aktualisiert: 27.05.2009 16:15 Uhr
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Region Gerolzhofen
Weil er einspringt, muss er sterben
Engländer auf Spurensuche seines 1943 bei Neuhausen abgestürzten Onkels
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Die Recherchen von Main-Post-Redakteur Norbert Vollmann (rechts) über den Absturz eines britischen Bombers in der Nacht vom 27. auf den 28. August 1943 bei Neuhausen führten zum Besuch des Engländers Trevor Cass (links) in Michelau im Steigerwald. Der in jener Nacht mit der gesamten Besatzung tödlich abgestürzte Heckschütze Norman Chew war sein Onkel. Das Bild entstand an der Stelle auf dem Michelauer Friedhof, an der sich einst das Grab mit den abgestürzten Fliegern befand, wie anhand der alten Aufnahme zu erkennen ist, die Cass und Vollmann in Händen halten.FOTO A. Vollmann -
Starb im Alter von 22 Jahren bei dem Absturz des britischen Bombers am frühen 28. August 1943 bei Neuhausen: Pilot Leonard Wilson Aspden.Repro N. Vollmann -
Starb im Alter von 35 Jahren beim Absturz des Bombers am 28. August 1943 bei Neuhausen: Heckschütze Norman Chew, der Onkel von Trevor Cass.Repro Vollmann -
Starb im Alter von 22 Jahren beim Absturz des britischen Bombers am frühen 28. August 1943 bei Neuhausen: Bordingenieur Kenneth Jack Bevis.Repro N. Vollmann -
Starb im Alter von 36 Jahren beim Bomberabsturz am 28. August 1943 bei Neuhausen: Bordschütze Eric Clayton. Er hinterließ Frau und zwei Kinder.Repro N. Vollmann -
Starb im Alter von 20 Jahren beim Absturz des britischen Bombers am 28. August 1943 bei Neuhausen: Der kanadische Navigator Edward Kelloway.Repro N. Vollmann
Als die über 670 Maschinen am 27. August 1943 in England für den Großangriff der Royal Air Force auf Nürnberg startklar gemacht werden, ist der Heckschütze der Mannschaft von Leonard Aspden kurzfristig ausgefallen. Norman Chew aus Pinner in der Grafschaft Middlesex erklärt sich bereit, für ihn in die Bresche zu springen. Diese Entscheidung kostet dem 35-jährigen, verheirateten Mann bei Neuhausen das Leben. Mit ihm sterben auch die sechs weiteren Mitglieder der Bomberbesatzung. Gut 65 Jahre später machte sich jetzt Trevor Cass in Michelau im Steigerwald auf die Suche nach den Spuren seines hier tödlich abgestürzten Onkels.
Der 63-jährige pensionierte Banker ist mit seiner Frau und einem befreundeten deutschen Ehepaar nach Franken gekommen. Schon 1965 hat er das Grab des Bruders seiner Mutter auf dem großen Commonwealth-Soldatenfriedhof in Dürnbach bei Gmund am Tegernsee besucht. Nun steht Trevor Cass tief ergriffen dort an der Stelle auf dem Friedhof in Michelau im Steigerwald, wo Norman Chew und seine Kameraden zuerst beerdigt waren.
Der örtliche Schreiner fertigt die Holzkisten für die Beerdigung der sieben gefallenen Luftwaffensoldaten. Darin werden die geborgenen sterblichen Überreste der teils herausgeschleuderten, teils im Wrack verbrannten sechs Briten und des einen Kanadiers an Bord in einem Gemeinschaftsgrab an der alten, im Zuge der späteren Friedhofserweiterung verschwundenen Friedhofsmauer von Kuratus Ambros Schor am 29. August 1943 beigesetzt.
Wenige Monate danach kommen drei weitere Soldaten aus England beziehungsweise Kanada mit in das Grab auf dem Friedhof in Michelau, nachdem ihr Bomber in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1944 im Bürgerwald in der Nähe des Steinernen Kreuzes zerschellt. Nach dem Krieg werden alle zehn Toten exhumiert und auf den erwähnten Soldatenfriedhof am Tegernsee gebracht, wo sie die letzte Ruhe finden.
Gleich auf der anderen Straßenseite von Kirche und Friedhof hatte zuvor Bürgermeister Siegfried Ständecke die Gäste aus dem Raum London im Rathaus empfangen und zu einem Schluck Michelauer Wein eingeladen. Trevor Cass gibt dabei zu verstehen, dass er sich lange danach gesehnt hat, „zu sehen, wie und vor allem wo alles passiert ist“.
Lange habe die Familie in England nur gewusst, dass Norman Chew im Zweiten Weltkrieg bei dem Angriff der Königlichen Luftwaffe auf Nürnberg abgeschossen wurde und ums Leben gekommen ist. Nähere Erkenntnisse hatte man nicht.
Ebenso beeindruckt wie vom Besuch in Michelau ist Trevor Cass schließlich vom Ortstermin im Steigerwalddorf Neuhausen. Egon Lutz, damals knapp sechs Jahre alt, erzählt, dass das ganze Haus gewackelt hat, als der Bomber in der Nacht über dem Dorf explodierte.
Der Neuhäuser zeigt den Gästen von der Insel auch die Stellen, an denen die Trümmer des Bombers vom Haussteig bis zu den Ebracher Wiesen niedergingen und wo die im Gras und auf dem Feld gefundenen Toten an der Straße nach Prüßberg abgelegt worden waren.
Und auch Seniorwirtin Rosa Zinner kann sich bei der Einkehr der Engländer im Wirtshaus in Prüßberg noch gut an diese Nacht erinnern, schildert lebhaft, welche Ängste die Menschen damals ausgestanden haben, weil sie fürchteten, dass der Bomber auf das Dorf fallen könnte.
Wie wichtig ihm die Reise zurück in die Vergangenheit war, bringt Trevor Cass in einem Dankesbrief zum Ausdruck: „Durch den Besuch des Ortes, an dem mein Onkel abstürzte, ist es mir möglich geworden, mir ein sehr vollständiges Bild von den Umständen machen, die mit dem Schicksal des Bombers und seiner Besatzung zusammenhängen“.
Weiter schreibt Cass: „Aufgrund des Besuchs von Würzburg und anderer Städte in der Gegend kann ich mir nun auch gut vorstellen, welch großer Schaden von den Alliierten während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs hier angerichtet wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass wir, die wir uns jetzt treffen und die Hände reichen, vor 60 Jahren noch Krieg gegeneinander führten.“
Als sein Onkel Norman Chew in den ersten Stunden des 28. August 1943 bei Neuhausen stirbt, hat er erst seinen vierten Einsatz für die Königliche Luftwaffe geflogen. Dafür war er neun lange Monate ausgebildet worden.
Ironie des Schicksals: Sowohl der Heckschütze, den der Onkel von Trevor Cass in jener Nacht ersetzte, als auch seine eigentliche Stamm-Besatzung kommen im Krieg ungeschoren davon und überleben. Norman Alfred Pinxton Chew war also ein Pechvogel im doppelten Sinn.
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