publiziert: 26.01.2012 16:32 Uhr
aktualisiert: 26.01.2012 16:52 Uhr
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Interview: Schlaf - ein ziemlich aktiver Zustand

Der Schlafforscher Michael H. Wiegand über Schlaf, Schlafstörungen und den Sinn der Träume
  • Einer, der nicht an Schlaflosigkeit leidet: Adolph von Menzel, Mann, auf einem Sofa schlafend, um 1875. Bis 19. Februar zu sehen in der Ausstellung „Nächtliche Sternstunden – Carl Spitzweg und Künstler der Sammlung“ im Museum Georg Schäfer.
    Foto: MGS
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Bis 19. Februar ist im Museum Georg Schäfer die Sonderausstellung „Nächtliche Sternstunden – Carl Spitzweg und Künstler der Sammlung“ zu sehen. Neben der Nacht ist der Schlaf ein Thema. Das Schlafmedizinische Zentrum der TU München hat einen Film zur Verfügung gestellt, der zwei Schlafwandler zeigt, die jäh aufschrecken und wild im Bett herumtoben beziehungsweise schlicht davonrennen. Axel Spring, ehemals Chefarzt der Neurochirurgie am Leopoldina-Krankenhaus, hat eine Menge interessanter Fakten dazu zusammengestellt (Seite 8). Am Samstag, 11. Februar, sprechen Prof. Dr. Michael H. Wiegand, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums, und Assistenzärztin Helen Slawik im Museum über das Thema „Schlafen und Träumen“. Im Interview gibt Wiegand schon einmal einen Einblick in die Komplexität des Themas.

Frage: Man liest immer wieder, dass die Wissenschaft vergleichsweise wenig über das Phänomen Schlaf weiß. Stimmt das?

Michael H. Wiegand: Ja, das stimmt. Gemessen daran, welch alltägliches Phänomen das ist und wie häufig auch Störungen des Schlafes sind, ist es erstaunlich, wie wenig sich die Wissenschaft lange um den Schlaf gekümmert hat.

Wie ist denn die Forschungsgeschichte des Schlafes verlaufen?

Wiegand: Im 19. Jahrhundert oder auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Schlaf eigentlich kein Thema. Man hat im Grunde erst angefangen, sich den Schlaf genauer anzuschauen, mit der Entdeckung der elektrischen Hirnaktivität, des EEGs. Vorher dachte man, Schlaf ist eine Art Sparschaltung des Gehirns. Da werden die Lichter ausgeknipst, und das Gehirn schlummert so vor sich in. Und dann entdeckte man, der Schlaf ist ein aktiver Zustand, aber eben einer ganz anderen Art.

Was passiert mit uns, wenn wir schlafen?

Wiegand: Eine ganze Menge. Da wird ein vollkommen anderes Programm gefahren, könnte man sagen. Sowohl im Gehirn als auch im Rest des Körpers. Aber der Schlaf spielt sich vor allem im Gehirn ab. Hier passieren die gravierendsten Umschaltungen, wenn wir einschlafen. Das ist ein Wunder: Wenn man sich näher damit befasst, stellt man fest, dass das Einschlafen innerhalb von Sekunden vor sich geht. Dieser Wechsel dieses Zustandes „wach“ in einen vollkommen anderen Funktionszustand. Die Aktivität in der Hirnrinde verändert sich ebenso wie die tieferer Hirnregionen. Die Sinneswahrnehmung – das Sehen, Hören, Riechen, Fühlen – wird weitgehend ausgeschaltet beziehungsweise in einem sehr frühen Stadium abgeblockt, damit sich das Gehirn möglichst ohne Input mit seinen schlafspezifischen Aufgaben beschäftigen kann.

Wie geht es dann weiter?

Wiegand: Dann werden – je nach Schlafstadium – Zentren aktiviert, die im Wachzustand nicht so aktiv sind. Andere werden völlig ausgeschaltet. Wieder andere werden nur im Traum aktiv. Auf hormonaler Ebene geschieht einiges, es werden Hormone produziert und ausgeschüttet, die im Wachen nicht messbar sind. Die Körperinnentemperatur sinkt, die Körperaußentemperatur steigt durch eine Veränderung der Gefäßweite. Ein Schlafender fühlt sich warm an.

Wozu das Ganze? Wir könnten uns ja auch einfach wach aufs Sofa legen, dann hätten wir auch Erholung.

