aktualisiert: 06.04.2011 18:53 Uhr
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SCHONUNGEN
Mutige Hebamme stellte sich SA in den Weg
Pogromnacht 1938: Zeitzeuge Rudolf Barthelmes erinnert sich, wie eine jüdische Familie beschützt worden ist
Wer hat während der Judenverfolgung der Nazizeit Schuld auf sich geladen und wer nicht? Wer hat mitgemacht und wer hat weggesehen? Noch 70 Jahre später lösen bei manchen solche Fragen Beklemmung, Kopfschütteln oder schlichte Verdrängung aus. Einer, der die Geschichte nicht vergessen will, ist Rudolf Barthelmes (83). Er erinnert sich als einer der letzten Zeitzeugen in Schonungen an die Pogromnacht von 1938, als die Wohnungen jüdischer Einwohner überfallen worden sind. Und er berichtet von einer mutigen Hebamme, die die Familie von Siegfried Rosenbaum vor Übergriffen beschützt hat. Das erklärt im Übrigen auch, warum Rosenbaums Tafelservice nicht zu Bruch gegangen ist, das Rosemarie Reusch in dritter Generation bis heute aufbewahrt (wir berichteten).
Barthelmes ist im November 1938 elf Jahre alt, als die Ausgrenzung und Diffamierung von Juden ihren ersten schrecklichen Höhepunkt erfährt und landauf, landab Synagogen in Flammen aufgehen und jüdische Wohnungen verwüstet werden. Auch in Schonungen. Allerdings hat er dies nicht selbst gesehen, sagt Barthelmes im Gespräch mit dieser Zeitung, da er mit einem Freund unterwegs gewesen ist.
Erst als er von den Übergriffen hört, schaut er sich das Resultat an: „Da hat ein Haufen Zeug vor der Synagoge gelegen.“ Und Eier aus der Vorratskammer hatten die wildgewordenen Horden auf die Straße geworden. SA-Männer sollen es laut verschiedenen Quellen gewesen sein, zum Teil aus Schweinfurt. Barthelmes lächelt ein wenig gequält: Er weiß von Schonungern, die dabei waren. Einer ist von seinem Vater zur Rede gestellt worden: Unrechtsbewusstsein habe er nicht gezeigt.
Zuhause erfährt der elfjährige Rudolf, was sich bei ihm zugetragen hat. Die Familie Barthelmes hat im Obergeschoss des Hauses in der heutigen Hofheimer Straße 18 gewohnt, Siegfried und Frieda Rosenbaum im Erdgeschoss. Auch dort dringen die Randalierer ein, um ihr zerstörerisches Werk anzugehen. „Sie haben eine Spardose der Rosenbaums aufgebrochen“, erinnert sich Rudolf Barthelmes. Ein paar Pfennige beträgt die magere Beute. Weiter kommen die Eindringlinge aber nicht.
Ihnen stellt sich eine Hebamme in den Weg, von der Barthelmes nur den Nachnamen Karl kennt. Seine Mutter Amalie Barthelmes, damals 32 Jahre alt, ist hochschwanger, bringt vier Wochen später ein Mädchen zur Welt. „Meine Mutter war sehr erregt“, blickt Barthelmes zurück. Die mutige Geburtshelferin macht den Männern deutlich, dass sie keine Aufregung für die Schwangere dulden wird. Tatsächlich: Die Meute zieht unverrichteter Dinge weiter. „Daher ist das Haus verschont worden“, weiß Barthelmes. Und dass es danach eng geworden ist in der Hofheimer Straße 18: Jüdische Schonunger haben nach der Verwüstung ihrer Häuser Zuflucht bei den Rosenbaums gesucht, weil deren Wohnung heil geblieben war.
Heute noch ist Barthelmes erbost über die Ereignisse. Wie kann man andere Menschen hassen „nur wegen des Glaubens“, fragt er sich. Für ihn als Elfjährigen ist es ganz normal, mit dem ein Jahr älteren Kurt, dem Sohn der Rosenbaums, befreundet zu sein: „Wir haben miteinander gebastelt und gespielt wie andere Kinder auch.“
Durch den Einsatz der Hebamme ist auch geklärt, warum jenes Geschirr im Besitz von Rosemarie Reusch unversehrt geblieben ist. Ihrem Großvater hatte Siegfried Rosenbaum das Service zur Aufbewahrung übergeben. „Seine Hoffnung war immer, er kommt zurück“, weiß Barthelmes' Neffe Alfred Simm aus Erzählungen. Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen: Rosenbaum ist deportiert und wahrscheinlich 1942 im Raum Lublin ermordet worden; ein Jahr zuvor war seine Frau Frieda in Würzburg gestorben.
Kurt Rosenbaum dagegen ist die Flucht gelungen: Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Pogromnacht hat er sich im Alter von zwölf Jahren auf den Weg in die USA gemacht – mit einem Koffer in der Hand. „Ich habe gar nicht mitbekommen, als er weggegangen ist“, erinnert sich Barthelmes. In der Neuen Welt nennt sich Kurt Rosenbaum künftig Kenneth Goldsmith und gründet eine Familie. Und er sucht den Kontakt zu Amalie Barthelmes in Schonungen. 1975 kommt es zum ersten von zwei Wiedersehen zwischen ihm und Rudolf Barthelmes. „Ein freundschaftliches Treffen“, wie der Schonunger sagt.
Inzwischen hält Kenneths Goldsmiths Sohn Kurt den Kontakt nach Schonungen; jüngst veranlasst durch die Veröffentlichungen dieser Zeitung. Kurt Goldsmith kennt die Schonunger Ereignisse aus den Erzählungen seines Vaters, auch wenn in dessen Überlieferung von der Familie Barthelmes als mutige Beschützer die Rede ist. „Nein, das war die Hebamme“, sagt Barthelmes. Am Schluss erklärt er seine Motivation, warum er die Geschichte erzählt: „Ich hoffe, dass auch die nächsten Generationen weitermachen – ohne Krieg.“
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christel2 (451 Kommentare) am 07.04.2011 15:11
Eigentlich schade,dass dieser Mann immer noch Angst hat. Warum kann man die Täter von damals nicht nennen? Sie sind doch sicher schon alle tot. Nur weil vielleicht Nachkommen noch im Ort leben? Wir Deutsche müssen mit der Geschichte leben und dazu gehören auch die Täter. Jetzt wäre die letzte Chance, das "sauber" aufzuarbeiten.Andere Nachkommen von Nazis tun das von sich aus. Aber, das wird man in diesem Dorf Schonungen nicht erleben .... werden nicht mal Stolpersteine erlaubt, nur um die Nachkommen, die jetzt darin wohnen, zu schützen! Vor was, bitte??? Was haben die denn damit zu tun? So wie sie sich verhalten, ist das ja ein Schuldeingeständnis!!!! |
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