publiziert: 22.12.2009 19:08 Uhr
aktualisiert: 22.12.2009 22:53 Uhr
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Eine kleine Oase in der Hektik

Ein Pfarrer als Engel ruft zum Gebet

Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, wird behauptet. Ich glaube, nicht immer. So kam es zu einer Begegnung, von der ich mir nie hätte träumen lassen. Ausgerechnet am Eingang vom Hugendubel am Georg-Wichtermann-Platz sollte das engelhafte Zusammentreffen stattfinden. Es ist reger Verkehr im Buchladen, als ich unter den vielen Menschen Pfarrer Karl Ring entdecke.

Ich freue mich, weil ich mich gern mit ihm unterhalte und ihn schon länger nicht mehr gesehen hatte. Der ältere Herr vertraut mir verschmitzt an, er habe sich dieser Tage wieder mal das alte lateinische Stufengebet vorgenommen und den Text gelernt. Ich reagiere zunächst leicht irritiert. Warum erzählt er mir das, ausgerechnet hier, mitten in dem ganzen Kommerz?

Aber der agile Geistliche lässt nicht locker. Auch mein Geständnis, dass ich kein Lateiner und über die Kirchenlateinkenntnisse eines Ministranten nie hinausgekommen bin, kann ihn nicht abhalten und er beginnt eher ungeduldig: „In nomine?“ Und ich – immerhin: „Ad Deum qui laetificat?“ Aber das genügt ihm nicht, weiter geht es mit Psalm 42: „Judica me?“ Ich beginne mit dem schwer zu lernenden: „Quia tu es Deus?“ So geht der Dialog weiter. Wenn ich ins Stocken komme hilft der Pfarrer wohlwollend weiter.

Über vierzig Jahre ist es her, dass ich sonntäglich im Ministrantenrock auf den Altarstufen gebetet habe und jetzt das: Ausgerechnet am Eingang einer Buchhandlung kommt tropfenweise der lateinische Text und dessen Melodie in mein Bewusstsein. Am Ende verspreche ich ihm völlig freiwillig, mich ebenfalls um den lateinischen Text zu kümmern. Und als wir verabschieden, bin stolz, das Stufengebet noch einigermaßen zusammengebracht zu haben.

Seitdem lässt mich der Gedanke nicht los, dass es ein engelhafter Umstand war, der den Pfarrer und mich zusammengeführt hat. Um von vielen Erinnerungen angetrieben, einen lateinischen Gebetstext aus der Versenkung zu holen und beim Rezitieren etwas wie Glück zu empfinden.

Von Claus P. Gras
    
    

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