aktualisiert: 27.04.2009 18:25 Uhr
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Kunst nach 1945: Hereinspaziert
Kunst nach 1945: „Diskurse“ in der Kunsthalle
Ein Knaller zum Einstieg, ein starker Ausstieg und dazwischen vieles, das es neu zu sehen gilt, über das sich nachzudenken und vielleicht auch zu streiten lohnt: Hereinspaziert in die neue Galerie für zeitgenössische Kunst, die Generalprobe kann beginnen. Vom 7. bis 10. Mai ist die Dauerpräsentation der Museen und Galerien unter dem Titel „Diskurse“ schon einmal zu sehen, bevor die Kunsthalle am 28. Mai offiziell eröffnet wird. Es ist zu erwarten, dass Schweinfurt und die Kunstszene genau hinschauen werden, wie die Kuratoren Erich Schneider und Andrea Brandl die Herausforderung der neuen Räume bewältigt haben.
Jedenfalls wollten sie mit der Galerie Alte Reichsvogtei auch die alten „Positionen“ verlassen (so der bisherige Titel) und sich explizit auf „Diskurse“ einlassen. Um es vorwegzunehmen: Die Hängung ist sehr dicht, stellenweise vielleicht ein wenig zu dicht, aber auch das kann im positiven Fall ja Diskussionen hervorrufen, die die Kunst mehr braucht als reine Zustimmung. Das beginnt schon im Auftaktraum, wenn der Besucher vom Foyer nach links geht, wie einst der Badegast.
Der eingangs flapsig genannte „Knaller“ ist die Nähe zwischen Rupprecht Geigers „Geist und Materie 1“, diesem unglaublichen roten Kreis, mit der Metallkugel „Egoist“ von Angelika Summa, der reine Materie zu sein scheint. Dazu ein Meistermann, kosmische Elemente von Oskar Koller und blaue Strömungen von Sigrid Kopfermann. Alles Farbe und Form. Das würde den Raum füllen, aber Schneider und Brandl setzen bewusst „gegenständliche“ Kontraste, was sich durch alle Räume hinzieht: den „Landschaftswagen III“ von Richard Mühlemeier und ein Gemälde von Hans Otto Baumann.
Die Ausstellung könnte auch „das Bild vom Menschen“ überschrieben sein, das sich Maler und Bildhauer zu verschiedenen Zeiten gemacht haben. Was hat die kleine Bronze „Mädchen mit Hut“ von Josef Felkl aus Stadtlauringen zu tun mit HP Zimmers expressivem, fast aggressivem „Tanz der Moorsoldaten um das Schweinefleisch“? Was Wilhelm Kohlhoffs apokalyptisch gefärbtes „Liebespaar“ von 1915 mit Fritz Schaefflers „Spaziergang III“ von 1919?
Oder Herbert Nauderer. Voller Bewunderung für Rembrandt sucht er die Auseinandersetzung mit sich selbst und in dieser Ausstellung nun mit Gustav Wölkls heiligem Antonius und Lothar Fischers knieendem weiblichen Torso von 1983. Der steht fürs Fischers Credo „nicht nach der Natur, sondern analog zu ihr“, mit der sich der junge Bildhauer von der damals herrschenden Ungegenständlichkeit abwandte. Damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Thema, dem Informel, der lange Zeit dominierenden Kunstform nach 1945.
Die Museen und Galerien haben sich intensiv mit wichtigen Vertretern beschäftigt, vor allem auch mit jenen, die um neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gerungen haben. Emil Schumacher gehört dazu, der freilich eher auf der Soll-Liste steht, Günther Dollhopf, Heinz Altschäffel, Matschinsky-Denninghoff, und vor allem der aus Schweinfurt stammende Maler Helmut Pfeuffer. Der hat eine eigene kleine Ausstellung innerhalb der Dauerpräsentation, acht großformatige, kraftvolle Gemälde von Landschaften und Menschenbildern. Für den anfangs in der Mitte des Raums aufgestellten „Stuhlkreis“ von Inge Mahn wird ein neuer Platz gesucht, auch manches Bild aus den ersten Tagen der Hängung wird bei der Eröffnung vielleicht nicht mehr dabei sein. Auch dieser „Diskurs“ gehört zum Konzept.
Manche Gegenüberstellungen erschließen sich nicht beim ersten Besuch, da braucht es mehr Zeit oder das Wissen um kunstgeschichtliche Zusammenhänge. Andere erschließen sich auf den ersten Blick, wie jenes Kabinett, in dem der Krieg und seine Folgen thematisiert sind: Gunter Ullrichs Farblinolschnitt von 1964„Würzburg am 17. März 1945“ neben „Nine/Eleven“ von Ernst J. Herlet (2001) und der beeindruckenden Installation von Jürgen Brodwolf „Geschichtsspeicher Schweinfurt“ mit Aufnahmen des zerstörten Schweinfurt, erweitert um eine mumienartige Figur. Dazu Michael Morgners „Bedrängter Mensch“, Prägedrucke, deren Wirkung besonders stark ist, weil sie ohne Glas präsentiert werden. Auch das macht den Reiz der Ausstellung aus: Der Besucher darf nahe dran, kann Skulpturen und Gemälde im direkten Vergleich studieren.
Und er kann vielen Themen nachspüren: den Folgen des Zweiten Weltkriegs, dem „Putsch“ von Künstlergruppen, der Deutschen Einheit, der Sozialen Plastik. Die Ausstellung endet stark, wie sie begonnen hat, mit der Haar-Zeichnung „Nach dem Bade“ von Bettina Bätz im unmittelbaren Dialog mit anderen nackten Frauen: der zurückhaltenden „Stehenden“ von Peter Collien, einem Akt von Veit Relin und der kräftigen „Weiblichen Figur“ aus Sandstein von Ludwig G. Schrieber. Bei geöffneter Türe gesellt sich der blaue Nichtschwimmer dazu, die Lichtinstallation von Chris Nägele im Treppenraum. Damit wären wir beim Wasser, auch das ein Unterthema mit vielen Beispielen von der Wandinstallation im typischen Norbert-Kleinlein-Blau bis zu Willi Weiners poetischer Stahlskulptur „See auf der Insel eines Sees“ und Otto Ritschls „Komposition“.
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