publiziert: 05.10.2009 17:47 Uhr
aktualisiert: 05.10.2009 17:49 Uhr
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Opfer der Euthanasie sind nicht vergessen

Nazis töteten 381 Wernecker Patienten – Noch nie mehr Teilnehmer bei Gedenkfeier

Erst Anfang der 1990er Jahre haben Recherchen von Mitarbeitern des Psychiatrischen Krankenhauses in Werneck Details über die Ermordung behinderter und, in den Augen der Nationalsozialisten, „lebensunwerter“ Menschen an die Öffentlichkeit gebracht. Seit 1996 erinnert ein von Julian Walter (Vasbühl) geschaffener Gedenkstein im Schlosspark an die Opfer, deren Lebenswege großteils unbekannt sind. Der Gedenkfeier am 3. Oktober 2009 wohnten über 60 Teilnehmer bei. Mehr als je zu vor.

  • Die Gedenkstunde an die Opfer der Euthanasie erlebte mit zirka 60 Teilnehmern eine selten gute Resonanz. Der von Julian Walter geschaffene Gedenkstein steht seit 1996 im Schlosspark Werneck. Klaus Hofmann vom Veranstalter „Pax's an“ spricht gerade zu den Besuchern.
    FOTO Hannes Helferich
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Die Resonanz zeige, dass „die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wach gehalten werden muss“, sagte Klaus Hofmann von der Wernecker Menschenrechtsinitiative „Pax's an“, Veranstalter der Gedenkfeier. Hofmann regte anlässlich des 70. Jahrestages 2010 an, die Ermordung von insgesamt 381 Wernecker Patienten mit einer besonderen Veranstaltung zu würdigen. Bezirk, Marktgemeinde Werneck und der Landkreis Schweinfurt sollten sich beteiligen.

An der Gedenkfeier in diesem Jahr waren alle Gebietskörperschaften vertreten – der Kreis durch stellvertretenden Landrat Paul Heuler, Bezirksrat Jochen Keßler-Rosa (CSU) war gekommen, die stellvertretende Bezirkstagspräsidentin Eva-Maria Linsenbreder (SPD) und Wernecks dritter Bürgermeister Stefan Schäflein sprachen Grußworte.

Den Finger in die Wunde gelegt

Linsenbreder zollte der Menschenrechtsgruppe Respekt, weil sie die Finger in Wunden lege und mit dem Denkmal dafür gesorgt habe, dass die Opfer, viele aus unserer Heimat, „nicht in Vergessenheit geraten“. Schäflein zeigte sich erschüttert, dass überhaupt darüber nachgedacht und „als beste Lösung für alle“ dargestellt worden sei, geistig Behinderte zu töten.

Der Oberarzt der Psychiatrischen Klinik, Dr. Thomas Schmelter, berichtete über die Hintergründe. Schon ab 1934 waren 227 Wernecker Behinderte zwangssterilisiert worden. Es war einer der Radikalisierungsschritte der Nazis zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ für ein „gesünderes Volk“. Bis 1940 wurden in Deutschland nach diesem Sterilisierungsgesetz 400 000 Menschen sterilisiert. Ab 1939 organisierten die Nazis mit der Aktion T 4 von Berlin aus gezielt die skrupellose Ermordung Behinderter. Im Sommer 1940 landeten auch in Werneck Meldebögen, in denen aufzulisten war, wer „lebensunwert“ war, und wer nicht.

Am 19. September 1940 wurden die ersten neun Patienten abtransportiert und ermordet, wenige Tage später erschien der Würzburger Gauleiter Dr. Hellmuth und forderte die Räumung der Anstalt in kürzester Zeit. Man benötige die Gebäude für Übersiedler. Nicht wie versprochen alle Heiminsassen, sondern nur 471 – 62 Prozent – wurden nach Lohr verlegt. Die Namen der anderen standen auf den zeitgleich erstellten Tötungslisten. Die meisten von ihnen wurden zwischen dem 3. und 6. Oktober 1940 vergast. Später wurden weitere nach Lohr verlegte Patienten in Tötungsanstalten ermordet. Von 760 Patienten, die Anfang Oktober 1940 Werneck verlassen mussten, wurden 381, also die Hälfte, Opfer der Euthanasie.

Nur wenig ist über die Opfer, ihre Herkunft bekannt. Eine der wenigen Ausnahmen ist ein Patient, der aus Würzburg stammte. Schmelter berichtete, dass ein Enkel zur Erinnerung an den Angehörigen einen Stolperstein befürwortete. Weil andere Familienmitglieder das ablehnten, gibt es diesen Stolperstein nicht.

An die Opfer heute und künftig zu erinnern, bezeichnete Schmelter als wichtig. Zum einen, um aufkeimenden Rechtsradikalismus abzuwehren. Zum anderen wegen der selbst von namhaften Professoren geführten Diskussion über die Frage des Lebensrechts Schwerbehinderter und Schwererkrankter. „Bei der Suche nach einem würdevollen Umgang mit dem Leben können wir die Erinnerung an die Opfer und dieses Mahnmal gut gebrauchen“, schreibt Schmelter dazu in einer von der Menschenrechtsinitiative angebotenen Broschüre.

Nach einer Schweigeminute legten viele Besucher Blumen am Gedenkstein nieder. Hofmann appellierte, die Botschaft der Veranstaltung vor allem an junge Menschen weiterzugeben, damit das Gedenken „nicht verhallt“. Musikalisch begleiteten die Saxofonisten Hans Uebler, Gerhard Russ und Norbert Müller die Feier.

Von unserem Redaktionsmitglied hannes Helferich
    
    

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