publiziert: 17.02.2012 16:37 Uhr
aktualisiert: 17.02.2012 18:14 Uhr
» zur Übersicht Landkreis Schweinfurt
    
    
Artikel
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text KREIS SCHWEINFURT
Das Handwerk sucht Facharbeiter

Betriebe klagen über mangelnde Ausbildungsfähigkeit der Schulabgänger und fehlende Bewerber
  • Ran an die Sau: Metzgermeister Thomas Warmuth wird in wenigen Jahren den elterlichen Betrieb übernehmen. Persönlich ist er erfolgreich, bei der Suche nach Auszubildenden im Fleischerhandwerk weniger: „Uns haftet ein schlechtes Klischee an.“
  • Lehre abgeschlossen, Karriere im Visier: Philipp Voß (21, links) ist fertiger Land-und Baumaschinenmechaniker, bald auch noch betrieblicher Fachwirt und will sich auch künftig weiterbilden. Innungsobermeister Frank Geyer ist stolz auf seinen einstigen Lehrling.
  • Geselle ab März: Nach dreieinhalbjähriger Ausbildung zum Zerspaner wird der Schweinfurter Christian Kistner in der Schwanfelder Firma Metallbau Jung nun übernommen. Er kam über ein Schulpraktikum in das Unternehmen.
  • Mit 40 Lehre beendet: Der ehemalige Fernfahrer Heiko Buff schulte noch einmal um und darf sich jetzt Elektrotechniker der Fachrichtung Energie und Gebäudetechnik nennen. Er wird von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen.
    Fotos: Holger Laschka
Bild von
4 Bilder

„Karriere mit Lehre“ lautet ein aktueller Werbeslogan des Handwerks. Jungen Menschen möchte man damit Appetit machen auf eine Berufsausbildung, die zugleich erster Schritt sein kann für den Durchmarsch auf dem zweiten Bildungsweg bis hin zum akademischen Abschluss. Und das auch für Mittelschulabgänger. Doch immer weniger Jugendliche haben das Handwerk auf ihrer Berufswunsch-Liste. Sie drängen – wegen des Geldes – in die Industrie, hangeln sich mehr schlecht als recht durch eine lange schulische Laufbahn oder landen – am unteren Ende der Bildungsskala – direkt in den sozialen Sicherungssystemen.

Im Jahr 2011 blieben nach Schätzungen der Wirtschaftsverbände deutschlandweit rund 75 000 Lehrstellen unbesetzt. Nachwuchssorgen gibt es vor allem in den traditionellen Handwerksberufen: Fleischer, Bäcker oder Klempner will kaum noch jemand lernen. Wo heute die Auszubildenden fehlen, fehlen morgen die Gesellen und übermorgen die Meister. Die abstrakten Zahlen aus der Lehrstellenstatistik werden als konkrete Probleme begreifbar, wenn man sich bei den Betrieben im Landkreis Schweinfurt umsieht.

Fleischer: Das Klischee stört

Thomas Warmuth aus Werneck ist Fleischermeister und Koch, übernimmt in wenigen Jahren den elterlichen Betrieb „Metzgerei Firsching“ an der Julius-Echter-Straße. Im vergangenen Jahr suchte er Auszubildende sowohl für das Fleischerhandwerk, als auch zum Fleischereifachverkäufer. Bewerbungen: Null. „Wir haben mit unserem Klischee zu kämpfen“, sagt er. Der Metzger werde zwangsläufig mit dem Töten von Tieren in Verbindung gebracht, mit spritzendem Blut, dazu schweren Arbeitsbedingungen. Dabei habe sich das Berufsbild in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Warmuth schlachtet nicht mehr selbst, sondern erhält beispielsweise fertige Schweinehälften, die über eine Rollbahn direkt vom Lkw ins Kühlhaus transportiert würden. Kein schweres Heben mehr, kein Blut auch beim Herausschneiden der Filetstücke. Kalt ist es zwar im Betrieb, aber die Arbeitsmethoden und Maschinen sind modern, es geht sauber zu.

