aktualisiert: 28.05.2009 11:23 Uhr
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Spielzeug mit allem Komfort
Reisemobile
Mit Camping hat das nichts zu tun: Reisemobile sind fahrende Hightech- Appartements. Derzeit hält der Europäische Dachverband EMHC sein Jahrestreffen in Schweinfurt ab.
Den Laien erkennt man daran, dass er „Wohnmobil“ sagt. Der Profi sagt „Reisemobil“. Der Laie stellt sich vermutlich manches ganz falsch vor. Reisemobil-Reisen hat mit Camping nichts zu tun. Zumindest nicht für die Mitglieder des EMHC, des Euro Motorhome Club, der noch bis Montag sein Jahrestreffen in Schweinfurt abhält. In Ermangelung eines regulären Reisemobil-Stellplatzes hat die Stadt den Parkplatz der Stadthalle und einen Teil des Spitalseeplatzes gesperrt für die bis zu zwölf Meter langen Ungetüme aus ganz Deutschland. Sie tragen klangvolle Namen wie „Phoenix“, „Carthago“ oder „Monaco“ – wobei in Monaco wohl kaum Platz sein dürfte für die größeren der Gefährte, die bis zu 15 Tonnen wiegen und von über 400 PS bewegt werden. 200 000 Euro kosten die günstigen Modelle, wer will, wird aber auch 800 000 Euro los und bekommt dafür ein fahrendes Hightech-Appartement mit allem Schnickschnack inklusive Sauna.
Der Röthleiner Gerhard Reisch, im EMHC zuständig für Reisen und Messen, hat das Treffen organisiert – ganz bewusst auch, um der Stadt zu zeigen, welches touristische Potenzial die Reisemobilisten darstellen: „Die lassen schon Geld in einer Stadt“, sagt er. Den Spitalseeplatz könnte er sich gut als Reisemobil-Stellplatz vorstellen. Man brauche schließlich weiter nichts als Frischwasser, Strom und die Möglichkeit, Abwasser und Fäkalien zu entsorgen. Mit dem Thema kennt sich Reisch, 71, im übrigen aus, seine Firma Freizeit-Reisch, seit ein paar Jahren geführt von seinem Sohn, ist bundesweit Marktführer mit patentierten Ver- und Entsorgungs-Stationen für Reisemobile.
600 solcher Stationen stehen in ganz Deutschland, auch in Dettelbach, Volkach oder Obereisenheim. Ansonsten aber ist der Main Reisemobil-Diaspora. „Alles fährt immer an die Mosel, aber kaum jemand an den Main“, sagt Reisch. Was eben auch daran liege, dass es hier kaum Stellplätze gibt.
Anstatt Sizilien, Finnland oder Marokko ist dieser Tage also Schweinfurt das Ziel. Während sich ein chromblitzendes Reisemobil nach dem anderen in seine Lücke schiebt, haben sich schon Grüppchen zusammengefunden, die Wiedersehen feiern. Man kennt sich. Anders als der Camper scheint der Reisemobilist keinen gesteigerten Wert auf Abstand zum Nachbarn zu legen. „Solange ich noch durch die Tür komme, geht das klar“, sagt Lilo Schlott aus Frankfurt, als Reisch einen Neuankömmling anweist, ganz nah an ihren Wagen zurückzustoßen. Der Platz ist knapp, 40 „Autos“, wie die Reisemobilisten ihre Gefährte verniedlichend nennen, müssen untergebracht werden.
Die meisten Mitglieder des EMHC sind Selbständige im Ruhestand, sagt Reisch. Die haben Zeit und Geld. Lilo Schlott und ihr Mann Willy etwa hatten ein Tanzlokal. Ihr Mobil – eine Sonderanfertigung – ist mit acht Metern eines der kleineren. „Wir wollen damit auch durch enge Gassen kommen“, sagt Willy Schlott. Platz für zwei Doppelbetten („Wir schlafen getrennt, mein Mann schnarcht“) und Essecke ist trotzdem. Und für zwei Garagen für Fahrräder und Vespa-Roller, einen 300-Liter-Wassertank, 500 Liter Abwasser und Fäkalien, zwei Heizungen, Satelliten-Fernseher, Stereoanlage, Dusche, WC und Küche mit Ceranfeld sowieso.
Die Schlotts verstehen sich als typische EMHCler: „Wir sind gediegener und legen Wert auf Stil.“ Anders als die Mitglieder der RU, der Reisemobil-Union, dem zweiten Verband in Deutschland. Die RU, das sind die Camper, sagen die EMHCler. Im Trainingsanzug jedenfalls wird man die Schlotts wohl nicht sehen. „Wir haben immer einen Smoking und ein Abendkleid dabei“, sagt Willy Schlott, und macht eine Schranktür auf. Dahinter, akkurat auf Bügeln, nicht etwa praktische Freizeitkleidung, sondern feiner Zwirn.
Die Demuths kommen gerade aus Marokko, wo sie vier Monate verbracht haben. Allerdings nicht als Touristen: „Wir haben dort vor 20 Jahren ein Waisenhaus aufgebaut, das jetzt vom örtlichen Lions-Club betreut wird. Da arbeiten wir immer noch mit.“
Am Spitalseeplatz stehen die richtig großen Brummer. Dreiachser mit Zwillingsreifen hinten und seitlich ausfahrbaren Teilen – Slide-Outs genannt, nach dem amerikanischen Vorbild. Das bringt innen noch mehr Platz. Hausherrin eines solchen Wohnlasters ist Elke Dittman. Auf die Frage, ob man zur Besichtigung denn die Schuhe ausziehen solle, antwortet sie: „Um Himmels willen, wir haben Steinboden.“ Steinboden ist selbst für Reisemobilisten keine Selbstverständlichkeit, aber Dittmanns haben einen Beton- und Werkstein-Betrieb, da war es naheliegend, dass Werner Dittmann den Marmor-Boden selbst verlegte. Und die Sprit-Kosten? „Das geht halt vom Erbe ab, wir haben keine Kinder, da spielt das keine Rolle“, sagt Elke Dittmann.
Ihr Rockwood Classic Royal lässt nun wirklich keine Wünsche offen. Auf dem Dach Solar-Paneele, mit denen das Mobil drei Tage ohne Strom von außen auskommt. Schließlich gilt es – unterstützt von Gas – Spülmaschine, Backofen, Espressomaschine, Tiefkühltruhe, eine Dampfsauna und einiges mehr zu betreiben. Abschüssigen Boden gleicht die Luftfederung aus, und wenn der Stellplatz außerhalb der Stadt ist, geht einfach hinten die Klappe auf, und der Smart fährt aus der Garage.
Es scheint, als liege ein spezieller Reiz des Reisemobilismus in der besonders opulenten Ausstattung der Fahrzeuge. Als gelte es zu beweisen, dass man jeglichen Komfort – vielleicht außer einem Hallenbad – auf vier (oder eben sechs) Rädern installieren kann. Oder, wie ein Teilnehmer des Jahrestreffens seufzt: „Ach ja, das sind schon Spielzeuge. . .“
EMHC–Jahrestreffen
Noch bis Montag findet das Jahrestreffen des EMHC – Euro Motorhome Club in Schweinfurt statt. Auf dem Programm stehen Ausflüge, die Jahreshauptversammlung am Samstag und ein Galaabend im Konferenzzentrum am Sonntag.
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