Wiegand: Eine Menge von dem, was im Schlaf passiert, hat durchaus mit Muskelentspannung und -regeneration zu tun. Aber letztlich ist das Problem noch nicht wirklich gelöst – und das ist eigentlich ein Armutszeugnis für die Schlafforscher. Wir wissen, warum wir essen, wir wissen, warum wir trinken. Aber warum wir so nötig den Schlaf brauchen, und zwar jede Spezies, das ist ungeklärt. Evolutionsbiologisch betrachtet, ist Schlaf ja ein Vabanquespiel – man ist völlig schutzlos. Die vorläufige Antwort lautet: Offenbar ist der Schlaf nötig, damit im Gehirn dringend nötige Regenerationsvorgänge vor sich gehen können. Bestimmte Prozesse, die möglicherweise mit der Produktion von Neuropeptiden zu tun haben, also Überträgerstoffen, und die im Wachzustand nicht möglich sind. Das ist eine sehr vage Aussage, aber präziser können wir da nicht werden.

Sie hatten die Evolutionsbiologie erwähnt. . .

Wiegand: Da gibt es eine Hypothese, die sich mit dem Phänomen befasst, dass eben jede Tierspezies Schlaf braucht, so gefährdet sie auch ist, selbst die Giraffen in der Savanne, die in nächster Nachbarschaft der Löwen leben. Selbst Giraffen müssen schlafen, wenn auch nur ganz kurz. Die Hypothese lautet: Der Schlaf ist nötig, damit die Vielfalt der Spezies erhalten bleibt. Gäbe es eine Tierart, die nicht schlafen muss, würde nach ein paar tausend Jahren nur noch diese Tierart leben.

Das heißt also, Schlaf als evolutionäres Mittel der Chancengleichheit.

Wiegand: Richtig. Ein evolutionäres Mittel, um jedem Tier die Chance zu geben, auch mal gefressen zu werden.

Das hieße aber, dass Schlaf ein Atavismus ist, weil wir ja längst andere Strategien entwickelt haben, um zu überleben.

Wiegand: Ja, dieser Gedanke ist durchaus diskutierenswürdig, Aber es ist eine ganz spekulative These. Bleiben wir bei der Wissenschaft. Und da sehen wir eben, im Schlaf passieren fundamentale Veränderungen, und einige davon scheinen lebensnotwendig zu sein und nur im Schlaf möglich.

Wie erforscht man denn Schlaf?

Wiegand: Schlaf ist klar definiert durch ein bestimmtes Muster an Hirnaktivität verbunden mit einer bestimmten Muskelaktivität und Augenbewegungen. Diese drei Parameter werden im Schlaflabor vorrangig gemessen. Auf ihnen beruht die Definition des Schlafes und der Schlafstadien.

Es gibt die Aussage „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan“, aber das stimmt meistens nicht.

Wiegand: Das EEG misst nur die elektrische Hirnaktivität ein paar Millimeter unterhalb der Schädeldecke, also im Wesentlichen die Vorgänge in der Hirnrinde. Aber die tieferen Schichten wie zum Beispiel das limbische System werden nicht erfasst. Wenn wir da eine Positronen-Emissionstomografie machen, ein Verfahren, das es erst seit einigen Jahren gibt und das es uns erlaubt, Aktivitäten in tieferen Schichten wie dem limbischen System zu erfassen, dann sehen wir auch im Schlaf ein gewisses Maß an Aktivität. Bei den von Ihnen erwähnten Menschen, die glauben, „kein Auge zuzutun“, sehen wir eine besonders ausgeprägte Aktivität in tieferen Hirnschichten während des Schlafs, auch im Tiefschlaf. Die Patienten sagen dann am nächsten Tag, ich bin wie gerädert, im Kopf hat es die ganze Nacht weitergearbeitet – sie haben Recht. Ihre Wahrnehmung ist also nicht einfach nur hysterisch übertrieben.

Ein Kolumnist hat als junger Vater einmal die Stunden des Schafdefizits ausgerechnet und kam auf einige Tausend, die er irgendwann mal nachholen wollte.

Wiegand: Klappt nicht. Ist auch sinnlos. Man kann mal eine Nacht durchmachen, und dann braucht man in der nächsten nicht 16 Stunden zu schlafen. Da schläft man vielleicht neun oder zehn Stunden, und die Sache ist gegessen. Das reguliert der Organismus selber. Der Schlaf wird intensiver. Das ist ja das Fantastische am Schlaf: dass es diese individuellen Schlaftypen gibt, die Langschläfer, die Kurzschläfer, die Morgentypen und die Abendtypen. Der Schlaf ist nicht so starr reguliert wie etwa der Durst. Wenn Sie eine bestimmte Flüssigkeitsmenge unterschreiten, dann meldet sich der Durst, und zwar gnadenlos. Sie müssen dann was trinken. Im Vergleich dazu ist das Schlafbedürfnis enorm flexibel. Das merkt man, wenn man auf einer Party ist und man schon um 22 Uhr müde wird, weil es langweilig ist. Und plötzlich kommen Sie mit interessanten Leuten zusammen, und die Müdigkeit ist wie weggeblasen. Der Schlaf ist ein sehr nachgiebiger Verhandlungspartner. Man kann ihm sagen, pass auf, du kommst schon noch dran, aber jetzt möchte ich noch ein paar Stunden wach sein.

