publiziert: 21.12.2009 18:47 Uhr
aktualisiert: 21.12.2009 19:03 Uhr
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Retter zu Wasser und zu Land

Edgar, Dost und der Engel der Gekenterten

Erinnern Sie sich an die kitschigen Bilder, die früher im Schlafzimmer über dem Bett hingen? Ein wunderschöner Schutzengel hilft zwei Wanderern (oder zwei Kindern) über einen schmalen Steg. Die Wanderer könnten wir sein, mein Freund Edgar und ich: zwei typische Flachlandtiroler – er Westfale, ich Fränkin – mit ausgeprägter Vorliebe für die Berge, aber ohne nennenswerten Orientierungssinn. Erschwerend kommt Edgars Abneigung hinzu, den gleichen Weg zurückzugehen, den wir hinauf gegangen ist. So war es auch vor fünf Jahren bei einer Tour im Raum Garmisch. Die Sonne schien, wir zwei und Dost, unser Hund, wanderten über herrliche Almwiesen und schmale Pfade und waren uns ganz sicher, auf dem richtigen Heimweg zu sein.

Langsam wurde es dunkel, der Wald dichter, von unserem Auto keine Spur. Um es kurz zu machen: Das Dorf, in das wir schließlich kamen, lag genau auf der anderen Seite des Berges, rund 20 Kilometer von unserem Auto entfernt. Ein Bus fuhr nicht mehr, Taxis gab es nicht. Ermattet setzten wir uns in das einzige Lokal, wollten schon nach einem Zimmer fragen, als unser Blick auf ein älteres Ehepaar am Nachbartisch fiel, das sehr freundlich wirkte und vielleicht ein klein wenig gelangweilt. Wir schilderten unsere Notlage. Da holte Vati, ohne zu zögern, seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche, Mutti nickte, und die beiden fuhren uns in ihrem nagelneuen Mercedes zurück. Dost durfte trotz dreckiger Pfoten im Kofferraum mitfahren.

Im Jahr darauf unternahmen wir eine Kanutour die Ammer hinunter. Wir hatten viel Glück. Glücklicherweise trugen wir Neoprenanzüge. Das Wasser der Ammer im Herbst ist sehr kalt. Glücklicherweise verstaute ich vor der Abfahrt den Autoschlüssel in einem wasserdichten Behälter, den ich um meinen Hals hängte und unter den Neopren schob. Glücklicherweise ließen wir Dost diesmal zu Hause. Glücklicherweise hauten wir uns die Köpfe nicht am Felsen an, als wir das erste Mal und auch nicht als wir das zweite Mal kenterten.

Beim zweiten Mal verloren wir allerdings unser Boot. Da standen wir nun wie die begossenen Pudel. Kein Boot, kein Mensch in der Nähe und das Auto mit den trockenen Klamotten kilometerweit weg. Während Edgar am Fluss entlanglaufen wollte, um unser Boot zu suchen, wollte ich Richtung Parkplatz laufen, in der Hoffnung, unterwegs jemand zu finden, der mich zum Auto fahren würde. Ich trabte also los – im nassen Neoprenanzug, in der Hand das Paddel, das ich gerettet hatte.

Nach sechs oder sieben Kilometern war ich völlig erschöpft und trotz der Anstrengung durchgefroren. Plötzlich sah ich ein kleines Häuschen am Waldrand und davor ein Auto. Ohne zu zögern klingelte ich. Ein Mann öffnete, sah mich nur kurz an, murmelte etwas wie „gekentert“, drehte sich um und kam eine Minute später mit einer Decke, die er mir um die Schultern legte und seinem Autoschlüssel zurück. Unterwegs erzählte er mir, dass er jedes Jahr mindestens drei- oder viermal Leute zu ihrem Auto fährt, die ins Wasser gefallen sind. Der Engel der Gekenterten. Übrigens: Wir hatten wirklich Glück. Als ich mit dem Auto den Weg zurückfuhr, fand ich Edgar und unser Kanu wohlbehalten.

Von Katharina Winterhalter
    
    

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