publiziert: 16.11.2011 12:42 Uhr
aktualisiert: 16.11.2011 17:52 Uhr
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Joachim Fiedler: Er hilft durch den Rentendschungel

Versichertenältester Joachim Fiedler nimmt nach mehr als drei Jahrzehnten seinen Hut
  • Gewerkschafter durch und durch: Der bald 74-jährige Joachim Fiedler – hier vor dem Zugang der Schweinfurter DGB-Zentrale – nimmt nach 32 Jahren seinen Hut als Versichertenältester.
    Foto: Holger Laschka
  • Gewerkschafter durch und durch: Der bald 74-jährige Joachim Fiedler – hier vor dem Zugang der Schweinfurter DGB-Zentrale – nimmt nach 32 Jahren seinen Hut als Versichertenältester.
    Foto: Holger Laschka
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Es war „das schönste Dankeschön, das ich jemals bekommen habe“, sagt Joachim Fiedler über jene Begegnung im letzten Sommer auf dem Georg-Wichtermann-Platz. Eine ältere Dame – er selbst ist ja immerhin auch schon fast 74 – stürmte da auf ihn zu, herzte und drückte ihn kräftig und „sie hat mich auch ein bisschen abgebusselt“. Seine Frau Lisa stand daneben und wunderte sich nur wenig – in nicht ganz so heftiger Ausprägung hatte sie das schon öfter miterlebt. Denn Joachim Fiedler ist seit 32 Jahren „Versichertenältester“, also einer von 33 ehrenamtlichen Beratern der Deutschen Rentenversicherung in Unterfranken.

Der dankbaren Dame hatte er – wie sich herausstellte – vor 17 Jahren bei der Einreichung des Rentenantrags geholfen. Dabei handelt es sich um eine reichlich bürokratische Tätigkeit, die nicht jedem leicht von der Hand geht und die richtig Geld kosten kann, wenn man sie falsch macht. Tausende solcher Anträge hat der gelernte Postsekretär und Vollblutgewerkschafter im Laufe der Jahre mit gefertigt, bis heute hält er dreimal pro Woche Sprechstunde für Ratsuchende. Damit aber ist zum Jahresende Schluss. Denn der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der ihn 1979 in das Amt entsandte, sah die zeit für einen „Generationenwechsel“ gekommen.

Ab 1. Januar wird Joachim Fiedler also „eine junge Kollegin“ einarbeiten und ihr erklären, worauf es ankommt. Auf den Versicherungsverlauf beispielsweise, in dem detailliert die rentenrelevanten Zeiten des Berufslebens aufgeführt sind – oder auch nicht. „Häufig werden Ausbildungszeiten vergessen“, sagt der Experte, „da fehlen dann 36 Monate, die mit 75 Prozent des Durchschnittsverdienstes bewertet würden.“ Einen „schönen Batzen Geld“, könne sich derjenige sichern, der seine Ausbildungszeiten nachweisen und die Rentenansprüche so hochschrauben kann. Ähnlich verhalte es sich mit Krankheitszeiten in Folge von Schwerbehinderung – diese würden sogar zu 100 Prozent angerechnet. Und dann gebe es noch die vielen Fälle allein erziehender Mütter, deren Kindererziehungszeiten nicht mit zur Berechnung herangezogen würden.

Kurzum: Wer sich auskennt im Rentenrecht, kann seine Ansprüche besser durchsetzen. Joachim Fiedler kennt sich aus und sein Ruf hat ihm auch schon „Kunden“ aus der Ferne beschert, wie jenen Münchner Ingenieur, dem der gebürtige Schlesier kürzlich den Rentenantrag fertigte und der „auf Empfehlung“ in die Sprechstunde beim DGB kam. Doch nicht nur bei der Rente hilft der kleine, lebhafte Mann, sondern auch bei vielen anderen sozialstaatlichen Fragen, „weil die meisten ja gar nicht wissen, was sie tun sollen.“ Auf dem Schweinfurter Sozialamt ist er deshalb ein nicht allzu gerne gesehener Gast, „wir haben immer wieder mal Zoff“. Bei der Durchsetzung der mit seiner Hilfe erstellten Unterstützungsanträge (meist von jungen Müttern) sei – so Fiedler – gelegentlich auch der Hinweis auf seine Tätigkeit als Stadtrat von Nutzen.

Im Mai 2008 wurde er von den Bürgern für die Linken in das Kommunalparlament gewählt; 43 Jahre lang war er bei der SPD, aber aus Enttäuschung über Gerhard Schröders Agenda-Politik wechselte er zwar nicht die Farben, aber doch die Parteizugehörigkeit. In Schweinfurt lag dies nahe, weil Gewerkschafter im Sog des langjährigen IG-Metall-Bevollmächtigten Klaus Ernst und des DGB-Regionsvorsitzenden Frank Firsching, die Beide Karriere mit und bei den Linken machten, dort vermehrt ihre politische Heimat fanden. Sein Herz schlägt ohnedies schon seit fast 60 Jahren links.

Damals – 1952 – kam er nach Schweinfurt, um eine Ausbildung zum „Jungpostboten“ anzutreten. Fünf Jahre später war er jüngster Personalrat bei der Deutschen Post, wo er sich inzwischen zum Sekretär hatte weiterbilden lassen. 1979 „krachte“ es zwischen ihm und seinem Arbeitgeber, als er sich dagegen stemmte, dass fünf Kolleginnen binnen 24 Stunden dreimal zum Dienst eingeteilt wurden; einer Strafversetzung entging er durch das vorzeitige Ausscheiden und heuerte als Arbeiter „beim Kufi“ an, wurde nach sechs Wochen wieder zum Betriebsrat gekürt, was seine Frau zu der trockenen Bemerkung veranlasste: „Du lernst auch nix mehr...“

Ganz stimmte das freilich nicht, denn zumindest in Renten- und Sozialfragen hat Fiedler über die Jahre mehr gelernt, als die meisten anderen und vielen betroffenen geholfen. Auch wenn damit jetzt Schluss ist, bleibt seine Kompetenz gefragt, etwa im Beirat der AOK Direktion Schweinfurt, dem er noch als stellvertretender DGB-Versichertenvertreter angehört und wo er auch nach den nächsten Sozialwahlen gerne vertreten bliebe. Denn ganz ohne ehrenamtliches Engagement im Dienste der (benachteiligten) Menschen – das kann und mag sich der vierfache Familienvater trotz gesundheitlicher Probleme – er leidet seit vielen Jahren an Diabetes – weiß Gott nicht vorstellen.

Von unserem Mitarbeiter

Holger Laschka

    
    

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