Burnout und Depression sind große Themen. Steigt damit auch die Zahl der Schlafstörungen?

Wiegand: Ja, das geht miteinander einher. Wobei es da ein Henne-Ei-System gibt: Chronisch schlechter Schlaf ist einer der Risiko-Faktoren für die Entwicklung von Burnout und/oder Depression. Und andererseits sind Burnout und Depression Bedingungen, die ihrerseits schlechten Schlaf erzeugen oder aufrechterhalten. Ein Teufelskreis.

Nun kann man ja Stress nicht einfach abschalten.

Wiegand: Man kann schon ein bisschen was tun. Den Stress einer dauernden Lebenskrise kann man natürlich nicht so einfach abschalten. Aber Stress im Sinne der täglichen kleinen und größeren Ärgernisse, da kann man abends dafür sorgen, dass man Abstand gewinnt. Das ist Teil dessen, was wir schlafhygienische Regeln nennen. Dass man sich nicht bis zum Schlafengehen mit Beruflichem oder Belastendem beschäftigt, sondern ganz bewusst eine mindestens zweistündige Phase einlegt, wo man sich innerlich auf den Schlaf vorbereitet.

Was sind denn die typischen Schlaffehler?

Wiegand: Dass man versucht zu schlafen, wenn man nicht müde ist. Etwa, weil man früh aufstehen muss. Da gerät man dann in einen Spannungszustand, der den Schlaf sabotiert. Als Kind wollte ich einmal bei den Bundesjugendspielen unbedingt eine Ehrenurkunde gewinnen. Und bin extra am Abend vorher um neun im Hochsommer schlafen gegangen. Das Ergebnis war die erste schlaflose Nacht meines Lebens. Ich war putzmunter, lag im Bett und fragte mich, wann schlafe ich jetzt endlich?

Wie steht es mit Sport treiben?

Wiegand: Ein anderes Missverständnis – man denkt, Sport macht müde, viel Sport macht sehr müde. Das Gegenteil ist der Fall. Körperliche Anstrengung treibt das Adrenalin hoch. Die Müdigkeit, die da erzeugt wird, ist eine muskuläre Müdigkeit, aber nicht die, die wir zum Schlafen brauchen. Auch Alkohol ist ein miserables Schlafmittel. Er fördert zwar das Einschlafen, aber er wird sehr schnell abgebaut, und dann kommt es in der zweiten Nachthälfte zu flachem Schlaf und zum Erwachen.

Haben Sie damals Ihre Ehrenurkunde bekommen?

Wiegand: Nee, nur eine Siegerurkunde.

Schlafen Sie selbst gut?

Wiegand: Wechselnd. Ich schlafe im Prinzip ganz gut, aber es gibt auch bei mir Nächte, in denen ich schlecht schlafe, ohne es mit erklären zu können. Das passiert jedem Menschen einmal, da weiß man nicht, woran es liegt. Ob mir da mein Wissen über den Schlaf nützt, oder ob es eher hinderlich ist – ich weiß es nicht.

Ein großes Thema ist der Traum – über den man möglicherweise noch weniger weiß als über den Schlaf. Kunst, Literatur und Film haben sich immer schon mit dem Traum befasst, aber nicht so sehr die Medizin.

Wiegand: Die Psychotherapie hat das getan. Der Traum fängt für viele mit Freuds „Traumdeutung“ an, 1900 erschienen. Viele assoziieren weniger die biologische als die psychologische Seite mit dem Traum. Man denkt gleich an das Unbewusste. Wenn man verstehen will, warum Freuds Traumdeutung so eine Bombe war, muss man sich vergegenwärtigen, dass das ganze 18. und 19. Jahrhundert den Traum meist als ein Defizitprodukt angesehen hat. Ganz anders als in der Antike oder im Alten Testament. Da spielen Träume eine wichtige Rolle. Aber ab der Aufklärung gilt Traum als Fehlprodukt. Auch Kant kommt zum Schluss, träumen ist ein Irresein im Schlaf. Und dann kommt plötzlich Freud und sagt, nix da, das Träumen ist der Königsweg zum Unbewussten. Das war eine Sensation.

