publiziert: 06.12.2011 14:12 Uhr
aktualisiert: 06.12.2011 17:45 Uhr
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In Schweinfurt geht die Kirche auf die Straße

Wenn der Mensch nicht zur Kirche kommt, geht der Seelsorger zum Menschen
  • Mit der Kirche unterwegs: Die Stadtseelsorger Heiko Kuschel (von rechts) und Günter Schmitt.
    Foto: Laszlo Ruppert
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Nein. Sie sind nicht durchgeknallt. Pastoralreferent Günter Schmitt und Pfarrer Heiko Kuschel haben Mut, – wichtiger noch, sie halten durch und holen Freitag für Freitag das fahrbare Kirchenmodell aus der Autogarage, in die der Miniaturbau trotz abgebauter Turmspitze nur knapp hineinpasst. Wenige Minuten später ist die Seelsorge mitten drinnen in der Fußgängerzone.

Selbstverständlich gibt es sie, die tausend guten Gründe, warum die Kirche manche Leute nicht in der Kirche, sondern nur auf der Straße erreicht. Hinlänglich erforscht ist das Thema auch. Kuschel und Schmitt können über die Warums aus dem Stegreif referieren. Doch sie tun es nicht, ziehen lieber los, um zu überraschen und überrascht zu werden. Dass sie sich damit in den Augen der einen und auch anderer zum Affen in der Stadt machen, das sei zwar in wissenschaftlicher Kleinarbeit festgestellt, doch als „Stadtaffen“ fühlen sich Kuschel und Schmitt ganz und gar nicht.

An diesem Freitag ist es kalt. Auf den Stufen von Heilig Geist sitzen heute die zwei Männer nicht, die sonst immer mit den Seelsorgern ein paar Worte wechseln. So geht es ohne Stopp aber mit Grüßen an Fußgänger und Autofahrer über die Siebenbrückleinsgasse in die Spitalstraße. Kurz bleibt das Gefährt, das die Gesellschaft zur beruflichen Förderung (GbF) konstruiert und gebaut hat, stehen. Eine junge Frau will die beiden Merkwürden fotografieren. Nettigkeiten werden ausgetauscht. Zu einem Gespräch kommt es nicht.

Am Rathauseck hat die Citypastoral heute schlechte Karten. Gegen Glocken, die süßer nie klingen, und segensbringende Gesänge vom Weihnachtsmarkt will das Duo auch gar nicht lange anhalten. Die Fahnen, die verkünden, dass die Wagenkirche ein Projekt des katholischen und des evangelischen Dekanats ist, sind aufgerollt. Dank Lautsprecheranlage werden wenigstens ein paar Bekannte auf die Streiter für die Gemeinschaft und den Glauben aufmerksam. Verteilt werden ein paar Teelichter, das Zwiegespräch kommt über Raketen und Lebkuchen zum Licht und zur Ankunft. Einstudiert ist das alles nicht. Schmitt und Kuschel werfen sich die Bälle zu, schauen, ob Fänger unterwegs ist.

Am Rathaus ernten sie Schmunzeln und scheue Blicke. Kaum einer erwidert ein Wort. Macht nichts. Klappern gehört zum Handwerk. Die Laune ist und bleibt bestens. Der Rückzug ist geplant. Station wird in der Mitte zwischen Rathaus und Dürer-Platz gemacht. Hier ist es ruhiger, nicht so geschäftig. Es kommt zu kurzen Gesprächen. Neugierde wird geweckt, auch oder gerade bei denen, die Eile vorgeben, die einen intensiveren Blick erst wagen, wenn sie die Wagenkirche hinter sich gelassen haben. Ins Gespräch kommen der Pfarrer und der Pastoralreferent erfahrungsgemäß am besten auf dem Georg-Wichtermann-Platz, also dort, wo weit und breit kein Kirchturm zu sehen ist.

Nach gut zwei Stunden, vielen Wortwechseln, mit klammen Fingern, mit kalten Füßen und ohne Teelichter führt der Weg zurück zur Garage des Pfarrhauses. Zählbar ist der Erfolg nicht. Soll er auch nicht sein. Flagge wurde gezeigt. Die Kirchenfahnen wehten mitten drinnen im Alltag. Schmitt und Kuschel haben Kirche an ungewöhnlichen Orten gewagt, witzige und nachdenkliche Impulse mit in das Wochenende gegeben. Im gewärmten Büro von Schmitt berichten die beiden Akteure von der evangelischen und der katholischen Cityseelsorge. Die Wagenkirche sei ein Dauerbrenner, die Nacht der offenen Kirchen mit 3500 Besuchern ein Erfolg gewesen. Stolz sind sie auf 500 Rückmeldungen. Geantwortet haben viele, die die Stadtseelsorge ansprechen will, nämlich jene, die in der Kirche sind und von ihr mehr erwarten, und jene, die draußen sind, aber mit der Kirche nicht gänzlich brechen wollen. Fantasievoll Kirche erleben, das soll die Stadtpastoral bieten, sagen der Pfarrer und der Pastoralreferent.

Erfahren haben sie, dass das Meditative wieder höher im Kurs stehe, erfahren auch, dass die Ökumene an der Basis funktioniere. Probleme mit den Kirchengemeinden oder den Dekanaten? Das Nein kommt, wenn auch zögerlich. Die Einsicht, dass man keine Konkurrenz sei, keine eigene Gemeinde um sich schare, dass sich Kirche für die Kirche zeige, greife um sich, lasse eine freundliche Distanz erleben. Unverbindlich seien ihre Angebote, sagen die zwei Seelsorger und verweisen dabei auf die kulturellen Veranstaltungen der Citypastoral, zu denen nicht nur Ausstellungen, Musik und Theater zählen.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerd Landgraf
    
    

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