aktualisiert: 12.05.2010 17:47 Uhr
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Stolperstein-Projekt ist gescheitert
In Schonungen wird es keine Gedenksteine geben
Der schwere Umgang mit der eigenen Geschichte zeigt sich beispielhaft in Schonungen. Gedenksteine mit den Namen der jüdischen Einwohner, die Opfer des Holocaust geworden sind, wird es in absehbarer Zeit nicht geben.
Sammy Golde denkt jeden Tag an den Holocaust. Auch wenn er selbst die Zeit der Judenverfolgung nicht erlebt hat: Der Münchner Geschäftsmann ist ein Nachfahre von Raphael und Zilly Rosenberger, die in Schonungen gelebt haben und in Theresienstadt ermordet worden sind. Als Teil des millionenfachen Genozids, den Deutsche unter nationalsozialistischer Herrschaft in ganz Europa systematisch vollzogen haben. Golde sieht sich und seinen Werdegang stark beeinflusst vom Schicksal seiner Familie. Bis zum heutigen Tag. In Schonungen dagegen ist dies kein öffentliches Thema, und der Umgang damit zeigt, wie schwer wir uns Deutsche auch 65 Jahre nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager durch alliierte Truppen mit dem schwärzesten Kapitel unserer Geschichte tun. Gerade dann, wenn es sich vor der eigenen Haustür abgespielt hat.
Ausgangspunkt ist eine Handteller große Messingplatte: In ihr werden Name und persönliche Daten von Menschen eingraviert, die im Holocaust umgebracht worden sind. Verlegt werden die auf einen Betonwürfel montierten Platten in den Gehwegen vor den jeweiligen Wohnhäusern – als „Stolpersteine“. So sehen es das Konzept und die Geschäftsidee des Kölner Künstlers Gerhard Demnig vor. 95 Euro kostet ein Stein, 22 000 hat er nach eigenen Angaben in Trottoirs in ganz Europa – unter anderem in Bad Kissingen – eingebaut, auch wenn der Zentralrat der Juden zu dieser Form des Mahnens auf Distanz geht.
In Schonungen hat ein Würzburger Privatmann den Stein im November 2008 ins Rollen gebracht, mit Stolpersteinen an die ehemaligen jüdischen Einwohner Schonungens zu erinnern. Vor dem Haus mit der Adresse Hauptstraße 14. Dort lebten Raphael und Zilly Rosenberger, die Urgroßeltern von Sammy Golde. Ihren Werdegang hat er vor neun Jahren für einen aufwühlenden Vortrag in München aufgeschrieben. Seine Großeltern siedelten 1937 angesichts der immer stärker werdenden Schikanen und des drohenden Unheils nach Palästina über. Ihre gebrechlichen Eltern Raphael und Zilly Rosenberger mussten sie zurücklassen. Ein unsagbar schwerer Schritt, den Goldes Großmutter nie verwunden hat. Und letztlich auch seine Mutter nicht, wie er sagt. Sie kam in Israel nicht zurecht und wanderte nach Bayern aus. Der Holocaust hat seine Kindheit und auch sein heutiges Leben schwer belastet, sagt Golde.
Was passierte mit dem Haus? 1939 entzog die Gemeinde den Rosenbergers das Nutzungsrecht; ein Beschluss, dessen offizielle Rücknahme Golde nach wie vor einfordert. Dann kaufte eine Schonunger Familie das Haus. Für 8000 Reichsmark. Golde spricht von „Raub“. Der Grundbucheintrag stammt von 1941; ein Jahr später wird das alte Ehepaar Rosenberger ins KZ verschleppt.
Die direkten Nachfahren des Käufers, den Golde nur „den Arisierer“ nennt, wohnen heute im Haus. Für Sammy Golde hält gerade wegen dieses unter Zwang abgeschlossenen Geschäfts das Unrecht weiterhin an. Er hat dazu einen sehr drastischen Standpunkt: „Die Leute hätten auf ihr Erbe verzichten können.“ Juristisch ist die Angelegenheit dagegen längst zu den Akten gelegt. Zu einer von Rosenbergers Nachkommen verlangten Rückgabe ist es nicht gekommen; 1957 haben sich die Familien nach jahrelangen Auseinandersetzungen auf einen Vergleich geeinigt.
Weiter ins Jahr 2008: Nach dem Stolperstein-Antrag hat die Gemeinde offenbar kein Interesse an einer öffentlichen Diskussion: Die Volksvertreter beraten darüber hinter verschlossenen Türen. „Wir wollten die Hausbesitzer schützen“, sagt Bürgermeister Kilian Hartmann. Und will von sich aus nicht einmal die vier Häuser benennen, um die es geht. Bei einem positiven Abschluss, so versichert er, hätte man das Thema in einer öffentlichen Sitzung behandelt. Einig war man sich im Gremium, nicht nur Steine für Raphael und Zilly Rosenberger, sondern für alle im Jahr 1942 verschleppten und später ermordeten Juden zu verlegen. Vier Häuser, acht Steine. Eine Haltung, die Sammy Golde auf die Palme bringt: „Das stellt für mich eine Fortsetzung einer unseligen autoritären verallgemeinernden Politik dar: alle in einen Topf.“
Doch bei den Recherchen stößt die Gemeinde auf Probleme: Vor dem Eckhaus in der Hofheimer Straße 18 gibt es nur einen schmalen Streifen, der nicht als Gehweg genutzt werden kann, in der angrenzenden Bauerngasse fehlt er komplett. Keine Chance, einen Stolperstein nach Demnigs Vorgaben einzulassen. Das leerstehende Haus in der Kleinen Gasse 1 ist in einem verwahrlosten Zustand. Ein unpassender Ort für Mahnmale, befanden die Gemeindeoberen.
