiärer Art in die Schule hinein“, weiß Kaiser, der Unterricht verlaufe dann von Anfang an problematisch. Zehn Minuten bis zu einer Viertelstunde dauern die Einzelgespräche. Anschließend geht der Fall zurück ins Klassenzimmer, für den Lehrer gibt es ein Informations-Feedback. Nachmittags gehe der Kampf erst wirklich los, sagt der Pädagoge, bei der Intensivbetreuung der „Dauer-Fälle“, oft verbunden mit Spielen im Freien. Problem Hausaufgaben: „Die wollen nicht.“ Allerdings hat er es auch erlebt, dass gerade harte Jungs weich werden, wenn sie ihre Hefte „unter Kontrolle“ auspacken müssen.
Später am Tag lässt sich der Jugendpfleger dann noch in Jugendtreff und Rathaus sehen. Zusammen mit der Streetworkerin Anke Ostermann sowie der Bibliothekarin und Hausaufgabenbetreuerin Andrea Brosch deckt Kaiser ein breites Spektrum an Jugendarbeit ab: Die Grenzen zwischen Schule, Streetworking, Gemeinde-Bibliothek und Jugendtreff in der Hainleinstraße sind fließend.
„Wir können uns Jugendarbeit leisten“, meint Bürgermeister Peter Seifert zum „Niederwerrner Modell“ mit seinen anderthalb Stellen. Kein Luxus, meint Seifert. War früher Niederwerrn vor allem für seinen 25-Prozent-Anteil an US-Soldaten und Angehörigen bekannt, rückten in den 90er Jahren Spätaussiedler nach (die 1995 immerhin 18 Prozent der Bevölkerung umfassten).
47 Nationen – eine Gemeinde
Mittlerweile leben an der Wern Menschen aus 47 Nationen, entsprechend naheliegend sind Sprach- und Assimilationsprobleme: Was nicht der einzige, aber auch ein Grund dafür war, das es früher auf den 16 Spielplätzen hoch her ging. 1997 kam ein Jugendtreff, der mittlerweile in die Hainleinstraße umgezogen ist. „Bis dahin hat Jugendarbeit so ausgesehen, dass Polizei und ein Sicherheitsdienst im Ort unterwegs waren“, meint Seifert. Nun gibt es einen geräumigen Treff, fünf Tage Hausaufgabenhilfe und eine gebundene Ganztagesschule ab nächstem Schuljahr.
Die gemeindliche Jugendarbeit schätzt Schulleiter Walter Langenberger, dämpft aber allzu hoch fliegende Erwartungen: „Das Elternhaus können auch wir nicht ersetzen.“
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