aktualisiert: 10.09.2010 15:43 Uhr
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GRETTSTADT
Die Blickersderfer ist nackt und Erika lässt sich zusammenklappen
Die Schreibmaschinensammlung von Wolfgang Knoblauch ist eine Reise in den vordigitalen Büroalltag
„Erika“ stammt aus dem Jahr 1918 und man kann sie zusammenklappen. Die „Blickersderfer“ aus dem Jahr 1913 ist nackt. Nein, es geht nicht um irgendwelche Damen, sondern um Schreibmaschinen: Der „Blickersderfer“ fehlt einfach das Gehäuse. Wolfgang Knoblauch sammelt diese Zeugnisse des Vor-Computer-Zeitalters seit Jahren und er hat dabei so manche Rarität ergattert.
Zu Schreibmaschinen hat der Sammler bereits von Kindesbeinen an einen besonderen Bezug. Sein Vater betrieb eine Reparaturwerkstatt für Schreib- und Rechengeräte. „Dort habe ich mir als Schüler in den Ferien ein bisschen was dazuverdient“, erinnert sich Knoblauch. 1980 wurde die Werkstatt aufgelöst und einige der alten Stücke landeten in Grettstadt. „Dann habe ich eine Zeiger-Schreibmaschine ergattert“, erinnert sich der Rentner „und es ging los.“
Knoblauch war nicht mehr zu bremsen, 130 alte Schreib- und 20 Rechenmaschinen besitzt er heute. Erst versuchte er es über Online-Auktionen, „aber die richtig guten Sachen gab's da nicht“. Die Stücke, die auf Flohmärkten angeboten wurden, waren dem Sammler zu jung. Das sind Maschinen aus den 50- und 60er Jahren. Denn er sammelt nur Vorkriegsgeräte. Den Durchbruch brachte seine Mitgliedschaft im „Internationalen Forum historischer Bürotechnik“, einem Sammlerverein. Hier gab es nicht nur jede Menge Erfahrungsaustausch, sondern auch so manchen Hinweis, wo etwas Besonderes zu bekommen ist.
„Es ist jedes Mal ein Erfolgserlebnis aus einer stark verschmutzten und funktionsuntüchtigen Maschine durch oft tagelanges Bemühen ein optisch und technisch befriedigendes Ergebnis zu erzielen“, erklärt Knoblauch seine Leidenschaft. In seinen Regalen stehen viele „Erfolgserlebnisse“. Sie spiegeln eine kleine Geschichte der Schreibmaschine wider.
Bereits von 1714 gibt es ein Patent über ein Gerät, „mit dem man mechanisch schreiben konnte“, erzählt der Sammler. Wie es ausgesehen habe, weiß niemand. Ein Zimmermann aus Südtirol entwickelte dann 1864 die erste richtige Schreibmaschine – seinem Beruf geschuldet – aus Holz. Die ersten serienmäßigen stellte die US-Firma Remington 1874 her. Sie hat schon eine „moderne“ vierreihige Tastatur, wie sie bis heute am Computer verwendet wird.
„Bei den Maschinen wurde viel experimentiert“, erklärt der Sammler und zeigt solche mit Unter-, Ober-, und Vorderaufschlag bei den Typenträgern. Die Typen wiederum sitzen auf Schwinghebeln, Zylindern, Stäben oder Schiffchen. Von 1895 stammt der „Check Perforator“, fälschungssicher wurden damit in Schecks die Zahlen hineingeprägt. Während diese Maschine noch klein, rund und handlich war, gibt es von 1917 einen fünf Kilogramm schweren „Protectograph“ in der Sammlung. Auch das ist ein fälschungssicherer Scheckschreiber.
Auch eine waschechte Mercedes steht im Regal, sie stammt aus dem Jahre 1936 und hat einen „Außenbordmotor“. Eine der ersten elektrischen Schreibmaschinen. Knoblauch wirft den Motor an, das Gerät röhrt lautstark vor sich hin. Und tatsächlich, der Tastenanschlag ist ganz leicht. Der Hersteller hat den Namen damals gekauft, in der festen Überzeugung, den „Mercedes“ unter den Schreibmaschinen zu produzieren.
Knoblauchs Sammlung ist eine wahre Fundgrube: eine Blindenschreibmaschine mit nur sechs Tasten, eine Kinderschreibmaschine mit Buchstaben-Wählscheibe, eine „Ideal von 1907“ im Jugendstil-Outfit und und und. Alles in allem ein spannender Ausflug in die Geschichte des vordigitalen Büroalltags.
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