Warmuth geht in Schulen, hat Powerpoint-Präsentationen über sein Handwerk vorbereitet, versucht im Rahmen des Projekts „Azubi trifft Schüler“ junge Leute zu begeistern. Doch wenn die nicht mehr über das Klischee stolpern, dann über das Geld. 450 bis 600 Euro Entlohnung in den drei Lehrjahren – das ist etwa die Hälfte dessen, was man in der Großindustrie bekommt. Und auch der Tariflohn für Fleischergesellen von anfangs knapp über zehn Euro schmeckt nicht jedem. Allerdings müsse man die Perspektiven sehen, sagt Thomas Warmuth. Er selbst hat sich permanent weitergebildet, ist Dozent für Arbeitssicherheit sowie für gluten- und laktosefreie Ernährung, Ernährungsberater, Ausbilder. Er könnte jetzt sogar studieren, wird aber im heimischen Betrieb gebraucht.

Metallbauer: Gute Perspektiven

„Wer im Handwerk lernt, dem stehen alle Türen offen.“ Das sagt Werner Jung aus Schwanfeld. In seinem Metallbaubetrieb mit rund 25 Mitarbeitern hat er noch wenig Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren. Das Metallhandwerk hat in der Region auch wegen der Großindustrie ein gutes Image und er will gar nicht den von SKF, Schaeffler oder ZF gesuchten Einserschüler. „Was habe ich denn davon, wenn ich 100 000 Euro in dessen Ausbildung investiere und anschließend ist er weg“, fragt Jung. Stattdessen sieht er sich weniger die Schulzeugnisse an, sondern schaut auf die Leistung potenzieller Bewerber während des einwöchigen Schulpraktikums. Das ist mittlerweile Pflicht für Realschüler der neunten Jahrgangsstufe und es ist für Jung wenn man so will die beste Nachwuchsbörse.

„50 Prozent unserer Auszubildenden kommen über Praktika, weitere über Ferienjobs zu uns“, sagt Jung. Die klassische Papierbewerbung spielt in seinem Betrieb kaum eine Rolle. Die Lage auf dem Land – Schwanfeld liegt etwas abgeschieden zwischen Schweinfurt und Würzburg – ist in seinen Augen kein Nachteil. „Ich habe auch Schweinfurter hier“, sagt er und marschiert quer durch die großen Fertigungshallen zu Christian Kistner. Der 21-Jährige war vor dreieinhalb Jahren im Rahmen des Schulpraktikums auf die Firma Jung aufmerksam geworden, lernt in diesen Tagen aus und wird als Zerspaner-Geselle auch gleich übernommen. „Alles richtig gemacht“, freut sich Kistner und tippt einige Daten in seinen modernen CNC-Fräsautomaten ein.

Industrie grast Lehrlinge ab

Frank Geyer ist unterfränkischer Innungsobermeister für Land- und Baumaschinentechnik. Sein Betrieb liegt in Unterspiesheim, er bildet normalerweise jährlich zwei Lehrlinge aus, „wenn sie mir die Industrie nicht weggrast“. Geyer braucht richtig gute Leute, klagt über die bisweilen mangelnde „Ausbildungsfähigkeit“ von Bewerbern. Mathe und Deutsch – damit hätten viele Schulabgänger heutzutage Probleme. Bei ihm kommt es deshalb immer wieder vor, dass Auszubildende abends noch nach Schweinfurt fahren müssten, um sich im Nachhilfeunterricht das nötige Rüstzeug zu holen. Auch Frank Geyers Vater habe vor 30 Jahren schon über den schlechten Bildungsstand der jungen Leute geklagt, sagt der Sohn; seitdem sei das Niveau noch mehr gefallen.

