aktualisiert: 21.09.2010 10:16 Uhr
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SCHWEINFURT
Hier zählt der letzte Schliff
Serie „Meine Maschine und Ich“: Nadine Gardt bringt Brillengläser in Form
62 Prozent aller Deutschen über 16 Jahre tragen nach einer Studie des Allensbach-Institutes eine Brille. Sie suchen sich im Laden ein Modell aus und der Optiker bestellt die Gläser bei den Schleifereien. Wie aber gelangen die großen unförmigen Scheiben in die Fassung des Gestells? Das führt Augenoptikerin Nadine Gardt in der Werkstatt des Optikerladens „Die Brille“ vor.
Im Dachstübchen des Geschäfts thront seit 2007 eine Computerized Numerical Control (CNC), eine Brillenglas-Schleifmaschine. CNC ist eine elektronische Methode zur Steuerung und Regelung von Werkzeugmaschinen. Links davon steht ein Scanner, rechts ein Diamant-Handschleifer.
Wenn die Kästchen mit den Fassungen und Gläsern bei ihr angekommen sind, tippt Gardt den Code des Gestells in Station eins, den Scanner, ein. Auf dem Bildschirm des CNC-Schleifers, also Station zwei, erscheint die Brillenform. Mit einem Adapter spannt sie die kreisrunde Glasscheibe darin ein. Unterhalb glänzen vier Schleifsteine, von denen sie einen, passend zum Glasmaterial, auswählt. Die Augenoptikerin schließt die Schutzklappe und drückt den Startknopf. Ein kreischendes Schneidegeräusch ertönt, ein leichter Schwefelgeruch entströmt. Fließendes Wasser verhindert, dass Funken sprühen. Kaum eine Minute später hält Gardt eine exakt geformte Scheibe in die Höhe.
Nicht immer ließ sich das Glas in so kurzer Zeit zurechtschleifen, erzählt sie. Jahrhundertelang mussten Optiker diese Arbeit per Hand erledigen. Erster Meilenstein war eine Maschine, die in den 1980er Jahren auf den Markt kam und Gläser mechanisch mittels Brillen-Schablonen schleifen konnte. „Wir haben um die 1000 Modelle und es kommen immer neue dazu“, sagt Augenoptikermeister Klaus Keller, „so viele Schablonen würden hier kaum Platz finden.“ Außerdem erziele das mechanische Vorgehen bei Weitem nicht das gleiche Ergebnis wie beim CNC-Schleifer. „Mit diesem Hightech-Gerät können wir das Glas viel genauer bearbeiten. „Die Maschine formt sogar die Spitze um das Glas herum, damit es in die Nut – die Rille innerhalb des Rahmens – hineinpasst.“
Dennoch spielt handwerkliches Geschick in der Augenoptik auch heute noch eine große Rolle. Vor allem bei der dritten Station, dem Diamanten-Handschleifer. „Den letzten Schliff möchte ich selbst ausführen“, sagt Nadine Gardt und führt das Glas über das bronzefarbene Rad, um die Kanten zu brechen. „Das ist richtige Feinarbeit.“ Die junge Frau ist froh, dass sie in ihrer Ausbildung noch gelernt hat, das Glas mit der Hand zu bearbeiten. Als sie die Kunststoffscheibe schließlich in die Fassung einsetzen will, passt sie nicht ganz. Sie ist einige Bruchteile von Millimetern zu groß. Für Gardt kein Problem: Die CNC-Maschine steht im gleichen Raum und sie kann gleich nachkorrigieren.
Das sei aber nicht in jedem Laden so einfach. „Viele Betriebe verlegen die Fertigung in Zentrallabors“, sagt Keller. „Hier können wir vor Ort nachschleifen, polieren und direkt auf die Sonderwünsche der Kunden reagieren.“ Gerade bei randlosen Brillen seien den Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt. Bei diesen Modellen verkünsteln sich die Optiker gerne beim Löcherbohren, Steinchenbesetzen oder Schraubenreindrehen.
Von unserem Redaktionsmitglied
Stephanie Stocker
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