Wie ging es weiter?

Wiegand: Im 20. Jahrhundert hat man den Traum vor allem von der psychologischen Warte aus gesehen – was bedeutet er, was sagt er über den Träumer aus? Erst ab der zweiten Hälfte hat man sich um die hirnphysiologischen Vorgänge und vor allem die Funktion gekümmert. Der Sinn des Traums kann ja nicht nur darin bestehen, dass wir unserem Psychoanalytiker was zu erzählen haben. Das kam so richtig in Gang, als man entdeckte, dass der Traum weitgehend an ein bestimmtes Schlafstadium gebunden ist, den REM-Schlaf. Das Stadium, wo man schnelle Augenbewegungen hat, und wo auch die Hirnaktivität Ähnlichkeit zum Wachzustand hat. Man schläft tief und ist schwer erweckbar– dann träumt man.

Was weiß man heute über den Traum?

Wiegand: Der heutige Wissensstand lässt sich etwa so zusammenfassen: Das sind kognitive Vorgänge, die überwiegend den Zweck haben, am Tage Erlebtes zu ordnen, abzugleichen mit Bekanntem. Die Funktion des Träumens liegt also wohl überwiegend im Bereich des Lernens und des Gedächtnisses, der Organisation von Wissensinhalten, des Umlagerns vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Vielleicht wird deshalb das Gehirn im Schlaf so rigoros sich selbst überlassen – dass es diese Riesenaufgabe leisten kann. Diese Vorgänge laufen vier- bis fünfmal pro Nacht ab, ob man sich daran erinnert oder nicht, das ist völlig egal. Wenn wir uns dann mal an einen Traum erinnern, dann ist das schon etwas Sekundäres. Da versucht das Gehirn, diese Arbeit mit Gedächtnisinhalten in irgendeiner Form in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Es produziert so etwas wie einen Film – das ist der Traum.

Aus psychologischer Sicht ist der Traum also weniger relevant als aus biologischer?

Wiegand: Das kann man nicht sagen. Denn was das Gehirn dann aufgreift und zu diesem Film verarbeitet, das ist sehr aufschlussreich für den Träumer. Das ist sicher nicht zufällig. Da spielen die Biografie, die aktuelle Situation oder aktuelle Probleme eine Rolle. Und darum, glaube ich, passt beides zusammen: die biologische und die psychologische Funktion des Traums. Die Arbeit mit Träumen kann durchaus sinnvoll und hilfreich sein – in der Therapie oder individuell. Ich habe oft Träume, wo ich nach dem Aufwachen das Gefühl habe: Da war was drin, das war wichtig.

Und das können Sie dann auch verwerten?

Wiegand: Ja, und ich kenne viele Menschen, die das können. Das ist auch wesentlicher Bestandteil vieler psychotherapeutischer Verfahren, nicht nur der Tiefenpsychologie. Bei Patienten mit Albträumen steht die therapeutische Arbeit mit und an den Albträumen zwangsläufig im Mittelpunkt.

Was kann denn jeder Mensch tun mit seinen Träumen?

Wiegand: Träume können Hinweise für die Lösung anstehender Probleme geben: eine kreative Leistung, die auf der „Spielwiese“ des Schlafs offenbar besser gelingt als im Wachzustand, wo wir hauptsächlich damit beschäftigt sind, auf uns einstürmende Informationen zu verarbeiten. Dafür gibt es viele Beispiele. Um sich besser an Träume zu erinnern, kann man zum Beispiel ein Diktiergerät neben das Bett legen, und wann immer man einen Fetzen Traum erhaschen kann, hält man ihn darauf fest. Das funktioniert im Laufe der Zeit immer besser. Und um wirklich von der Beschäftigung mit den eigenen Träumen profitieren zu können, ist eines unerlässlich: Man muss ein bisschen daran glauben.

Schlafen und Träumen – Vortrag im Museum Georg Schäfer

Am Samstag, 11. Februar, sprechen Prof. Dr. Michael H. Wiegand, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der TU München, und Assistenzärztin Dr. Helen Slawik um 16 Uhr im Rahmen der Spitzweg-Ausstellung im Museum Georg Schäfer über das Thema „Schlafen und Träumen“. Wiegand, 63, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Diplom-Psychologe. Er hat am Münchner Max-Planck-Institut zum Thema Schlafentzug als Therapie bei Depression geforscht, über das er sich auch habilitiert hat. 1990 wechselte er ans Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München, wo er das Schlafmedizinische Zentrum aufgebaut hat, das er bis heute leitet. FOTOs: TU München

Das Gespräch führte Mathias Wiedemann
    
    

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