aktualisiert: 17.01.2011 18:37 Uhr
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SCHONUNGEN
Ein Vermächtnis aus Porzellan
In der dritten Generation: Rosemarie Reusch bewahrt Tafelservice aus jüdischem Besitz auf
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Vermächtnis der Großeltern: Rosemarie Reusch fühlt sich sich an das Versprechen ihrer Großeltern Maria und Karl Hussy gebunden, deren Bild sie in Händen hält. Sie passt heute noch auf Essgeschirr auf, das der jüdische Bekannte Siegfried Rosenbaum vor seiner Deportation und Ermordung 1942 ihrem Großvater zur Aufbewahrung übergeben hat.Foto: Josef Schäfer
Rosemarie Reusch hält ein Vermächtnis ihrer Großeltern aufrecht: Es geht dabei um materiell kaum wertvolle Teller und Schüsseln; sie stehen aber als kleines Symbol für Mitmenschlichkeit in der Zeit der grausamen Nazidiktatur und für eine kleine Geste in dem so schwierigen Umgang mit der eigenen Geschichte, wie er sich heute noch in Schonungen zeigt.
Siegfried Rosenbaum hat in den Dreißiger Jahren in der Hofheimer Straße an der Ecke zur Bauerngasse gewohnt – eines der Häuser, vor denen 2010 die so genannten Stolpersteine verlegt werden sollten. Rosenbaum gehört der damals immer kleiner werdenden jüdischen Gemeinde an. Die Schikanen nehmen nach Machtübernahme der Nazis zu: Aus Vorurteilen und Verleumdungen wächst Hass, aus Ausgrenzung wird offene Verfolgung, die schließlich im technokratisch organisierten Massenmord mündet.
In diesem Klima hat Rosenbaum einen Entschluss gefasst: Er bringt ein Service der Familie zu Karl Hussy, der nur einen Steinwurf weiter die Straße hinunter wohnt. Porzellan aus einer Selber Manufaktur mit Rosenmuster. „Heute wirkt es sehr altmodisch“, bekennt Hussys Enkelin Rosemarie Reusch. Der Auftrag: Hussy soll das Tafelgeschirr verwahren. „Beide haben sich von der Schule gekannt“, erinnert sich Reusch. Ihre Großeltern gehören nicht der NSDAP an und „mein Großvater galt als verschwiegener Mann“. Es muss eine Nacht- und Nebelaktion gewesen sein, die Teller, Schüsseln und eine Sauciere ein paar Häuser weiterzuschaffen. Denn sich offen als Judenfreund zu erkennen zu geben, ist auch für nichtjüdische Einwohner in dieser Zeit problematisch.
Warum Rosenbaum ausgerechnet Hussy ausgesucht hat, weiß Reusch nicht. Sie kann sich aber an den Nachbarn erinnern: Ein nicht sehr großer Mann mit einem großen gelben Stern auf dem Mantel. Dieses Symbol der Ausgrenzung, das Juden ab 1941 tragen müssen, hat sich der kleinen Rosemarie ins Gedächtnis gebrannt. Und beide Männer, so ihre Erinnerung an die Szene auf der Straße, als sie Rosenbaum das letzte Mal gesehen hat, haben sich über jenen Stern unterhalten. Zu diesem Zeitpunkt, so Reuschs Vermutung, muss das Geschirr bereits längst in der Hofheimer Straße die Häuser gewechselt haben. Denn in der Reichpogromnacht im November 1938 sind nicht nur Synagogen, sondern auch Privatwohnungen von Juden überfallen worden. Auch die von Siegfried Rosenbaum. Wie überall schlagen die Schergen dort alles kurz und klein.
Im Dunkeln liegt auch das Motiv Rosenbaums, das Geschirr jemandem zur Aufbewahrung zu überlassen. Hoffnung auf gesunde Wiederkehr? Rosenbaum wird am 22. April 1942 deportiert, und wahrscheinlich in Izbica ermordet.
In der Familie Hussy nimmt man seinen Wunsch ernst. Als Karl Hussy 1957 stirbt, übernimmt das Geschirr die Familie Werb. Nach deren Tod erhält es Tochter Rosemarie Reusch. „Ich bin der Besitzer des Geschirrs, nicht der Eigentümer“, macht sie deutlich, wie sie zu diesem Vermächtnis steht. Sie würde es daher dem rechtmäßigen Eigentümer übergeben. Allerdings ist diese Geschichte bislang so noch nie öffentlich erzählt worden.
Durchaus könnte es noch einen Nachfahren Rosenbaums geben: Einigen der Schonunger Juden ist vor Beginn des Holocausts die Ausreise aus Deutschland gelungen – darunter auch ein Sohn von Siegfried Rosenbaum, der – falls noch am Leben – inzwischen hochbetagt sein müsste.
In jedem Fall will auch Rosemarie Reusch das Service und das mit ihm verbundene Versprechen an die nächste Generation weitergeben. Denn auch Reuschs Kinder wissen von der Geschichte. Und Rosemarie Reusch ist sich sicher: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es wegwerfen.“
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