Immerhin: Wer die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechaniker absolviere, sei ein „universell einsetzbarer Allrounder“. Dass das Interesse an diesem Lehrberuf relativ gering ist, führt Geyer auf mangelndes Wissen um dessen Vielseitigkeit zurück. Kenntnisse um Elektronik, Getriebetechnik, CNC-Programmierung, aber auch Erfahrung im Schweißen und vieles mehr wird in der dreieinhalbjährigen Ausbildung vermittelt, dazu kaufmännische Grundlagen. „Wer glaubt, der Landmaschinenmechaniker liegt heute noch unterm Mistwagen und wechselt die Lager aus, der irrt“, sagt Frank Geyer. Er stellt seinen Gesellen Philipp Voß vor, der an die dreieinhalbjährige Aus- noch die Weiterbildung zum Fachwirt angehängt hat und sich augenscheinlich selbstbewusst in dem Betrieb bewegt. Voß liebt seine Arbeit, die ihn täglich mit anderen Herausforderungen konfrontiert: „Es wird nie langweilig. Irgendwas lacht mich immer an.“

Lackierernachwuchs gesucht

In Stadtlauringen hat Ludwig Weipert in guten Zeiten 14 Auszubildende über alle Lehrjahresstufen in seinem Maler- und Verputzerbetrieb beschäftigt. Vor knapp zehn Jahren stellte er sogar einmal acht Lehrlinge auf einen Schlag ein. Gute Zeiten erlebt der Betrieb heute zwar auch noch, was die Auftragslage anbelangt. Aber Auszubildende sind absolute Mangelware. „In den letzten zwei Jahren hatten wir praktisch keine Bewerbungen mehr auf dem Tisch“, sagt Weipert. Dabei sei die Ausbildung zum Maler und Lackierer gerade in Unterfranken äußerst attraktiv, weil im Rahmen überbetrieblicher Maßnahmen auch die praktischen und theoretischen Inhalte des Trockenbauer- und Verputzerberufs mitvermittelt würden. „Aber immer weniger Jugendliche wollen mit den Händen arbeiten“, glaubt Weipert und verweist auch darauf, dass seine Gesellen sommers wie winters im Freien beschäftigt seien („Wind und Wetter ausgesetzt...“), was nicht jedem schmecke.

Wie Werner Jung aus Schwanfeld konnte er früher noch häufig Praktikanten für eine Ausbildung begeistern – „es gab eigentlich immer genug Jungs aus dem Ort, die bei uns angefangen haben“. Mittlerweile bleibe auch auf diesem Weg niemand mehr kleben. Sein jüngster Sohn Ferdinand hat auch in der Großindustrie gelernt, bei SKF wurde er zum Industriemechaniker ausgebildet. Jetzt – und das ist die gute Nachricht – hat er aber plötzlich doch Interesse am Handwerk des Vaters bekommen, hängt eine Malerlehre an und hat die Übernahme des elterlichen Betriebs im Blick. „Perspektiven im Handwerk“: Dies könnte ein Best-Practice-Beispiel werden.

Von unserem Redaktionsmitglied Holger Laschka
    
    

Diesen Artikel

  • Webnews einstellen
  • Teilen
Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

Die neuesten Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben...
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
Anzeige
    

Direkt zur Redaktion 

E-Mail, Telefon und Brief
Auf diesem Weg finden Ihre Informationen den direkten Weg zu unserer Lokalredaktion. »mehr
    
    

Gelesen

 
    

Kommentiert

 
    
Anzeige
    

Stadtkultur Schweinfurt 

Theater, Kabarett,
Kunst und mehr
Die Stadt Schweinfurt hat kulturell eine ganze Menge zu bieten. »mehr
    
    
Anzeige
WG-Gesucht.de gibt Ihrer Region eine Stimme

Hier finden Sie Ihre WG in Schweinfurt.

WG-Gesucht.de, die kostenlose WG-Börse im Internet.

    
    

Fotografen und ihre Fotos 

Bilder und Eindrücke
Wir stellen ambitionierte Hobbyfotografen aus der Region Main-Rhön vor. »mehr
    
    

Grüsse aus der Region 

Kostenlose Grußkarten
Senden Sie Ihren Freunden und Bekannten eine elektronische Grußkarte aus der Region, auch Tiere! »mehr
    
    

Meine Maschine und ich 

Außergewöhnliches
Wir stellen Menschen vor, die eine besondere Beziehung zu einem technischen Gerät haben. »mehr
    
    

Recht auf Auskunft 

Kommunalpolitik
Bürger haben ein Recht auf politische Teilhabe und Journalisten ein Recht auf Auskunft. Das mussten auch einige Bürgermeister erst lernen. »mehr
    
    

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr