publiziert: 25.09.2011 18:33 Uhr
aktualisiert: 25.09.2011 18:53 Uhr
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Mahnung für kommende Generationen

Gedenk-Ort und Lagerweg am Main feierlich übergeben – Eindrucksvolle Lesung am Samstag
  • Übergabefeier: Die Musiker (von links) Anton Mangold, Klaus Neubert und Sängerin Catrinel Berindei trugen maßgeblich zum Gelingen bei. Besonders ihr Medley mit den Hymnen der Länder Ukraine, Polen, Italien, Frankreich und Belgien beeindruckte die über 300 Zuhörer.
    Fotos: Hannes Helferich/Waltraud Fuchs-Mauder
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Der von der Schweinfurter „Initiative gegen das Vergessen“ initiierte Gedenk-Ort für die über 10 000 auch in Schweinfurt zwischen 1940 und 1945 zur Arbeit gezwungenen Menschen aus ganz Europa ist seit Sonntag öffentlich zugänglich. Das Konzept stammt vom niederländischen Künstler herman de vries, der wegen einer Erkrankung an der Übergabe in Oberndorf nicht mitwirken konnte. Dekan Oliver Bruckmann und sein katholischer Amtsbruder Rainer Fries segneten den Gedenk-Ort. Sie wünschten, dass „hier an diesem Ort, in Stadt und Land und weltweit Frieden wachsen und bleiben“.

Dem Zeremoniell auf dem Gelände des früheren Barackenlagers Mittlere Weiden – direkt am Mainradweg – wohnten neben zwölf Zeitzeugen und Angehörigen ehemaliger Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener aus der Ukraine, Polen, Italien, Frankreich und Belgien über 300 Zuhörer bei. Darunter Alt-OB Kurt Petzold, viele Stadträte, führende Kirchen- und Gewerkschaftsvertreter, der Generalkonsul der Ukraine, Linken-Chef MdB Klaus Ernst sowie die Europaabgeordneten Anja Weisgerber und Kerstin Westphal. Gerade das Erscheinen letzterer drei Gäste unterstreiche die Bedeutung des Anlasses, sagte Willi Erl.

    
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Gedenkort für Zwangsarbeiter
Schweinfurt
25.09.2011
    

Er führte für die Initiative durchs Zweistundenprogramm. Es freue ihn, dass man sich mit dem lange tabuisierten Thema heute auseinandersetze. Auf Schweinfurt bezogen sei er sogar stolz, weil das Vorhaben „quer durch die Bevölkerung“ unterstützt worden sei und werde. Das Motto für Gedenk-Ort und den zeitgleich übergebenen Lagerweg „Eine Stadt stellt sich der Vergangenheit“ sei zutreffend und sehr zurecht gewählt worden.

Nach einer viel beachteten Rede von OB Sebastian Remelé und Beiträgen der Zeitzeugen aus der Ukraine (siehe Frankenseiten) sprachen stellvertretend für ihre Väter und Großväter einige Angehörige. Über seinen Sohn Carlo drückte der aufgrund seines Alters (97) nicht reisefähige Ex-Militärinternierte Leonard Calossi seine Freude über den Gedenk-Ort aus. „Dieses dauerhafte Symbol erhebt sich als Mahnung für die kommenden Generationen, damit sich derartige verabscheuungswürdige Taten gegen die Menschlichkeit niemals wiederholen.“

Jean Francois Soyez, Enkel des von 1940 bis 1945 zur Arbeit gezwungenen Belgiers Lucien Buissart berichtete, dass der 1983 gestorbene Opa nie über die Zeit habe reden können. Der 37-Jährige riet, über die Freiheit nachzudenken, deren Wert man erst erkenne, wenn man sie verloren habe. Jackie Cottais verkündete ein Zitat seines mittlerweile verstorbenen Schwiegervaters Louis Beilvert, der als französischer Kriegsgefangener in Schweinfurt arbeiten musste: „Wie können Menschen anderen Menschen so was antun?“

Der Historiker des Volkswagenwerks Wolfsburg, Dr. Manfred Grieger beschäftigte sich als Hauptredner mit der „Zwangsarbeit in der Industrie“. Er bedauerte, dass sich die deutschen Nachkriegsgesellschaften der Erinnerung an das Leid der Millionen ausländischer Zwangsarbeiter „allzu lange verschlossen“. Die 1999 von der VW AG eröffnete „Erinnerungsstätte an die Zwangsarbeit auf VW-Gelände“ sei insofern bisher einmalig. Gleichwohl sei das gewählte Motto „Eine Stadt stellt sich der Vergangenheit“ wegen der breiten Unterstützung in Schweinfurt von beispielgebender Bedeutung.

In diesem Sinne meinte auch Dekan Oliver Bruckmann, dass „wir nicht gut machen können“, was den Zwangsarbeitern geschehen sei. „Aber dem Vergessen des Unrechts können wir wehren und den Menschen so ihre Würde zurückgeben.“

Maßgeblich zum Erfolg der beeindruckenden Feier am Sonntag trugen die Musiker Anton Mangold und Klaus Neubert sowie Sängerin Catrinel Berindei mit Liedern von Brecht/Eisler und Degenhardt bei. Vor allem der Auftakt mit einem Medley der fünf Hymnen war außergewöhnlich.

Diese Formulierung trifft auch auf den Begegnungsabend in der Rathausdiele am Samstagabend zu. Vor rund 100 Bürgern aller gesellschaftlicher Bereiche lasen – nach einer Vorstellung der Initiative durch seinen Sprecher Klaus Hofmann – Hans Driesel, Ulrike Cebulla und Karl Bocka aus Briefen von und Interviews mit den Ex-Zwangsarbeitern Leonardo Calossi (Italien), Vitaly Melikow (Ukraine) und seiner Landsfrau Olga Suprun vor, die als 15-Jährige verschleppt wurde und bei Kugelfischer arbeiten musste.

Hauptthema darin war der Hunger, die Entkräftung und die Ungewissheit. Bürgermeister Otto Wirth meinte nach der Veranstaltung, dass sie ihm an die Nieren gegangen sei.

Den Lagerweg lernten die Ex-Zwangsarbeiter und Angehörigen durch ein Quartett der DGB-Jugend (Sebastian Braun, Tina Spath und Eva Wohlfahrt von Bosch-Rexroth) und Björn Wortmann (Jugendsekretär) am Samstag kennen. Die DGB-Jugend will diese „Erinnerungsarbeit“ fortsetzen und die Führung künftig auch Schulen anbieten. Der Jugend begegnen die Gäste aus den fünf Ländern am Montag im Bayernkolleg erneut. Dienstag ist Abreise.


Von unserem Redaktionsmitglied Hannes Helferich
    
    

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