publiziert: 31.08.2010 14:53 Uhr
aktualisiert: 10.09.2010 15:39 Uhr
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Das Gefühl grenzenloser Freiheit

Serie „Meine Maschine und ich“: Querschnittgelähmter Kurt Cize genießt seine Ausfahrten im Elektrorollstuhl

Seine letzte größere Ausfahrt hat Kurt Cize vor wenigen Tagen gemacht. Eschenau war das Ziel. Über Maxbrücke, Wehranlage, Sennfeld, Weyer, Untereuerheim, Horhausen, Dampfach sowie Unter- und Oberschwappach ging es ins Steigerwalddorf. Er wollte sehen, in welcher Umgebung der Künstler Herman de Vries wohnt.

  • Kurt Cize: Wieder mal unterwegs mit seinem Elektrorollstuhl, der Dank starker Batterien eine Reichweite von 70 Kilometern hat.
    Foto: Hannes Helferich
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Zurück nach Schweinfurt in die Merckstraße nahe dem Friedhof ging es über Westheim und Wonfurt. 60 Kilometer auf Rad- und Feldwegen ist die Gesamtstrecke lang, die Cize mit seinem Elektrorollstuhl bewältigt hat. Fast neun Stunden war er unterwegs, der heute 67-Jährige. Seit seinem 24. Lebensjahr ist er querschnittsgelähmt, aber dank seines mit sehr starken Batterien ausgestattetem Fahrgerätes sehr mobil.

Kurt Cize verunglückte 1967 bei einem Autounfall in der Rhön. Da war er Bundeswehrsoldat, was erwähnenswert ist, weil ihm die Bundeswehr aus einem Fonds schon ein Jahr nach dem Unfall einen ersten Elektrorollstuhl zur Verfügung stellte. Cize glaubte da noch, dass er eines Tages „wieder ganz ok sein wird“. Er erinnert sich gleichwohl noch, dass das eher einfache Elektrogerät „eine große Erleichterung war“, wie das später weitere Elektrorollstühle sein sollten.

70 Kilometer Reichweite

15 Jahre arbeitete Cize noch bei seiner Lehrfirma SKF, ehe er den Job aufgab, was weniger mit ihm, dem Rolli, als mit dem Fulltime-Job seiner Frau Jutta bei der Volkshochschule zu tun hatte. Cize blieb also zuhause und neben vielen vhs-Kursen sind die Ausfahrten wichtiger Bestandteil seiner Freizeitgestaltung geworden.

In der Wohnung benutzt Kurt Cize nur seinen handbetriebenen Schiebestuhl, auch um die Arme zu kräftigen. Aber wenn es rausgeht, sitzt er im Elektrorollstuhl Marke Meyra.

Ein neuer Meyra ist dank der starken Industrie-Akkus mit zehn Stundenkilometern fast doppelt so schnell und bei der Reichweite mit 70 Kilometern gleich dreimal besser. Zehn Stunden dauert es, bis die Akkus wieder geladen sind.

Auch das Bedienen ist beim modernen Fahrgerät viel leichter. Der Joystick setzt alle Bewegungen sofort um. Die (kleineren) Lenkräder hat Cize beim Elektrorollstuhl im Gegensatz zu seinem Hand-Rollstuhl bewusst hinten gewählt, weil „ich so auf sehr unebenen Wegen fahren kann“. Die Stabilität sei „einfach größer.

Wenn's Wetter im Sommer passt, dann ist Cize zweimal die Woche auf Tour. Bamberg (ab Haßfurt), Karlstadt oder eine Mammuttour rund um die Schwedenschanze in den Haßbergen hat er schon unter die Räder genommen. Schondra, Brückenau, Riedenberg, Schwarze Berge, Geroda, Schwanberg, Zabelstein, Vogelsburg. Er liebt diese Touren, weil er selbstständig, unabhängig ist. „Das ist ein grenzenloses Gefühl der Freiheit, es ist einfach schön, den Wind, die Sonne und die Düfte in der Luft zu riechen und zu spüren.“

Kurt Cize ist in Maibach aufgewachsen, in der Natur und jetzt kann er sie wieder genießen, ohne Begleitung, alleine, dank Elektrorollstuhl. „Ich habe dadurch erst den Landkreis kennengelernt.“ Cize ist zum naturwissenschaftlichen Verein gestoßen. Ein Nautilus, ein mit Schneckenmustern versehenes Fossil aus dem Muschelkalk, ist eine dem Reporter präsentierte Trophäe einer dieser geologischen Exkursionen.

Die Überlandfahrten haben Cize auch dazu angeregt, sich für Wildpflanzen zu interessieren. Mittlerweile ist der 67-Jährige so kenntnisreich, dass er Konrad Roth aus seinem Geburtsort Maibach vor der Herausgabe dessen Buches über Wildpflanzen Tipps über Standorte seltener Pflanzen geben konnte.

Schon mal stecken geblieben? Selten, sagt Cize. Einmal hatte der Elektrorollstuhl einen Plattfuß, bei Oberwerrn war das. Ihm wurde geholfen. Ein weiteres Mal wurde er Opfer seiner Naturleidenschaft, blieb in einer Streuobstwiese hängen. Als er nicht rechtzeitig zuhause erschien, schlug seine Frau Alarm, Maibacher suchten und fanden ihn kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Das alles passierte noch in der handylosen Zeit. Wenn er heute unterwegs ist, ist neben Brotzeit und Wasserflasche auch ein Mobiltelefon an Bord.

Gemeinsam unterwegs

Im Team ist Cize viermal im Jahr unterwegs. Die gemeinsamen Elektro-Rolli-Touren veranstaltet der Verein Selbsthilfe Körperbehinderter für die Rollstuhlfahrer im Klub. Bis zu acht Teilnehmerinnen gibt es bei den Fahrten, die nicht die entfernten Ziele haben, die er so liebt. Gleichwohl: Seine Touren sind auch Animation für andere. Gerlinde Sersi und Annemarie Edenhofner beispielsweise steuern mittlerweile auch entferntere Ziele an.

Von unserem Redaktionsmitglied Hannes Helferich
    
    

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