publiziert: 01.12.2010 14:10 Uhr
aktualisiert: 02.12.2010 12:00 Uhr
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Pfiffe für Aufruf, Geschichte aufzuarbeiten

Schonunger Bürgerversammlung mit Reizthemen Stolpersteine und Resolution zur Kernkraft
  • Stolperstein: Auslöser einer hitzigen Debatte über den Umgang mit der Geschichte.
    Foto: Siegfried Farkas
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(mjs) „Es muss möglich sein herauszufinden, wer in der Pogromnacht die Thorarolle aus der Synagoge . . .“ Weiter kam der Mainberger Historiker Thomas Horling bei der Bürgerversammlung am Montagabend nicht. Sein Aufruf, die Geschichte der Nazi-Zeit in Schonungen aufzuarbeiten, ging in Pfiffen und „Aufhören“-Rufen unter. Die Historie von 1933 bis 1945 gehörte in der Versammlung ebenso zu den Reizthemen wie die im Gemeinderat nicht behandelte Resolution zur Laufzeitverlängerung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld.

Wolfgang Kuhn hatte wenige Tage nach dem ARD-Bericht über das gescheiterte Stolperstein-Projekt das Thema angeschnitten: Warum der Gemeinderat über die Verlegung der so genannten Stolpersteine, die in Erinnerung an im Holocaust ermordete Juden vor den letzten Wohnhäusern verlegt werden sollen, nicht öffentlich beraten hat. Bürgermeister Kilian Hartmann sagte, dass man zwischen öffentlichem Interesse und dem Datenschutz der heutigen Eigentümer der Häuser abzuwägen hatte; letzterem sei der Vorrang eingeräumt worden. Hartmann betonte, dass man an der Gedenkstätte gegenüber der ehemaligen Synagoge namentlich an die ehemaligen jüdischen Einwohner erinnern wolle.

In seinem couragierten Beitrag, den er erst nach Intervention Hartmanns zu Ende bringen konnte, forderte Horling eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Geschichte jenseits der Sonntagsreden. „Die Täter hatten ein Gesicht – auch in Schonungen.“ Es könne nicht angehen, dass Täter und Profiteure bis heute geschützt würden. Wer nachfrage, könne feststellen, dass es in jeder Familie Personen gegeben habe, die beteiligt gewesen sind.

Erst wenn man herausfinden wolle, wer in Schonungen Mitglied der SS gewesen ist und wer die Thorarollen aus der Synagoge geholt hat, mache man ernst mit der Auseinandersetzung mit der Geschichte, sagte Horling.

Ein anderer Redner machte deutlich, dass die Themen Juden und Kernkraft „nicht hierher“ gehörten. Das sah Magnus Lux anders: Er kritisierte, dass sich der Gemeinderat wegen angeblicher Nichtzuständigkeit nicht mit der Resolution gegen die Laufzeitverlängerung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld beschäftigt hat. Er zitierte aus Urteilen des Bundesverwaltungs- und des Bundesverfassungsgerichts, wonach sich Gemeinderäte mit spezifischen Themen befassen könnten, wenn ein Bezug zur Gemeinde hergestellt sei.

Bürgermeister Hartmann erläuterte, dass der Antrag auf Resolution zum zweiten Mal eingebracht worden sei, weswegen man sich im Landratsamt informiert habe, wie damit umzugehen ist. Dann sei der Geschäftsordnungsantrag gestellt und mehrheitlich befürwortet worden, über den Antrag nicht zu beraten. Unter Verweis auf die Rechtsprechung sagte Lux, dass die Auskunft der Behörde falsch und „damit ungesetzlich“ gewesen sei.

Hartmann hatte in seiner Auftaktrede davon gesprochen, dass er angesichts dieses Themas in Leserbriefen persönlich angegriffen worden sei, wo doch die Amtsperson des Bürgermeisters gemeint sei. Inhaltlich bezog er deutliche Position zum Thema Kernkraft: Er nannte es „unverantwortlich“, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern, ohne ein Endlager für den Atommüll vorzuhalten. Für ihn sei es schlimm, so der Bürgermeister weiter, erstmals in seiner Amtszeit anders handeln zu müssen als er persönlich denke. Auch im Kreistag hat Hartmann am Montag dafür gestimmt, einen Grünen-Antrag zu den Kernkraft-Resolutionen nicht zu behandeln.