Sie kreierten den Alternativplan, alle acht Stolpersteine gesammelt an einem Ort zu verlegen. „Es waren genug Paten da, den Rest hätte die Gemeinde finanziert“, sagt Hartmann. Doch Künstler Demnig, der sich die Verhältnisse vor Ort nicht anschauen mochte, hielt an seinem Konzept fest, dass die Steine nur vor den betreffenden Häusern eingebaut werden dürfen. Damit war das Projekt im vergangenen September gescheitert. „Wir bedauern das sehr. Wir haben uns alle Mühe gegeben“, sagt Hartmann; an der Bereitschaft der Gemeinde habe es nie gefehlt. Nun nahm Golde einen Anlauf und stellte selbst einen Antrag für seine Urgroßeltern Raphael und Zilly Rosenberger. Die Gemeinde bleibt aber bei ihrem Vorhaben: entweder Steine für alle oder für keinen.
Letztlich, so sagen auch Ratsmitglieder hinter vorgehaltener Hand, geht es aber wohl darum, die heutigen Eigentümer nicht tagtäglich über ihre Familiengeschichte stolpern zu lassen. Zwei von ihnen sind der Redaktion namentlich bekannt. Beim Versuch der Kontaktaufnahme ist kein großes Interesse an dem Thema erkennbar, einer legt den Telefonhörer unvermittelt auf.
Bürgermeister Hartmann signalisiert, sich zu einem späteren Zeitpunkt des Themas nochmal annehmen zu wollen. Vielleicht gibt es eine Gedenktafel für die acht Opfer. So bleibt es aber zunächst bei den dürftigen Erinnerungen an das Leben der jüdischen Bevölkerung, die bei einem Rundgang durch die Gemeinde zu erspähen sind: 2002 ist in der Bachstraße ein Mahnmal für die jüdischen Bürger aufgestellt worden. Warum darauf keine Namen stehen, kann Bürgermeister Kilian Hartmann im Nachhinein nicht sagen. Nicht einmal am Gebäude der gegenüberliegenden Synagoge erinnert eine Tafel an seine frühere Funktion.
Und auch das bislang einzige Werk über die Ortsgeschichte, das Pfarrer Josef Ryba 1966 verfasst hat, verwendet magere zweieinhalb Seiten für die jüdische Gemeinde. Typisch für heimatgeschichtliche Bücher dieser Zeit. Über den Holocaust liest man einen einzigen lapidaren Satz auf Seite 114: „Die Kristallnacht 1938 machte auch der Schonunger Judengemeinde ein Ende.“ Der Verladung der Kirchenglocken, die als kriegswichtiger Rohstoff eingeschmolzen worden sind, räumt der Autor deutlich mehr Platz ein.
Immerhin listet er die Adressen der jüdischen Einwohner auf, die 1937 im Ort gelebt haben. In der Hauptstraße 14 Rosenberger I. Die Urgroßeltern von Sammy Golde, der tagtäglich an ihr Schicksal denkt und seines damit eng verwoben sieht. Geschichte ist für ihn Gegenwart.
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hw (20 Kommentare) am 19.05.2010 09:56
Beschämendes Verhalten„Wir haben uns alle Mühe gegeben. An der Bereitschaft der Gemeinde hat es nie gefehlt.“ So wird Bürgermeister Hartmann zum Anliegen von Sammy Golde zitiert, der vor dem Haus seiner von den Nazis ermordeten Urgroßeltern aus Schonungen einen Pflasterstein angebracht haben wollte, auf dem die Daten seiner verfolgten Ahnen, auf einer Messingtafel montiert, zu lesen sind. Und bei diesem Anliegen, dass eigentlich jedem heutigen Bürger, der in gleicher Weise betroffen wäre, als selbstverständliche Erinnerung und Mahnung erscheinen müsste, wird plötzlich deutlich, wie schwer sich Gemeinderat und Bürgermeister auch gut 70 Jahre nach dem Nazi-Unrecht mit dessen Aufarbeitung noch tun. Wenn sich persönliche Betroffenheit und auch Beschämung mit dem Verhalten bekannter Bürger aus dieser Zeit mit der Erinnerung verbindet, ist dies in hohem Maße unangenehm und man ist dankbar für jede Ausrede, diese Art der Erinnerung zu vermeiden. Aber es gibt doch auch positive Zeichen: Haben nicht über 8.000 Bürger aus Schweinfurt und dem Umland am 1. Mai ein deutliches Zeichen gegen den Faschismus und seine Verdummungsparolen gesetzt? Die übergroße Mehrheit der Bürger, - sicher auch in Schonungen - , wird es als angemessen empfinden, wenn man den jüdischen Familien in Schonungen alsbald eine erinnernde Gedenktafel mit ihren Namen widmet. Das ist allemal menschlicher als die dümmliche Parole „wir alle stolpern täglich“.Herbert Wiener, Schweinfurt |
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christel2 (450 Kommentare) am 09.05.2010 18:33
Wir alle stolpern täglichüber unsere Geschichte und sollten diese annehmen, auch die Familie, dessen Vorfahren die Arisierer waren. Nur so kann eine Versöhnung beginnen, die ich für sehr wichtig halten. Nun ja, Arisierer ist einfach der Fachbegriff, falls man das nicht wissen sollte. |
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