aktualisiert: 10.09.2010 15:42 Uhr
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SCHWEINFURT
Der Sound der Pfaff lässt die Finger kribbeln
Serie „Meine Maschine und ich“: Schneiderin Carmen Wegner und ihre Nähmaschine
„Wenn ich den Sound höre, wenn ich sehe, wie die Nadel in das Material einsticht, dann ist das wunderbar.“ Carmen Wegner spricht von ihrer Nähmaschine, einer Pfaff 262, zu der die 42-jährige Schneiderin vom ersten Tag des Zusammenseins an eine enge Verbindung hat.
Die gebürtige Niederwerrnerin landet erst auf einem Umweg beim Schneiderhandwerk. Bei einem Schnupperlehrgang stellt sie ihr Faible für diesen Beruf fest, freilich ein wenig von Anette List dazu animiert. Die ist Meisterin, für Carmen Wegner „die beste Schneiderin“ und noch heute regelmäßige Tippgeberin. Nach der Lehre arbeitet Carmen Wegner zunächst bei Blusen Jacob im Hafen, verliert aber den Job wie so viele andere, als die Firma nach Tschechien verlagert wird.
Die Arbeit ist wie Urlaub
Schon damals schneidert Carmen Wegner, allerdings nebenberuflich, anfangs zunächst bei sich zu Hause in der Wohnung in der Seestraße. Heute befindet sich ihre Änderungsschneiderei noch immer dort, allerdings in der früheren Waschküche im Hof des Anwesens, mittlerweile zur hübschen Schneiderei umgebaut.
Dort steht neben Bügelbrettern und einem Regal mit Fäden viel Gerätschaft, etwa eine Blindstichmaschine, ein Juki-Schnellnäher oder eine Husquarna-Nähmaschine. Und natürlich die Pfaff 262 – vermutlich 40 Jahre alt. Erworben hat Carmen Wegner „meine Pfaff“ von den Nachfahren einer vor vielen Jahren gestorbenen Schneiderin aus Schweinfurt – „ganz billig“, erinnert sie sich.
Ihre Wertschätzung wuchs im Laufe der Jahre auf die heutige Hochachtung vor dem Nähgerät. Was ist den das Besondere an der Pfaff? „Sie hat mehr Kraft, da können die modernen Maschinen nicht mithalten“, schwärmt Carmen Wegner. Leder, Jeansstoffe – „alles kein Problem“, erklärt sie dem in Sachen Schneidern völlig unkundigen Reporter.
Carmen Wegner ist von Montag bis Donnerstag bei der Firma s.Oliver in Rottendorf in der Wareneingangskontrolle beschäftigt. Freitags und samstags arbeitet sie in ihrer Änderungsschneiderei in der Seestraße. „Wenn ich an der Pfaff sitze, kann ich entspannen, da fahre ich runter, das ist wie Urlaub“, schwärmt die Mutter des vierjährigen Henri. Wenn die Auftragslage es erfordert, steht Schneiderkollegin Julia Gießer Gewehr bei Fuß, angestellt bei Carmen Wegner auf Minijob-Basis.
Messgewänder und Brautkleider
Hauptberuf, Änderungsschneiderei, Kind, wie funktioniert das? „Ich habe einen guten Mann, der viel hilft“, sagt sie. Michael Zöller, der beim Interview im Türrahmen steht, hört das natürlich gerne, wenn er auch bestätigen muss, dass Bügeln und Kochen nicht sein Ding sind.
Dann versucht Carmen Wegner dem Reporter die Pfaff etwas näher zu erklären. Der erfährt einiges über die Funktion des Rundlaufgreifers (holt den Faden hoch) oder des Zick-Zack-Momentschalthebels (Versäumen), den sie aber eigentlich nie benötigt, weil sie sich dazu der Kandelmaschine bedient, sagt sie und lacht beim Blick in die fragenden Augen des Pressemannes.
Welche Besonderheiten sind denn mit der offensichtlich unverwüstlichen Pfaff schon geschneidert worden? Carmen Wegner überlegt nur kurz und zählt auf: Messgewänder für Diakone, ein außergewöhnliches Hochzeitskleid und die orientalischen Gewänder für eine Bauchtanzgruppe. Sie wirft ihre Pfaff an, ein Auftrag ist zu erledigen. „Wenn ich den Sound schon höre, kribbelt es in meinen Fingern.“
Kontakt: Carmen Wegner, Hofdurchgang Seestraße 9 1/2, Tel. (0 97 21) 29 92 29, Tel. (01 72) 57 21 087, E-Mail info@schneiderei-wegner.de
Meine Maschine und Ich
Technik gehört zu unserem Alltag, dennoch gibt es Maschinen, zu denen manche Menschen eine besondere Nähe, wenn nicht sogar eine Art Liebe entwickelt haben. Für sie ist ihre Maschine etwas Besonderes, und sie haben deshalb auch etwas zu erzählen. Wer etwas über seine Maschine zu erzählen hat, der kann sich melden unter Tel. (0 97 21) 548 88 42 oder per Mail: red.schweinfurt@mainpost.de
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