    
    

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»Alle 21 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

christel2 (451 Kommentare) am 04.12.2010 18:42

an Gipsy 45

... ja natürlich, dafür sind Sie genauso gedacht. Es gibt aber in Unterfranken einen Fall, da wollen das die Nachkommen nicht. Mein Gott, ich verstehe das nicht, ich wäre stolz...
(0)
Gipsy45 (79 Kommentare) am 04.12.2010 16:48

Stolpersteine...

... müssten gerechterweise auch für die Euthanasieopfer, für ermordete Zeugen Jehovas, für ermordete Sinti und Roma (falls diese einen festen Wohnsitz hatten) für ermordete politisch Andersdenkene gelegt werden.
"Deutschland ist ein schwieriges Vaterland". Leider hat Gustav Heinemann mit dieser Erkenntnis Recht.
(0)
wolf68 (2 Kommentare) am 04.12.2010 08:28

Nicht ablenken - Farbe bekennen

An fly2sky,
bitte Farbe bekennen und nicht vom ursprunglichen Thema ablenken:
Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit, insbesondere dem Holocaust, um?
'Stolpersteine' ja/nein - 'nur Erinnerung zu wenig' ja/nein - 'Geschäftemacherei' ja/nein
Wenn das Leben, die Geschichte einfach wäre, gäbe es nur 8 Einstellungen: Von "Ich bin gegen alles" bis "Ich stimme allem zu" mit den unterschiedlichsten Beweggründen.
Ich bin für die Stolpersteine, auch vor den ehemaligen Wohnstätten. Es gab bestimmt auch ermordete Deutsche, jüdischen Glaubens oder denen man eine jüdische Abstammung "nachgewiesen" hat, die zur Miete gewohnt haben.
Im Namen Deutschlands wurden sie ausgelöscht. Sie haben ein Menschenrecht darauf, dass zumindest ihre Identität bezeugt und ihre Ehre wiederhergestellt wird.
Es wird dadurch niemand an den Pranger gestellt. Den Pranger errichten jene, die
Geschehnisse leugnen und die Geschichte verfälschen wollen.
Wenn es keine Leugner mehr gibt, ist die Vergangenheit bewältigt und kein Thema mehr. Wäre ich froh.
(0)
christel2 (451 Kommentare) am 03.12.2010 23:04

Lieber anap,

ich muß leider bestätigen, daß das gang und gebe war in den Städten und Dörfern. Das wurde auch alles schön aufgeschrieben und dann vieles nach dem Krieg vernichtet, für manche Dörfer kann man eben noch lesen, wer was für wieviel ersteigert hat. Fragen Sie doch mal ältere Leute, dann heißt es, das ist "der Judenstuhl, das Judenmöbel, der Judensessel, der Judenleuchter ...", ja das ist die Wahrheit
(0)
anap (499 Kommentare) am 03.12.2010 19:39

wer die Gnade der "späten Geburt" hat,

wird kaum nachempfinden können, was vor 1945 los war. Das ganze Grauen wird sich uns kaum erschließen. Die Angst auch heute noch in "schiefes Licht" zu geraten sitzt tief ... "was sagen da die Leut ???!" Aber es hilft nichts. Der NS war eine Massenbewegung und selbst der Schweigende hat zugestimmt, das müßten wir uns halt eingestehen ohne dass dies zur Waffe gegen den anderen wird. Freilich bin ich mir nicht so im klaren, ob unser Staat die moralische Kompetenz hat, dies voranzubringen. Die Rede des Bundespräsidenten in Israel ist das eine, die Frage, wer war in unseren Dörfern bei der NSDAP oder SA oder SS ist das andere. Doch die Wahrheit des einen muss durch die Klarheit des anderen erhellt werden. Die Wahrheit wird noch lange weh tuen, aber sie muss gesagt werden. Persönlich erschüttert hat mich ein Bild aus der MP vor einiger Zeit und in der Annahme, dass es stimmte: "Versteigerung von jüdischer Habe nach Abtransport der Juden aufgenommen in einem fränkischen Dorf..." - zu sehen waren viele Menschen. Ob wir alle einmal darüber nachdenken könnten, dass unsere Taten in der Zukunft eine Bewertung erfahren und dass wir alle immer nur sagen können: "Wir sind nur arme Knechte und haben nichts als unsere Schuldigkeit getan?" - und dennoch sind wir anderen Menschen so viel schuldig geblieben.
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